lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
 

Zum Schmunzeln

Das Seminar

 

Once upon a time...ja, lang ist’s her – als für das human capital noch die altertümliche Bezeichnung "Mitarbeiter" stand, global players altmodische "Multinationale Konzerne" waren und shareholder value von manchen für ein wertvolles Trinkgefäß gehalten wurde.

 

Aber schon in dieser grauen Vorzeit bemühten sich einige Firmen, ob start ups oder global players um Weiterbildung ihrer Mitarbeiter – Verzeihung, des human capital, und - es wurde nicht einmal zwischen Stark- und Schwachleistern unterschieden.

 

Das bevorzugte Instrument waren Seminare, d.h. events (altmodisch "Veranstaltungen"), in denen mehr oder minder qualifizierte aber immer hoch bezahlte Fachleute (heute coach) mehr oder weniger wichtige Weisheiten von sich gaben, bzw. Altbekanntes "strukturierten".

 

Da das Wohl des human capital dem der shareholder (altmodisch "Aktinonäre") nicht unbedingt untergeordnet war, fanden diese events oft an gepflegten Orten (heute locations) statt: Gute Hotels, Schlösser, Burgen, auch mal ein ausgedientes Kloster. Hallenbad war fast eine Selbstverständlichkeit, ebenso eine gute Küche – manche würden es heute Sozialbarock nennen. Folge: Seminare waren in der Regel begehrt, und so hatte sich auch der Held unserer Geschichte (nennen wir ihn Alexander) dem Angebot nicht verweigert, gecoacht zu werden in "Problemlösung und Entscheidungsfindung".

 

Also, 5 Tage in einem Wasserschloß in schöner Umgebung mit all den oben geschilderten Annehmlichkeiten. In lichtdurchfluteten Seminarräumen beschriftete man bunte Pappschildchen, um sie mit ebensolchen Nadeln auf weiße Pin-Wände zu heften – gut durchstrukturiert, versteht sich. Man versah Flipcharts (das hieß schon damals so!) mit eindrucksvollen Grafiken und fragte sich zwischendurch, woher man im Alltagsstreß all die Zeit für diesen Aufwand nehmen solle.

Beim Mittagessen wurde dann lustlos diskutiert, z.B. ob nicht doch die Entscheidungsfindung vor der Problemlösung komme. Alles in allem – eine angenehme und streßfreie Veranstaltung (event), die am Freitag gegen 14.00 Uhr fast übergangslos in das Wochenende mündete.

 

Die Gattin mit 8-jährigem Patensohn Jörg erwartete den frisch Gecoachten am Ausgang. Weil die Abholer nach Meinung der besseren Hälfte nicht fein genug angetan waren, fiel ein eigentlich geplanter Besuch im Café aus, sehr zur Enttäuschung des jungen Mannes.

 

Auf der Heimfahrt im Auto siegte dann des Knaben Neugier über die Enttäuschung ob des entgangenen Eisbechers.

 

"Was habt ihr hier eigentlich gemacht?"

 

Eine schwierig zu beantwortende Frage angesichts der unübersichtlichen Gemengelage im Kopf des Befragten. "Mh, ja, also,... wie soll ich Dir das erklären?" Längere Pause, peinlich angesichts des erwartungsvollen Kindergesichtes.

 

Doch dann plötzlich die rettende Idee (Zeigte das Seminar etwa schon Wirkung?)

"Ja, das ist so. Also, dein Fahrrad ist doch kaputt. Jetzt mußt Du überlegen, was Du machst. Du kannst zum Beispiel in Zukunft zu Fuß gehen, es reparieren oder ein neues kaufen. Wenn es repariert werden soll, mußt Du prüfen, ob Du das selbst kannst, oder ob Du das Rad zur Reparatur bringen mußt. Solltest Du ein neues Rad wollen, mußt Du überlegen, ob das Geld im Sparschwein ausreicht, ob Du Dir Geld leihen mußt oder ob Du Dir ein Fahrrad schenken lassen willst. Wenn Du Dich für das Letztere entscheidest, mußt Du darüber nachdenken, ob...." –

 

Hier wurde der Redefluß des inzwischen warmgelaufenen Seminaristen ernüchternd unterbrochen:

 

"Und dafür habt Ihr eine ganze Woche gebraucht?"