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Roman

Schicksal Altai

 

Erlebnisse der Kindheit unter dem NS-Regime haben mich lange beschäftigt. In meiner Familie, offenbar nicht linientreu, herrschte Angst vor einem Sieg des Dritten Reiches.

 

Ein Buch über den Altai, ein Weihnachtsgeschenk, weckte im 8-Jährigen die Sehsucht nach Weite, unberührter Natur und Freiheit.

 

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Ich habe darüber einen Roman geschrieben und als e-Book veröffentlicht. Erhältlich ist es für 0,99 Euro in diesen Online-Shops:

 
 

 

Einige gekürzte Leseproben für Eilige:

 

Geduldig griff Wilhelm Tölke erneut zur rostigen Konservendose auf der Bank neben ihm, tauchte den Ziegelbrocken in die schmutzige Brühe. Energisch bearbeitete er mit dem Stein den schon glänzenden Stahl. Nach einer Weile hielt er inne, ließ das Licht der Abendsonne auf dem Spatenblatt spielen und brummte zufrieden.

Jetzt in der Stille drang das Summen Hunderter von Bienen im blühenden Kirschbaum an sein Ohr, unfein überlagert vom Grunzen und Schmatzen der Schweine in der Mistkuhle vor ihm.

Mit einem vom Ziegelstaub rot gefärbten Lappen begann er das Metall zu trocknen. Seine Bewegungen wurden langsamer. Er lehnte sich zurück.

Blicklos starrte er auf das von Schmeißfliegen beschissene weiße Gitter der Mistkuhle.

Er schüttelte den Kopf. Dieser Tag hatte schon unerfreulich begonnen. Wenn ihm etwas heilig war, dann sein Frühstück.

Und da hatte es geschellt, während er genüsslich an einer mit Speck und Senf belegten Scheibe Brot kaute. Trotz warnend erhobener Hand hatte Oma einen Besucher in die Wohnküche eingelassen, dessen bloßer Anblick den saftigen Bissen fad werden ließ. Dass der Kerl es wagte!

Er ließ Detering mit in die Schultern gezogenem Kopf neben der Holzkiste stehen und kaute unbeirrt weiter. Oma flüchtete.

„Moin, Herr Tölke“, kam es kläglich. „Tut mir leid, dass ich so früh störe. Aber Minna meint, ich solle früh, ähh, ehe andere…“

Tölke kaute. Schließlich setzte er seinen prominenten Adamsapfel in Bewegung und spülte schlürfend mit Milchkaffee nach. Dann schickte er Detering einen Blick hinüber, der dessen spärliche Mutreserven weiter reduzierte.

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden“, log er. „Machen Sie’s kurz.“ Unbotmäßigen Zieglern wäre der Ton bekannt vorgekommen.

Trotz dieser wenig einladenden Eröffnung wagte es der Besucher mit dem Mut der Verzweiflung. „Es geht um die Deportation. Wir würden gern, ähm…, ich meine, mit Ihnen fahren.“

Wilhelm Tölke war viel Dreistigkeit begegnet in seinem Leben, aber dies hier bewog ihn dazu, die Scheibe Brot, von der er abbeißen wollte, aus dem Mund zu nehmen und sie betont vorsichtig auf den Tisch zu legen.

„Darüber entscheiden mein Enkel und mein Schwiegersohn, der Ihnen oder besser gesagt, Ihrer Frau so suspekt war, dass Sie den Jungen aus der Lehre nahmen. Mann, wie viel Schiss müssen Sie vor Ihrer Alten haben.“

Bekannte und hier willkommene Wut stieg in Tölke hoch. Sein Faustschlag auf den Tisch veranlasste den Deckel der Kaffeekanne zu kurzem Flug mit anschließender Bruchlandung auf dem Boden. Oma im Schlafzimmer fiel das Paradekissen aus der Hand.

„Und nun sollen wir eure Haut retten“, schnauzte er. „Diesen Fall kann ich definitiv selbst entscheiden. Für Leute wie Sie ist kein Platz. Wir brauchen hart arbeitende Männer, keine Schwätzer. Lass mich in Ruhe. Verschwinde.“ Das plötzliche Du war Ausdruck höchster Verachtung.

Er wandte Detering den Rücken und sich seinem Frühstück zu.

Auf seiner Bank grinste Wilhelm Tölke in der Erinnerung. Oma hatte ihn ordentlich abgebürstet, auch wegen der Kaffeekanne. Robert aber hatte ein Problem weniger.

Er nahm Maß, und sein ausgelutschter Priem schoss durch eine Spalte im Gitter und löste bei einem Schwarm Brummer einen Kavaliersstart aus. Er fasste den Spaten am Blatt, fuhr mit einem öligen Lappen über den Stiel und lehnte ihn behutsam an die Bank….

……………………………

   

 …Gehorsam sprang der Argus AS-10-Motor an. Der hölzerne 2-Blatt-Propeller begann sich zu drehen, bis er sich schließlich in einem schwirrenden Kreis auflöste. Schnee wirbelte hoch. 240 PS brummten beruhigend. Die Auspuffrohre verschmutzten mit blau-schwarzen Abgasen den Schnee. Leises Vibrieren ging durch den Flieger.

 

Vater schob den Gashebel weiter vor, löste die Parkbremse. Die Kufen des Hauptfahrwerks glitten über den Schnee. Der Feldwebel drückte sanft den Steuerknüppel nach vorn. Das Spornrad löste sich vom Boden, die Nase senkte sich und gewährte ihm freie Sicht auf die „Startbahn“.  Schneller und schneller wurde der Vogel, bis Vater den Knüppel zu sich heran zog und sich die Maschine unglaublich früh vom Boden löste. Der Storch war gestartet.

 

In flachem Steigflug ging er auf Südost-Kurs und überflog die in den Schnee geduckten Hütten des Weilers Rybalka zur Rechten.

 

Kurzbauer hatte seine Karte auf den Knien und orientierte sich. Ungeduldig sah er hinunter zum vereisten Fluss. Blaue Schatten lagen über großen Teilen der Landschaft. Über den schon von der Sonne gestreichelten Wiesen und Wäldern des Westufers hingen zarte Dunstschwaden. Die Inseln im Flussbett wurden kaum kleiner. So sehr der General die Fi 156 auch schätzte, bessere Steigeigenschaften hätte er sich gewünscht.

 

Der Katun änderte hier seinen Nordost-Kurs brüsk nach Nordwest. Am Ostufer zog sich, gesäumt von Waldstreifen, das Band der M 52 durch eine Schwemmebene. Jenseits des Flusses erhob sich das bewaldete Prallufer nur einhundert Meter. Landeinwärts die Eisfläche eines kleinen Sees. Dies war Mittelgebirgslandschaft. Ein reizvolles Urlaubsparadies, aber nicht zu vergleichen mit dem majestätischen Hochgebirge im Süden.

 

Die Maschine hatte die vom Piloten geplante Flughöhe erreicht. Bei 1200 m hatten sie einen guten Überblick und waren außer Karabiner-Schussweite.

 

Vater folgte dem Flusslauf. Das hier weite Bett lag zwischen flachen Ufern. Das Westliche war bewaldet. Darüber weitete sich eine hügelige kahle Hochfläche, tief verschneit. Die Morgensonne zauberte lange Schatten im Westen kleiner Hügel. Am Beginn einer kurzen Geraden überflogen sie das Dörfchen Sousga, von der M 52 durchschnitten. Der General stutzte, griff zum Glas. Eine einsame Gestalt führte eine Kuh am Strick durch den Schnee entlang der einzigen befestigten Straße des Altai. Die Person blieb stehen, legte eine Hand über die Augen und sah hoch. Was mochte sie denken?

Kurzbauer sah wieder hinunter. Hier wurde die Landschaft wilder. Wieder wurde der Fluss in der Biegung von zahlreichen Inseln in seinem Lauf behindert.

 

‚Das müssen reißende Stromschnellen sein im Sommer’, dachte er. Wald auf beiden Ufern. Voraus, vor der nächsten Biegung machte er auf einer flachen Terrasse zur Linken das Dörfchen Manzherok aus, mit dem ersten Kontroll-Posten der 39er seit Oirot-Tura.

 

Und wieder eine dieser unglaublichen Kehren, der Fluss treu begleitet von der Straße. Weiterhin viel Wald. Rechts ein höherer bewaldeter Berg, vielleicht 600 Meter hoch.

 

Mit gemächlichen 130 km/h brummte der Storch über den Katun. Vor der nächsten Flussbiegung lag eine bewaldete Insel mitten im Strom, die, mit spitzem „Bug„ und „Heck“, an ein Schiff erinnerte. Hinter der Kehre das Dorf Ust-Muny, wie Manzherok auf dem Ostufer, ein weiterer ärmlicher Weiler mit einigen Hütten entlang der M 52. Er wurde überragt von teilweise bewaldeten Steilhängen. Rechts, über höheren Bergen, grüßte eine harmlose Wolkenbank, von der jungen Sonne in kitschiges Rosa getaucht. Direkt südlich, am Ende einer langen Geraden, kam, wieder am östlichen Flussufer, Kunderga in Sicht, das nur durch eine große vorgelagerte Insel auffiel…

 

 

..……………………………

 

Eine Böe rauschte den Hang hinauf, schüttelte eisige Tropfen aus den Zweigen der hohen Lärche, jagte Wolkenfetzen über den Nachthimmel.

„Scheiße“, murmelte Leutnant Hönscheid, der in den Personalpapieren der Gruppe III C1 in Berlin unter dem Echtnamen Merkelbach geführt wurde. Irritiert versuchte er die Nässe zwischen Tarnjacke und Sturmhaube wegzuwischen.

Ihm war flau. Nicht, dass er moralische Probleme hätte. Die Vita des Zielobjektes war dazu nicht angetan. Aber dies war sein erster Einsatz als Kommandoführer in der nach dem Krieg gebildeten geheimen Einheit, deren Aufgabe es war, Personen aus den gegnerischen Reihen durch „Unfälle“ auszuschalten.

Er schob den linken Ärmel hoch. Nach Mitternacht! Das dauerte. Aber in der Einweisung hatten sie gelernt, dass spätes Erscheinen des Zielobjektes nichts Ungewöhnliches war.

Der Kühler der schweren BMW-326-Limousine, etwas unterhalb der Kuppe auf der rechten Chausseeseite geparkt, zeigte Richtung Hohenhausen. Die S-Kurven der steilen Straße entsprachen exakt den beschriebenen, einschließlich der Platzierung der Straßenbäume.

100 m von seinem Standort entfernt, mündete auf der Kammhöhe ein Feldweg mit dem treffenden Namen Viehtrift und einem einsamen Bauernhaus in die Chaussee. Der Leutnant hatte gute Sicht. Eine funzlige Laterne bemühte sich, die Eingangstür zu beleuchten. Schattenspiel hinter den Gardinen im 1. Stock.

Er ließ das Nachtglas sinken. Seine Rechte tastete zum am Koppel hängenden prall gefüllten Sandsack. Er war neben Händen und Füßen die einzige hier erlaubte Waffe, ideal für ihren Zweck, weil sie kaum Spuren hinterließ. Schusswaffen waren im Tal bei den Krädern geblieben.

Hönscheid überdachte noch einmal den Rückzugsplan. Die in der Fichtenschonung an der Chaussee versteckten Fahrräder würden bei wechselnder Bewölkung auch ohne Beleuchtung eine laut- undproblemlose Abfahrt in Richtung Hohenhausen ermöglichen. Und auf die beiden Kameraden im Tal war Verlass. Er atmete tief durch. Eigentlich konnte nichts schief gehen.

Davon war auch sein Kamerad, Unteroffizier Glauber, überzeugt, für den solche Kommandoeinsätze Routine waren. Einen Fuß auf dem rechten Trittbrett der Limousine, den Arm auf das Dach gestützt, hoffte er nur, dass der junge Spund drüben richtig zuschlagen würde. Sie hatten es oft geübt, aber auch noch so intensives Üben unterschied sich vom echten Einsatz.

Der helle Ruf eines Steinkauzes aus Hönscheids Richtung wirkte wie elektrisierend auf ihn. Eine Antwort aus dem Tal. Kurz darauf huschte der Leutnant wie ein Schatten über die Straße und postierte sich am Heck der Limousine.

Näher kommendes Grölen schändete die Stille: „Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Asche fällt…“

Glauber nahm den Fuß vom Trittbrett und grinste. Bei seinem allerletzten Lied sollte der Kerl eigentlich textsicher sein. ‚…in Scherben fällt‘ hieß das.

 
 
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