lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

Romanik

Zisterzienserabtei Fontenay

Ernst und schweigend zeugen altersgraue Mauern von einem gewaltigen Umbruch im klösterlichen Leben Europas. Wuchtige, schlichte Bauten, in zisterziensischem Geist geschaffen für religiöse Inbrunst und strenge Askese.

Der Zisterzienser Orden

Der Anfang
Bei der Beschreibung der ältesten erhaltenen Kirche des Ordens und der Klausur darf ein Blick auf die schwierigen Anfänge nicht fehlen.

Abgestoßen durch die Missachtung der strengen Ordensregeln des hl. Benedikt von Nursia in vielen Klöstern, versuchen einzelne Benediktinermönche in Burgund einen eigenen Weg zu gehen. Sie wollen dem Gebot „Ora et Labora“ wieder folgen, dem Beten und Arbeiten in Bescheidenheit und Askese.

Anstoß erregt die riesige und einflussreiche Benediktiner-Abtei Cluny, früher ihrerseits Mittelpunkt einer großen Klosterreform.

In seiner Spätphase aber folgt dieser Orden der benediktinischen Regel nur noch bedingt. Missachtung der Handarbeit und Prunk in der Liturgie stoßen viele Mönche ebenso ab wie die riesige Klosterkirche, als Cluny III bekannt und 1130 geweiht. Sie ist zeitweise das größte Gotteshaus der Christenheit.

 

fontenay 01 Ruine Klosterkirche Cluny (abgerissen in der frz. Revolution)

 

Einer der Rebellen ist Robert. Nach gescheiterten Versuchen einer Reform in traditionellen Benediktiner-Abteien und unter Einsiedlern gründet er um 1075 das Kloster Molesme.

Ein gewisser Wohlstand durch Schenkungen und die Abneigung auch dieser Mönche, den Ordensregeln streng zu folgen, veranlassen ihn 1090, zusammen mit Prior Alberich, Stephan Harding und 20 Mönchen das Kloster zu verlassen. Sie ziehen in die Gegend von Cîteaux.

Nach der Beilegung innerkirchlicher Probleme gründet Robert 1098 offiziell das Kloster Cîteaux und feiert im gleichen Jahr dort den ersten Gottesdienst.

Ein Jahr später geht er nach Molesme zurück.

Bis 1109 ist Alberich Abt. Er will ein extrem strenges Regime. Die Zahl der Mönche schrumpft. Doch Privilegien der Kirche und Land-Schenkungen des Adels erlauben es, 1101 einen günstigeren Standort für das Kloster zu wählen. Inmitten von Holzgebäuden wird eine kleine steinerne Kapelle gebaut.

Cîteau, die Gründungsabtei des Zisterzienser-Ordens ist aus der Taufe gehoben.

Von 1109 bis 1134 ist Stephan Harding der 3. Abt.

1112 nimmt Abt Harding den 25-jährigen Bernhard und viele Gefährten als Novizen im Kloster Cîteaux auf.

1119 schreibt Harding die „Charta Caritatis“, die Verfassung des Ordens. Sie wird vom Papst bestätigt.

 

Die Gründungsphase des Zisterzienser Ordens ist abgeschlossen.

 

Der Aufbruch

Nach anfänglich 4 oder 5 Abteien folgen nach Bernhards Tod über 300 Klöster den Regeln des Heiligen, den Historiker für einen der bedeutendsten Männer des 12. Jh. halten.

Doch zurück. In den Jahren 11131115 werden zunächst die vier Primärabteien etabliert: La Ferté, Pontigny, Morimond und Clairvaux. Sie unterstehen Cîteaux und gründen ihrerseits Tochterklöster.

Ab 1120 ist Bernhard Abt von Clairvaux und trägt von nun an seinen Beinamen.

 

Das Kloster Fontenay

Als Filiation von Clairvaux organisiert Bernhard die Abtei Fontenay, die 1130 am heutigen Standort ihren endgültigen Platz findet. Erster Abt ist Godefroy de Rochetaillé, ein Onkel Bernhards.

 

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Wappen von Fontenay (gallery.plogmann.net)
 
Die Abteikirche
Das wichtigste Gebäude eines Klosters ist die Kirche. In Fontenay vereint sie alle Vorstellungen Bernhards hinsichtlich Lage, Abmessungen, Architekturdetails, Qualität und Ausstattung. Mit schlichter Schönheit und Bescheidenheit ist sie der Gegensatz zu Cluny III.
 
 
fontenay 03 Abteikirche – Westfassade

 

Der Bau erstand in den Jahren 1139-1147. Wahrscheinlich haben Schenkungen des vermögenden Bischofs Ebrar (Everard) von Norwich, Gast in Fontenay, zur kurzen Bauzeit beigetragen.

 

fontenay 04 Abteikirche -Blick in den Chor

Das Langhaus der Basilika erstreckt sich über 66 m, (im Vergleich: Cluny III 187 m). Eine Spitztonne wölbt die 8 Joche des Mittelschiffs. Vor den mächtigen Pfeilern der Arkaden tragen Pilaster und Halbsäulen die Gurte. Die Kapitelle sind mit Blattornamenten sparsam skulptiert.

Wie fast alle Kirchen des Ordens ist auch diese geostet und hat in betonter Anspruchslosigkeit einen flachen Chorabschluss.

 

fontenay 05 Photo: Myrabella  / Wikimedia Commons  / CC BY-SA 4.0

 

In der Ostwand spenden sechs schlichte über einander angeordnete und farblos verglaste Rundbogenöffnungen dem Altar Licht. Die Ostfassade des Mittelschiffs mit ihren fünf Fenstern im Giebel überragt den Chor. So beleuchten insgesamt elfFenster den Ostteil der Kirche. Darüber hinaus lassen die ebenfalls weiß verglasten Öffnungen der Seitenschiffe spärliches Licht in den Innenraum.

Dieses „weiße Licht“ ist unerlässlich für das Armutsideal der Zisterzienser. Bunte Scheiben sind nicht erlaubt, später jedoch Grisaille-Fenster.

 

Einige Autoren schreiben der Anordnung der Fenster symbolische Bedeutung zu. (Dreiergruppen = Hl. Dreieinigkeit)

Im Osten eines jeden Querschiffarms sind zwei Kapellen eingefügt.

 

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Madonna im Chor (13. Jh.)

 

Einziger Schmuck im Chor ist eine Madonna aus dem 13. Jh., auch Sinnbild dafür, dass es vor allem die Zisterzienser waren, die die Marienverehrung förderten.

 

 

Die Klausur
Die wichtigsten dieser Bauten wurden in der 2. Hälfte des 12. Jh.. errichtet. Vom südlichen Querschiffarm der Kirche aus führt eine Treppe zum Dormitorium, dem über 50 m langen Schlafsaal der Mönche.

Wieder erinnert in der Stirnwand eine Dreiergruppe von Rundbogenfenstern an die Heilige Dreieinigkeit. Um das Bild vom Klosterhof aus nicht zu stören, sind auch an der Langseite über dem Kreuzgang die Fensteröffnungen vom gleichen Stil, währen auf der gegenüber liegenden Seite die Öffnungen schlicht rechteckig sind.

Die riesige Decke aus Holz hat die Zeiten seit dem späten Mittelalter überdauert. Sie ist aus Eichen- oder Kastanienholz – die Autoren können sich nicht einigen.

Die Regeln verlangen, dass Zisterziensermönche in voller Bekleidung rechts und links eines Mittelganges auf Strohsäcken schlafen, die direkt auf dem Steinboden liegen.

 

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Dormitorium

 

Unter dem Dormitorium befinden sich wichtige Räume für das Klosterleben. Kapitelsaal, und Mönchsraumsind mit kräftigen Rippengewölben ausgestattet, um das Gewicht des Schlafsaales zu tragen.

 

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Mönchsraum (?)

 

Die Mönche werden keine Zeit dafür gehabt haben, doch der Besucher hat vom Dormitorium aus einen schönen Blick auf Kreuzgang und Klosterhof.

 

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Die Bogengänge öffnen sich zum Klosterhof mit Doppelarkaden unter Blendbogen, getragen von drei Paaren kurzer Zwillingssäulen. Jede Doppelarkade ist eingespannt zwischen mächtigen abgekragten Pfeilern.

Kämpfer und Kapitelle der Säulen sind mit den kämpferähnlichen Gesimsen der großen Pfeiler auf gleicher Höhe.

Die Kapitelle sind auch hier zurückhaltend skulptiert.

 

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Ebenso beeindruckend ist das Innere des Kreuzgangs, wie die Kirche durch eine Spitztonne gewölbt.

 

Schlusswort
Vor über 20 Jahren führte mich meine erste „Bildungsreise“ in Sachen Romanik nach Burgund. Vieles hat mich tief beeindruckt, vor allem aber dieses Kloster, streng, schlicht, erdverbunden. Schon damals war die Abtei das Ziel vieler anderer Mittelalter-Liebhaber. Die Zeit war knapp, und so reichte es nur für hastige Schnappschüsse von teils noch nicht vollkommen restaurierten Gebäuden.

Die Anlage ist heute gut erhaltenes Weltkulturerbe. Das ist auch und vor allem den Familien Montgolfier und Aynard zu verdanken, die sich seit dem 19. Jh., auch in Zusammenarbeit mit dem Staat, um die Anlage verdient gemacht haben.

 

 

Literatur

Barral i Altet, Xavier, Romanik, Städte, Klöster und Kathedralen, Stierlin, Henri, (Hrsg.) Taschens Weltarchitektur, Benedikt Taschen Verlag GmbH, Köln, 1998

Boutevin, Patrick, Abbaye de Fontenay, Editions Gaude, Moisenay, 1996

Droste, Thorsten, Burgund, Kernland des europäischen Mittelalters, Hirmer Verlag, München, 1993

Larousse, Le Petit, Grand Format, 2000, Larousse, Paris

Leroux-Dhuys, Jean-Francois, Die Zisterzienser, Geschichte und Architektur, h.f.ullmannpublishingGmbh, Potsdam, Sonderausgabe, 2007

Oursel, Raymond, Romanisches Burgund, Zodiaque Echter Verlag, Würzburg 1981

Toman, Rolf, (Hrsg.), Romanik: Architektur; Skulptur, Malerei, Könemann-Verlagsgesellschaft mbH, Köln, 1996

 

Netz
https://deu.archinform.net/projekte/7358.htm

 

Eigene Beobachtungen

 

 
 

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