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9. Jahrhundert: Übersicht

 

Das Karolinger Reich triumphiert - und zerfällt. Schutzlos ist Europa Wikingern, maurischen Piraten und ungarischen Reiterhorden preisgegeben. Junge Staaten entstehen im Norden und im slawischen Raum. Der christliche Norden Spaniens und ein geschwächtes Byzanz blockieren das weitere Vordringen des Islam.

 

Das fränkische Reich

 

Das christliche Europa wird von Höhepunkt und Verfall der Karolinger-Dynastie geprägt.

 

Zunächst der Triumph: Karl – spätestens nun "Der Große" - wird in Rom zum Kaiser gekrönt (800). Vier Jahre später sind die Sachsen endgültig besiegt.

 

Zwei Jahre vor seinem Tod kann sich Karl über die Anerkennung durch den byzantinischen Kaiser Michael I. (811-813) freuen, die dessen Vorgänger, Nikophorus I., (802-811) verweigert hatte. Nun sieht sich auch der Franke als legitimer Erbe der römischen Cäsaren.

 

Die Erbfolge im fränkischen Reich ist diesmal problemlos. Mit Ludwig I. (814-840), den sie "den Frommen" nennen, wird Karls einziger überlebender legitimer Sohn Herrscher im fränkischen Reich.

 

Dann beginnt das Unheil. Der Witwer Ludwig wird 823 im damals sehr gesetzten Alter von 45 Jahren noch einmal Vater eines Knaben. Für die Dynastie kein Problem. Wohl aber die Tatsache, daß der Kaiser, von der zweiten Gemahlin Judith, einer bairischen Schönheit, gedrängt wird, auch diesem Sprößling, - rund fünfzig Jahre später als Karl der Kahle für kurze Zeit Kaiser - einen Teil des Reiches zu vererben und - nachgibt.

 

Damit widerruft er die mehrfach öffentlich beschworene und detailliert festgelegte ausschließliche Erbfolge der Söhne Lothar, Ludwig und Pippin. Nicht nur sie, auch Große des Reiches fühlen sich düpiert. Mehrfach rebellieren die Söhne aus erster Ehe in wechselnden Koalitionen und setzen ihren Vater gefangen. Schließlich rottet sich die "Blüte der fränkischen Ritterschaft", wie die Historiker das gern formulieren, auf den Schlachtfeldern aus.

 

Auch nach Ludwigs Tod gehen die Kämpfe, nun zwischen den Brüdern, weiter, bis zum Vertrag von Verdun. 843 beginnt die Trennung zwischen West- und Ostfranken, auch wenn es noch zu Gebietsteilungen und -verschiebungen kommt.

 

Die Bürgerkriege hinterlassen ein Reich in Trümmern und verhindern eine konsequente Abwehr der Gefahren von außen. Wikinger rauben und morden an den Küsten und im Inneren des Landes. Vom Mittelmeer her fallen Mauren ein. Gegen Ende des Jahrhunderts tauchen erstmals auf schnellen Steppenpferden die Ungarn in Ostfranken auf. Es ist eine dunkle Zeit, auch wegen der durch geplünderte und zerstörte Klöster fehlenden Quellen.

 

Kloster Corvey, (D), karolingisches Westwerk der Kirche, Erdgeschoß - 9. Jh.

Sachsen ist in das fränkische Reich eingegliedert. Große Teile des Adels kooperieren, wie schon früher, um Besitz und Privilegien zu sichern. Früh überzieht ein Netz von Klöstern und Kirchen das Land. Schon zu Beginn des Jahrhunderts werden an der Elbgrenze fränkische Kastelle zur Abwehr der Elbslawen gebaut. Sächsische Kontingente ziehen mit ihren neuen Herren in deren Kriege gegen Bretonen und Slawen.

 

Normalität also im eroberten Sachsen? Nein, unter der Oberfläche gärt es. Im fränkischen Bruderkrieg unterliegt Kaiser Lothar I. (840-855) seinem Bruder Ludwig dem Deutschen (Ostfränkischer König 843-876) und dem Halbbruder Karl dem Kahlen (Westfränkischer König 843-877).

 

Im Jahr der "Straßburger Eide" (842) zieht der Unterlegene einen kleinen Teil des sächsischen Adels und einen großen Teil der freien Bauern auf seine Seite. Der Stellinga-Aufstand bricht los, ein letztes Aufbäumen. Die Ziele: Rückkehr zu den alten Stammesgesetzen und den alten Göttern.

 

Ludwig aber hat vom Vater gelernt. Er schlägt den Aufstand blutig nieder. Der größte Teil des sächsischen Adels atmet auf. Am Ende steht an der Spitze des Adels das Geschlecht der Liudolfinger. Es wird im nächsten Jahrhundert eine neue deutsche Kaiserdynastie begründet, die Ottonen.

 

Kloster Leyre, Provinz Navarra, (E), Unterkirche/Krypta - 9. Jh.

Die Iberische Halbinsel

 

Im gleichen Jahr wie die sächsischen Bauern stirbt im Norden der iberischen Halbinsel der seit 791 regierende asturische König Alfons II. (der Keusche), im damals wahrhaft biblischen Alters von 83 Jahren. Er verteidigte das Land südlich des Kantabrischen Gebirges gegen die Mauren und gründete Oviedo.

 

Unter seinen Nachfolgern, vor allem unter Alfons III., dem Großen (866-909) macht die Reconquista weitere Fortschritte. Am Ende des Jahrhunderts siedeln Christen wieder am Duero und in Galizien. Zeitweilige innere Wirren im Emirat von Córdoba begünstigen die Entwicklung.

 

Alhambra, Granada,(E), Baubeginn 9. Jh. - Detail

Zunächst beginnt dort unter Emir Abd-ar-Rachman II. (822-852) für einige Jahrzehnte eine Blütezeit. Viele "Ungläubige" beten nun zu Allah, die arabische Sprache setzt sich durch, die große Moschee von Córdoba wird erweitert. Wer Christ bleibt, darf seinem Glauben leben. Allerdings gibt es eine von der Kirche abgelehnte und später gestoppte Märtyrerbewegung, die durch bewußte öffentliche Beleidigung des Islam Tod und Himmelreich herbei sehnen und erlangen.

 

Auch an den Küsten des maurische Spanien zeigen sich um die Mitte des Jahrhunderts die Drachenschiffe der Wikinger. In der zweiten Hälfte schwächen Aufstände das Emirat. Zeitweise ist es sogar dem asturischen König tributpflichtig (>Escalada).

 

Britische Inseln

 

Sächsisches Steinkreuz in St. Laurence Bradford-on-Avon, (GB) – Alter unbekannt

In England verlagert sich der politische Schwerpunkt nach Wessex. König Egbert (802-839) eint gegen Ende seiner Regierungszeit die angelsächsischen Reiche. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts fallen die Dänen mit großen Heeren ein und siedeln, vor allem im NO des Landes. König Alfred der Große von Wessex (871-899) verhindert 878 durch einen Sieg bei Edington ihr weiteres Vordringen und eint erneut die Angelsachsen. Sein Sohn, Edward der ältere (899-924), erobert fast ganz England zurück.

 

Kenneth McAlpin ist Schottlands erster König. Er eint Picten und Scoten. Auch er hat mit Wikinger-Invasoren zu kämpfen.

 

Zunächst nur Klöster plündernd fallen die Wikinger in das politisch zerrissene Irland ein. Schließlich bleiben sie. Ein norwegischer Häuptling, Turgeis, gründet um 850 Dublin.

 

Island wird um 860 von den Wikingern entdeckt.

 

Wikinger-Schiff, Museum Roskilde, DK - Nachbau

Skandinavien

 

Die Geschichte Schwedens bleibt verworren. Ein Zentrum ist Birka im Mälarsee. Die Herrschenden strecken Fühler in Richtung der baltischen Länder aus. über schwedische Wikinger in West- und Mitteleuropa steht wenig in den Quellen, obwohl Gruppen aus dem Süden des Landes mit Norwegern und Dänen dort plündern.

 

Aus Mittelschweden laufen Langschiffe nach Osten aus. Wohl friedlicher als im Westen gründen die Waräger um die Mitte des Jahrhunderts mit slawischen Fürsten ein Reich in Nordrußland, Keimzelle des russischen Reiches.

 

Dänemark ist Anfang des Jahrhunderts stark. Das Königreich legt sich sogar mit den Franken an. Ansgar, Apostel des Nordens und Erzbischof von Hamburg, hat erste Erfolge mit der Mission. Bürgerkriege schwächen in der Mitte des Jahrhunderts das Land. Es bleibt aber Kraft für eine Invasion Englands.

 

Berge und Fjorde behindern das Zusammenwachsen Norwegens zu staatlicher Einheit. Erst 872 eint König Harald I. Schönhaar (860-933) vorübergehend die Kleinherrscher. Doch die Energien richten sich mehr nach Westen, besonders nach England. Die Orkneys und Shetlands werden besiedelt.

 

Slawen

 

In der Mitte des Jahrhunderts erringt in Kroatien nach einem Bürgerkrieg der byzanzfeindliche Adel die Oberhand. Damit ist der Weg des Landes in die westliche Kultursphäre und zur römischen Kirche festgelegt.

 

Die Serben erkennen überwiegend die Oberherrschaft von Byzanz an. Ende des Jahrhunderts mischen sich Bulgaren und Byzanz in Kämpfe zwischen den serbischen Fürsten ein. Das Land wird von den Bulgaren besetzt.

 

Cyril und Methodius bringen die erste schriftliche Version der slawischen Bibelübersetzung.

 

Slawenburg Groß Raden, Mecklenburg, (D), Baubeginn 9. Jh. - Rekonstruktion

Das Reich der Bulgaren erlebt im 9. Jh. seine Blüte. Unter Zar Boris I. (um 850-890) übernimmt es das Christentum östlicher Prägung.

 

Die Slowenen gehen im ostfränkischen Reich auf.

 

Etwa auf dem Gebiet der heutigen Slowakei und Mährens entsteht das Großmährische Reich, das besonders unter Swentopluk (870-894) ein gefährlicher Gegner Ostfrankens ist.

 

Bei den Elbslawen/Westslawen bilden sich Stammesverbände. Die nördlichen Abodriten sind mit den Franken, deren Gegner, die Wilzen (Lutizen) mit den Sachsen verbündet.

 

Das byzantinische Reich

 

erlebt ein schwieriges Jahrhundert.

 

Trotz des Sieges der Bilderverehrer auf dem Konzil von Nicäa (787) geht der Streit weiter bis zur endgültigen Legitimation (843) der Bilderverehrung.

 

Politisch ist die Kaiserkrönung des Franken Karl eine Niederlage. 811 bringen Bulgaren dem Reich empfindliche Verluste bei. über Kreta (826) und Sizilien (827) wird Glockengeläut vom Ruf des Muezzin abgelöst.

 

Mit Basileios I. (867-886) beginnt für etwa 200 Jahre die mazedonische Dynastie, die zunächst Erfolge gegen den Islam vorweisen kann.

 

Christianisierung

 

Auf dem Gebiet des ehemaligen Römischen Reiches hat sich das Christentum bis auf wenige Regionen, durchgesetzt. Im Norden Europas kommt die Christianisierung langsam voran. Auf dem Balkan treffen römische Missionare auf solche aus Byzanz. Letztere sind erfolgreicher: Bulgaren und Serben wenden sich der orthodoxen Kirche zu. Die Ostkirche beginnt auch im späteren Rußland erfolgreich zu missionieren.

 

Die Elbslawen bleiben bei der Anbetung des viergesichtigen Svantevit und anderer Götter.

 

Islam

 

Das Vordringen des Islam nach Norden und Westen ist zunächst gestoppt. Einige Inseln im Mittelmeer und das Reich von Córdoba verbleiben unter der Fahne des Propheten. Das Kalifenreich der Abbasiden wird durch unabhängige Reiche in Nordafrika und Spanien zersplittert.

 











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