lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
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Werners Blog

Poesie in Stein

 
Seite an Seite ruhend, so findet der Erzengel Gabriel die drei Könige aus dem Morgenland.
 
Der nackte Arm eines der Schläfer ruht auf der prächtigen Decke. Leise berührt Gabriels rechter Zeigefinger den kleinen Finger des Königs, während seine Linke auf den Stern von Bethlehem weist, das Ziel der bevorstehenden Reise. Der König öffnet die Augen.
 
Träumende könige.bearbeitet
 
Dies ist eines der beeindruckendsten Kapitelle in der Kirche St. Lazare in Autun (Burgund), geschaffen von Gislebertus schon im 12. Jh..
 
 
Erstaunlich das Heraustreten aus der Anonymität zu diesem frühen Zeitpunkt, zumal, wenn der Name wirklich den Künstler und nicht den Auftrageber bezeichnen sollte.
 
Neben der meisterlichen Inszenierung des Geschehens auf kleinstem Raum, beeindruckt das Werk durch die berührende Visualisierung der Handlung. Der Betrachter meint zu spüren, wie Haut Haut berührt, sanft aber doch bestimmt.




Ruhen in Ravenna

 
Vor kurzem stieß ich auf eine Fotoserie über spätantike Bauten in Ravenna und war wieder fasziniert von den Grabmälern zweier großer historischer Persönlichkeiten und dem spannenden Gegensatz in Architektur und Ausstattung der Bauwerke, die in einer Zeitdifferenz von etwa 70 Jahren errichtet wurden.
 
 
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Da ist zunächst das Grabmal der weniger bekannten römischen Kaiserin Galla Placidia. Zu Anfang des 5. Jh. erstand ein unauffälliger Backsteinbau auf dem Grundriss eines griechischen Kreuzes. Über den Satteldächern der 4 niedrigen Arme erhebt sich ein gedrungener Turm, der die Hängekuppel birgt.
 
 
 
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Innen vergisst der Besucher das unscheinbare Äußere. In weihevoller Dämmerung umgibt ihn die Pracht des 1500 Jahre alten Mosaikschmucks mit dem großartigen blau-goldenen Sternenhimmel der Kuppel.
 
 
 
Ganz anders der zweigeschossige Zentralbau des berühmten Gotenkönigs Theoderich aus dem Beginn des 6. Jh.
 
 
 
Sorgfältig behauene Großquader aus Kalkstein, mörtellos gesetzt, türmen sich auf 10-eckigem Grundriss bis zu 16 m Höhe empor. Gekrönt ist das Obergeschoss von einem ca. 300 Tonnen schweren Dachmonolith. Anfertigung in Istrien, Transport und Montage sind Glanzleistungen spätantiker Ingenieurskunst.
 
 
 
 
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Das Äußere übertrumpft eindeutig das Mausoleum der Kaiserin. Innen aber ist der Bau schmucklos. Eine Porphyrwanne im Obergeschoss wurde erst im 20. Jh. aufgestellt.
 
 
Die Erbauer beider Grablegen sind nicht in ihnen bestattet. Forscher vermuten Galla Placidias Grab in Rom.
 
 
Leichnam und Sarkopharg des arianischen Gotenkönigs fielen religiöser Intoleranz zum Opfer. Nach der Eroberung des Gotenreiches tilgten die Katholiken alle Andenken an die Häretiker.




Gold am Giebel

 
Spätestens seit dem 16. Jh. glühten am Ostgiebel des Münsters zu Konstanz vier wagenradgroße goldene Scheiben, für die Schiffer auf dem Bodensee von weit her sichtbar.
 
Die größte Scheibe mit einem Durchmesser von fast 2 m wurde im 11. Jh. geschaffen. Dargestellt wird Christus als Pantokrator, begleitet von zwei Engeln.
 
 
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 Christus-Scheibe
Foto: Konstantin Köhler
 
 
Die anderen drei Scheiben sind im Durchmesser nur etwa halb so groß und sollen Werke verschiedener anonymer Meister sein. Zwei zeigen Brustbilder der Münsterpatrone Pelagius und Konrad, die Dritte einen plastisch gearbeiteten Adler, das Symbol des Evangelisten Johannes.
 
 
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Adler Scheibe
Foto: Konstantin Köhler
 
Nach ihrer Restaurierung in 1973 wurden die Kunstwerke in der Krypta (um 900 erbaut) des Münsters aufgestellt. Den Ostgiebel zieren nun Kopien.
 




Das wandernde Gewölbe

In der Mitte des 12. Jh. entwickelte sich in Südwestfrankreich die angevinische Gotik, deren Hauptmerkmal das Domikalgewölbe ist. Kuppel und Rippengewölbe gehen hier eine Ehe ein. Der Schlussstein ist stark nach oben gezogen.
 
Diese Gewölbeform wurde populär nur in der Ursprungsregion, und - Tausende von Kilometern entfernt - in Westfalen.
 
Bei der Frage nach den Gründen stoßen westfälische Historiker auf den Urvater des lippischen Herrschergeschlechtes. Bernhard II. war treuer Gefolgsmann Heinrich des Löwen, der nach dem Verlust seiner Herzogtümer ins Exil zu seinem Schwiegervater, dem Herrscher des Angevinischen Reiches, ging. Bernhard soll im Gefolge gewesen sein.
 
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 Domikalgewölbe St. Nikolai, Lemgo
 
Unmittelbar nach seiner Rückkehr gründete er 1184 oder 1185 Lippstadt und kurz darauf Lemgo und war auch an der Stiftung des Klosters Marienfeld beteiligt.
 
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Domikalgewölbe im Dom zu Münster
 
 
Bei diesen Interessen ist es so unwahrscheinlich nicht, dass er, beeindruckt von der im Angevin angetroffenen Gotik, das Domikalgewölbe durch französische Baumeister nach Westfalen bringen ließ und es Anfang des 13. Jh. in seinen Besitzungen einsetzte.




Ein Flüchtling aus Damaskus

 
Seine ganze Sippe ausgelöscht. Als einziger Überlebender flieht der 25-Jährige nach Nordafrika zur Berber-Familie seiner Mutter, die ihn versteckt. Verwandte schleusen den unbegleiteten Jugendlichen  nach Südspanien.
 
Was so modern anmutet geschah im Jahre 756. Der Flüchtling ist einziger Überlebender der Omayaden-Familie deren Kalifat  seit 661  über die islamische Welt herrschte. Nun sind nach fast 100 Jahren ihre Mörder, die Abbasiden, an der Macht in Damaskus.
 
 
 
Ab dar-Rahman gelang es schnell, Berber und Unterstützer der Omayden zu einen und den bisherigen Herrscher zu schlagen. Als Emir von al-Andalus verteidigte er seine Unabhängigkeit gegenüber dem feindlichen Kalifat.
 
Abd ar Rahman IStatue von Abd ar-Rahman I., Almuñécar, Spanien
Zwei Jahre vor seinem Tod begann er 786 mit dem Bau der Großen Moschee in Córdoba.
 
 
 
 




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