lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

 Sakralarchitektur Einzelthemen

Der Kreuzgang

Definition und Ursprung
Er ist das Zentrum des Klosters mit der Kirche auf der einen und den Klausurbauten auf der anderen Seite eines rechteckigen, meist begrünten Kreuzhofes, der hin und wieder auch letzte Ruhestätte ist.

 image001Kreuzgang Dom Trier (D) – Ende 13. Jh.

Viele Anlagen, die wir heute besichtigen, haben weniger als 4 Flügel. Das ist zum Teil dem „Zahn der Zeit“ geschuldet, zum anderen konnten besondere Ordensregeln, die Lage des Klosters, wirtschaftliche Zwänge (z.B bei Bettelorden) Änderungen erzwingen.

 

Nur der Lesegang an der Kirche war fest eingeplant. In Einzelfällen war er 2-schiffig und konnte so den wichtigen Kapitelsaal ersetzen.

 

image002 Lesegang 2-schiffig, um 1150
An Benediktinerkirche Königslutter, genannt „Kaiserdom“, Fertigstellung um 1170 (D)

Generell öffneten sich alle Kreuzgangflügel mit fensterlosen Arkaden zum Hof. Erst in der Spätgotik begann man sie zu verglasen.

Der Kreuzgang kann nördlich oder südlich der Klosterkirche liegen. In südlicheren Gefilden schätzten die Mönche als Schutz vor der Sonne eher das Erstere, wie das Beispiel Batalha zeigt. Der berühmte St. Galler Klosterplan aus dem Beginn des 9. Jh. verdeutlicht die Anordnung. Er war ein Ordnungssymbol und im Prinzip verbindlich für alle mittelalterlichen Klosterbauten.

 

image003(aus Putzgers Historischem Weltatlas, 1961)

Der Klosterplan diente der Umsetzung der Regeln des Hl. Benedikt von Nursia, der Ende des 5. Jh. in der Provinz Perugia geboren wurde.

Obwohl wohlhabend, zog er sich in die Bergeinsamkeit zurück, versammelte Eremiten zu einer Gemeinschaft von 12 Mönchen. „Ora et labora“ war seine Forderung, nach der noch heute in allen Benediktinerabteien und ähnlichen Orden, wie den Zisterziensern, gebetet und gearbeitet wird.

Das gilt auch für die Vorschriften der um 540 verfassten „Regula Benedicti“, die Besitzlosigkeit, Gehorsam, gemeinsame Mahlzeiten, regelmäßige Lesungen vorschreibt.

Das Leben der Mönche, besonders im frühen Mittelalter war hart. Es gab noch keine Zellen für sie und kaum ein „Privatleben“. Gebet und Arbeit ließen dafür keine Zeit. Auf den Kreuzgangfluren aber gab es Gelegenheit für kurze Gespräche mit anderen Brüdern, für Kontemplation.

 

Geschichtliches

Kreuzgänge sind nachgewiesen, wenn auch nicht erhalten, ab dem 8. Jh., meist als Holzkonstruktionen.

 

image004Kreuzgang, 2-geschossig, aus Holz – frühe Neuzeit
An der Stiftskirche San Pedro de Teverga, - 2. Hälfte 11. Jh. Asturien (E)

 

Als Beispiel diene ein in der frühen Neuzeit errichteter hölzerner Kreuzgang in Asturien.

In frühmittelalterlichen Bauten waren 2-geschossige Anlagen selten.

image005Ottonisches Kreuzgangfragment 12. Jh.– 
An Benediktiner Abteikirche St. Pantaleon, Köln, (D) Baubeginn um 1000

 

Das älteste erhaltenen größere Kreuzgang-Fragment Deutschlands ist wohl aus dem 12. Jh. Es befindet sich auf dem Gelände von St. Pantaleon in Köln. Bemerkenswert sind die urigen Pilzkapitelle.

 

Planung und Bauschmuck

Allgemein boten Arkaden, die sie tragenden Pfeiler und Säulen willkommene Gelegenheit zur Befriedigung des überall vorhandenen Schmuckbedürfnisses.

Jedenfalls sind wir bei einem der vielseitigsten und interessantesten Themen, obwohl rein optisch die kleineren Säulen, Arkaden und Gewölbe es schwer haben im Vergleich zur opulenten Ausstattung wichtiger, am Kreuzgang gelegener Klausurbauten, um nur die Kapitelsäle zu nennen.

Die Einflüsse auf Planung und künstlerische Gestaltung sind vielseitig. Da ist der Abt. Die Klosterregeln spielen eine Rolle, große Politik ebenso wie Wirtschaftliches und Regionales und nicht zuletzt die Epoche in der geplant und gebaut wird.

 

Ich will versuchen, aus der Vielzahl der von mir besuchten Kreuzgänge interessante Beispiele und vor allem Abweichungen von der Norm zu zeigen sowie die Einflüsse, die jeweils eine Rolle spielten.

 

Etwa in der Mitte des 12. Jh. entstand in Burgund das Kloster Fontenay.

Mit dieser Abtei unterstrich Bernhard von Clairvaux, seinen Protest gegen den Prunk der Benediktiner von Cluny, deren Kloster übrigens drei Kreuzgänge schmückten. Der große Abt des Zisterzienserordens zeigte, wie den Forderungen des Hl. Benedict nach Bescheidenheit und Zurückhaltung auch bei Großbauten und deren Ausstattung nachzukommen sei.

image006  

Die außerordentlich sorgfältige Steinbearbeitung ist ein Ausrufezeichen. Die Kapitelle sind zurückhaltend skulptiert. Doch trotz selbst auferlegter Beschränkung ist) der Kreuzgang mit Pfeilern und Säulchen sowie der Spitztonne beeindruckend.

Wenig später, am Ende des 12. Jh., wurde einer der eindrucksvollsten Kreuzgänge Norddeutschlands errichtet, in der Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode (Harz). Leider verfiel er.

Mit dieser Stiftung hatte ein berüchtigter Slawen- und Heidenschlächter, Markgraf Gero, versucht, sich von seinen Sünden freizukaufen, nicht unüblich in jenen Zeiten. Wir wissen nicht, ob es gelungen ist, aber die Freude, ja Begeisterung, die Liebhaber und Kenner dem Bau entgegenbringen, stimmen etwas milde.

 

gernrode2-geschossiger Kreuzgangflügel (Lesegang), Ende 12. Jh., (19.Jh.)
an der Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode, (D) Baubeginn um 1000.

 

Erst im 19. Jh. wurde der Nordflügel, der Lesegang, als einziger unter Verwendung von Original-Baumaterial hervorragend restauriert. Er schenkt uns den eindrucksvollen Blick auf einen doppelgeschossigen kreuzgratgewölbten Flügel über dem sich 2 Geschosse der Klosterkirche erheben.

Viel Freude machen dem Interessierten auch die geretteten spätromanischen, reich skulptierten Kapitelle.

 

Ich staune über zwei andere Beispiele, die, obwohl baugeschichtlich recht nah beieinander, gegensätzlicher nicht sein könnten.

Da ist zunächst der Kreuzgangflügel eines abgelegenen Pyrenäen Klosters. Er hängt buchstäblich über dem Abgrund.

 

image010Südliche Kreuzganggalerie
Priorat Sainte Marie de Serrabona, Roussillon (F), Mitte 12. Jh.

Die äußeren Arkadenbögen aus Schiefergestein sind schmucklos und in 3 Arkaden unterteilt, die auf niedriger Mauer Säulen mit Kapitellen tragen, gehauen aus dem berühmten rosafarbenen Marmor der Gegend.

Unabhängig davon muss ich hinweisen auf das berühmteste Kunstwerk dieses Klosters. Fachleute bezeichnen die Empore der Chorherren als Höhepunkt romanischer Marmorskulptur im Roussillon. Als Besucher einer Reihe von Klöstern dort teile ich diese Ansicht.

 

Rund 50 Jahre später kreieren Künstler der Kosmatengruppe in einem Rom, das mit nur rund 40.000 Einwohnern nicht mehr der Mittelpunkt der „zivilisierten“ Welt ist, auch einen Kreuzgang. Gibt es auf diesem Gebiet größere Gegensätze?

 

image011Kreuzgang der angeschlossenen Benediktinerabtei, 13. Jh.
  An antiker Papstbasilika St. Paul vor den Mauern (I)

 

Während in Serrabonn die Ungunst des Geländes und Geldmangel für die starke Abweichung vom Klosterplan verantwortlich waren, spielten beide Gründe hier keine Rolle. Offensichtlich hatte die dem Vatikan eng verbundene Abtei keine Geldsorgen, und wir können davon ausgehen, dass man sich nicht mit einem Flügel begnügte.

Kunsthistoriker halten den mit bizarr gewundenen Säulenschäften und vielen Marmorintarsien geschmückten Kreuzgang für einen der kunstvollsten des Abendlandes.

 

Das nächste Beispiel zeigt was möglich ist, wenn nicht nur das Geld, sondern auch der Ruhm eine Rolle spielen.

Das Königreich Portugal, entstanden nach einer langen Phase der Abtrennung von Spanien, sollte 1385 endgültig zurückerobert werden. In der Schlacht von Aljubarrota aber siegte Portugal und gewann endgültig die Selbständigkeit.

Als Dank für himmlischen Beistand und zur Feier des Sieges hatte der portugiesische König ein riesiges Kloster versprochen.

 

batalhaKöniglicher Kreuzgang (Claustro Real), 15. Jh.
Im Kloster Batalha des Dominikaner Ordens, 14. – 16. Jh. (PT)

Der Kreuzgang liegt an der Nordseite des Kirchengebäudes und misst 50 x 50 m im Quadrat. Fachleute schätzen die prunkvolle Großanlage, fragen sich aber, warum der König sie einem Bettelorden, den Dominikanern, übergeben hat. An Planung und Finanzierung waren sie nicht beteiligt.

Nicht immer bedurfte es des Inhaltes königlicher Schatzkammern, um Beeindruckendes zu schaffen. So geschehen in der Kathedrale von Gloucester.

Der dortige Kreuzgang, der erste mit einem Fächergewölbe, kann es an Pracht durchaus aufnehmen mit der Anlage in Portugal. Doch woher kam das Geld? Die Kathedrale beherbergt die Grabmale zweier populärer Mitglieder königlicher Familien. Robert Curthose, Herzog der Normandy, (gest. 1134) war ein berühmter Sohn Wilhelm des Eroberers. Edward II., war englischer König, der abgesetzt und ermordet wurde (1327).

 

image014Kreuzgang, 14. Jh.
An der Kathedrale von Gloucester (GB), 12. Jh.

Die Mönche hatten es anscheinend verstanden, Pilgerströme zu den beeindruckenden Grabmalen zu organisieren und reiche Spenden einzustreichen, zumal sie Wunder bezeugen konnten.

Noch ein eher technisches Detail: Im Gegensatz zur Norm in nordischen Ländern liegt der Kreuzgang hier an der Nordseite der Kirche.

 

Das war eine kurze Auswahl von Kreuzgängen, die mehr oder weniger von der im Klosterplan vorgegebene Ordnung abwichen, sei es durch eine Reform, durch eine prekäre Lage, durch die große Politik, durch Prunk oder durch phantasievolle, ja verrückte Formen.

Bleibt zum Schluss noch etwas sehr Schönes: die Brunnen im oder am Kreuzgang.

 

Zur Sauberkeit in den mittelalterlichen Klöstern sind Berichte überliefert, die sowohl einen unglaublichen Mangel an Hygiene bezeugen, als auch die Bemühungen, trotz der Umstände für ein Minimum an Sauberkeit zu sorgen.Ich denke, dass die Zisterzienser mit ihren Kenntnissen der Wasserwirtschaft in die letzte Kategorie fallen.

 

In vielen Klöstern gibt es Brunnenhäuser im oder am Kreuzgang, wie hier im Kloster Bebenhausen, ein spätgotischer Bau. Dort wuschen sich die weißen Mönche die Hände, einmal in der Woche fielen die Bärte und die Tonsur wurde beschnitten. Es war auch der Ort für rituelle Fußwaschungen.

 

image015Kloster Bebenhausen (D)

 

In einem ähnlichen Gebäude aus dem 14. Jh. steht im Kloster Maulbronn die 3-teilige Schale mit dem plätschernden Wasser, die Hesse in einem Gedicht besungen hat.

 

image016  
…Steh ich am moosigen Säulenschaft gelehnt
   Und horche, wie in seiner grünen Schale
   Der Brunnen klingend die Gewölbe dehnt

 

     

 

Literatur

 

Binding Günther, Architektonische Formenlehre, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998

Clifton-Taylor, Alec, The Cathedrals of England, Thames & Hudson, London, 1967 and 1986

Durliat, Marcel, Romanisches Roussillon, Echter Verlag, Würzburg, 1988

Schäfke, Werner, Kölns Romanische Kirchen, Geschichte und Ausstattung, DuMont Kunstreiseführer, DuMont Buchverlag Köln, 1996 –

Untermann, Matthias, Handbuch der mittelalterlichen Architektur, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 2009

 

Diverse Wikipedia-Artikel

 

Eigene Besuche

 

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