lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
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Werners Blog

Kapitell adieu

         
Über 20 Jahre lang haben sie mich bei meiner Beschäftigung mit mittelalterlicher Architektur begleitet. Wo immer eine Säule, ein Pfeiler – sie enden in einem Kapitell.

 

Ob antike Kapitelle, wie in Jouarre, ob alte mittelalterliche Pilzkapitelle, ob gewagte oder poetische Figurenkapitelle der Romanik – ich habe mich mit ihnen beschäftigt, und sie haben mich fasziniert.

 

Bei der Fülle der Typen und Formen vergaß ich manchmal ihre Funktion: Sie organisieren und schmücken den Übergang zwischen Stütze und Gebälk bzw. Gewölbe.

 

 

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Hauptkirche Rothenburg ob der Tauber, Spätgotik, 15. Jh.

 

Bei intensiverer Beschäftigung mit der Spätgotik muss ich nun feststellen (warum so spät?) - das Kapitell verschwindet. Wie Äste eines Baumes gebiert die Säule übergangslos ein Bündel von gewölbetragenden Diensten.

 

07.Antwerpen 8084.1                      Liebfrauenkathedrale Antwerpen, Spätgotik, 15. Jh..

Trotz einer gewissen Wehmut trösten zwei Dinge: Das Problem ist meist ästhetisch gelöst, und in den kommenden Kunstperioden wird das Kapitell wieder zu Ehren kommen.




Vom Lustschloss zum Gotteshaus

Von der Welt wenig beachtet träumt in den Bergen Nordspaniens  eine Architektur, die ebenso alt ist wie die karolingische. Sie wurde von einer Dynastie geschaffen, die früher gegründet wurde und länger Bestand hatte als das Reich Karls des Großen.

Vor diesem Hintergrund entstand ab der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts die präromanische Baukunst Asturiens.

 

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Hauptwerk ist das Weltkulturerbe Santa Maria del Naranco am gleichnamigen Berg. Der Bau wurde unter König Ramiro I. (842-50) als Sommerpalast oberhalb der Hauptstadt Oviedo geschaffen.

Halle und Untergeschoss sind einschiffig und mit Gurttonnen gewölbt.

Heutige Besucher sehen das Hauptgebäude eines Palastes, den wenige Jahrhunderte nach der Erschaffung ein Erdrutsch schwer schädigte, und der dann zur Kirche geweiht wurde. An diese Zeit erinnert nichts mehr.

 

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Das Detailfoto vermittelt noch heute die Botschaft „Sommerpalast“.

In der 1. Hälfte des 20. Jh. besannen sich die Verantwortlichen auf den Wert des Gebäudes für die asturische Prä-Romanik. Kirchliche Nebengebäude wurden entfernt, typische Architekturdetails herausgearbeitet.

 
So ist der Bau heute das herausragende Beispiel asturischer Prä-Romanik.

 

>>Reisebericht




Bärenfurz

 

Wir wissen wie empört Bernhard von Clairvaux, der große Abt und Organisator des Reformordens der Zisterzienser, sich zu den Kapitellen mancher Benediktiner-Orden geäußert hat.

 

Wir wissen nicht, ob ihm auch dieses Kapitell bekannt war. Es befindet sich in der Kirche St. Andoche im burgundischen Saulieu.
 
st andoche
 
Wikipedia, Christophe.Finot - Eigenes Werk
 
 
Diese ungewöhnliche Darstellung beruht auf einer heidnischen Legende, u.a. von Sylvie Germain in "Chanson des mal-aimants" beschrieben. Vereinfacht: Auf diese Weise entlassen die Bären nach Beendigung des Winterschlafs umherirrende Seelen, die sie aufgesammelt hatten, in den Frühling.
 
 
Die Kirche hatte sich auch dieses Themas angenommen und stellte St. Blasius ab, der auf dem Kapitell helfend die Schwänze der Bären hebt.
 




Heiterer Kreuzgang

Ich bin bei meinen Wanderungen auf den Spuren mittelalterlicher Architektur durch viele Kreuzgänge gewandelt.

Nördlich der Alpen sandten sie Signale aus wie Strenge, Würde, Askese, Harmonie.

 

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 Zisterzienserkloster Fontenay, 12. Jh.

 

Aber abhängig vom Orden, vom Zeitpunkt der Errichtung, von der Landschaft, gelang manchmal selbst dort Luftigeres.

 

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 St. Stephan, Mainz, um 1500

 

Doch erst bei einem Besuch in Rom sah ich Kreuzgänge, die alles infrage stellten, was dieses Wort bisher in meinem Kopf ausgelöst hatte: Schlanke Säulen, krumm, gewunden, farbig, kaum eine der anderen gleichend. Dazu Goldflitter, Marmor-Intarsien, Asymmetrie.

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 St. Paul vor den Mauern, Rom – 1. Hälfte 13. Jh.

 

Hier hatte eindeutig südliches Lebensgefühl gesiegt, verwirklicht von einer Familie von Kosmaten, Marmorhandwerkern in Rom, die vielen Bauten ihren lebensfrohen Stempel aufdrückten.




Barmherziges Mittelalter

 
Wir sprechen oft vom „Dunklen Mittelalter“. In vielen europäischen Ländern aber zeugt eine Reihe erhaltener Bauten von tätiger Nächstenliebe.
 
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"Heiligen Geist Hospital", Lübeck von 1286

 
Die ersten dieser Hospize oder Hospitäler für Reisende und Kranke entstanden in vorkarolingischer Zeit. Sie trugen oft den ‘Heiligen Geist‘ im Namen.
Im Hohen Mittelalter waren die Aufgaben getrennt.
 
 
Abseits der Pilgerherbergen wurden Kranke, Arme und Waisenkinder in Hospitälern versorgt. Aus den ursprünglichen Einzelzellen wurden große Hallen, die bessere Aufsicht und enge Verbindung zu Altar und Gottesdienst ermöglichten.
 
Ein besondere Herausforderungen war die Pflege von Lepra- und Pestkranken, die, wenn überhaupt, in speziellen, abgelegenen Spitälern betreut wurden.
 
Auf diese Aufgaben spezialisierten sich auch Orden, wie die Johanniter.
 
 
Goslar 8302                     "Das Große Heilige Kreuz" in Goslar
 
Eine Reihe der mittelalterlichen Bauten ist erhalten. Neben dem Hospital in Lübeck sind interessant: Das „Heiligen-Geist-Hospital“ in Wismar. Wurde um 1250 als Armen- und Krankenhaus gegründet. Das „Große Heilige Kreuz“ in Goslar wurde 1254 als Hospiz errichtet und bot Bedürftigen, Gebrechlichen und Waisen, aber auch Pilgern und anderen Durchreisenden ein Nachtlager und Versorgung mit Nahrung.
 
Manche der alten Hospize bieten noch heute Sterbenden Trost und Hilfe.




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