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Vorromanik

San Miguel de Escalada (León)

 

Die Invasion der Mauren hatte vor 200 Jahren ihre Vorfahren in Córdoba überrollt. Jetzt flüchten sie aus der Weltstadt nach Norden ins christliche Asturien, wo sie in menschenleerer Einöde ein architektonisches Kleinod im Stil ihrer ehemaligen Herren bauen.

 

Mozarabische Säulenhalle und romanischer Turm.

Um diesen Bau besser zu verstehen, machen wir eine Zeitreise in das Jahr 912.

 

In einer Ebene nahe León, Hauptstadt des Königreiches Asturien, stehen Abt Alfonso, seine Mönche und eine Handvoll Laien vor ihrer neuen Heimat, die ihnen König Alfonso-III. von Asturien zugewiesen hat.

 

Überwiegt Freude, weil sie alle Hindernisse und Gefahren des viele hundert Meilen langen Weges überwunden haben oder Enttäuschung ob der Ruinen des westgotischen Klosters, die sie vorfinden? Ich vermute ersteres, denn 12 Monate später wird die neue Klosterkirche geweiht. Entmutigte packen nicht so an.

 

Geschichtliche Zusammenhänge/Hintergründe

Was aber bewog die Mozaraber (Christen unter muslemischer Herrschaft) von Andalusien nach Norden zu ziehen, eine der größten Städte in Morgen- und Abendland mit der Einöde zu tauschen? Waren sie vertrieben worden oder freiwillig gekommen?

 

Die Geschichte des Emirats von Córdoba um die Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert beleuchtet die Situation.

 

In der Regel wurden Christen nicht verfolgt. Sie übten unter eigenen Bischöfen ihre Religion aus, beteten in eigenen Klöstern. Allerdings wurden sie hoch besteuert.

 

Aber Emir Abd Allah war alt. Er starb im Jahr 912. Das Land war seit langem im Aufruhr. Sein Enkel Abd-ar-Rachman III., der der größte Herrscher des muslimischen Spaniens werden sollte, folgte ihm auf den Thron. Bei einem Thronwechsel mußten Ungläubige zusätzliche Gefahren befürchten.

 

Abd Allahs Gegenspieler war Alfonso III., der Große gewesen. Der trug seinen Beinamen auch wegen der Verdienste um die Wiederbesiedelung der zurück eroberten Gebiete. Hatte er seine Glaubensgenossen anwerben lassen? Das ist nicht auszuschließen. Das Emirat unter Abd Allah war schwach und der asturische König nahe daran, es zu besiegen. Der Enkel Abd Allahs würde um die Jahrhundertmitte die Situation ins Gegenteil verkehren.

 

Geschichte des Klosters

Jedenfalls bauen die Mönche ein neues Kloster und die für damalige Verhältnisse prächtige Säulenbasilika. Die Umsiedler bringen ihre Kenntnisse islamischer Architektur ein. So entsteht ein Bau, der in der Literatur vorwiegend als mozarabisch bezeichnet wird, eine Verschmelzung christlicher und islamischer Baukunst.

 

Blick von Süd – Arkaden der Vorhalle und Obergaden des Mittelschiffes.

Schon im 11. Jahrhundert war das Kloster reich, besaß Bauernhöfe, gar ganze Dörfer.

 

Etwa 100 Jahre später wurden die Benediktiner-Mönche durch französische Chorherren ersetzt. Politik war im Spiel.

 

Im 14. Jh. schlug der Schwarze Tod zu. Das Kloster verarmte immer mehr und verlor seinen letzten Besitz in der Mitte des 19. Jh.. Zum Glück für uns Heutige, begann 50 Jahre später die Restaurierung. 1980 erhielt uns eine letzte Anstrengung das architektonische Juwel.

 

Die Architektur

Kapitelle der Vorhalle.

1088 Jahre nach Abt Alfonso und seinen Getreuen stehe ich, weniger müde und nicht staubbedeckt, an gleicher Stelle. Aber ich blicke, im Gegensatz zu ihnen, nicht auf Ruinen, sondern auf einen Bau, der hier im Norden wie ein schöner Exot wirkt, auch im Vergleich mit den Bauten der asturischen Vorromanik in und um Oviedo. Asturische-Vorromanik

 

Giebel Mittelschiff im Westen mit Zahnfries und skulptierten Kragsteinen.

Nur der klobige Turm und die Fructuoso-Kapelle des 12. Jahrhundert stören das Bild. Diese Bauten würden keine Architekturliebhaber hierher locken. In der Literatur werden sie kaum erwähnt und waren auch nicht zu besichtigen. Aus einiger Entfernung betrachtet, erscheint die über 200 Jahre ältere mozarabische Kirche als ein Anhängsel der Quaderbauten mit ihren schweren Strebepfeilern. Der Gegensatz könnte nicht größer sein, und die eleganten Arkaden der Außengalerie erscheinen noch filigraner.

 

Zwillingsfenster mit Hufeisenbogen, von rechteckigem Rahmen (alfiz) überfangen.

Wir müssen uns Abt Alfonsos erste Kirche ohne diese Bauten und ohne die Säulenhalle vorstellen. Dann bleibt eine 3-schiffige ungewölbte Basilika, 20 m lang. und – ohne die Vorhalle - ~13 m breit.

 

Am östlichen Ende der drei Schiffe für die Laien erstreckt sich ein den Geistlichen vorbehaltenes angedeutetes Querschiff, an das sich drei im Mauerwerk eingelassene Apsiden mit hufeisenförmigem Grundriß anschließen. Sie sind durch Hufeisenbögen und Chorschranken vom Querhaus getrennt Die Morgensonne fällt durch ein kleines Fenster auf den Altar.

 

Über der Hauptapsis liegt eine cámera occulta, ein unzugänglicher Raum, wie schon üblich in westgotischer und präromanischer Architektur des Landes.

 

Das alles wäre nur ein Kirchlein für uns Heutige, die wir Bilder gewaltiger Dome und geräumiger Klosterkirchen im Kopf haben. Aber für die Menschen in dem verwüsteten Land war der Bau ein Zeichen der Hoffnung.

 

Arkade mit Hufeisenbogen zwischen Mittel- und Seitenschiff.

Die die südlichen Eingänge schützende Vorhalle ist etwa 4 m breit. Symbolische 12 Hufeisenbogen auf schlanken Säulen tragen das Pultdach. Die Zahl 12 verwirrt den nachzählenden Betrachter zunächst, ehe er den östlichsten Bogen, halb vom Turm verdeckt, findet. Die Säulen tragen skulptierte Kapitelle im korinthischen Stil mit meist pflanzlichen Motiven.

 

Kunsthistoriker fanden heraus, daß die westlichen 7 Bogen die ältesten sind, wohl etwa 20 Jahre nach der Weihe errichtet, die restlichen einige Jahrzehnte später. Da ist es erstaunlich, daß die Einheitlichkeit gewahrt wurde.

 

Abgesehen von den Säulenarkaden ist der Außenbau schlicht, nur geschmückt von Zahnfriesen und Kragsteinen am Mittelschiff, sowie einem Zwillingsfenster an der Westmauer der Vorhalle mit rechteckigem Rahmen. (Alfiz)

 

Im Inneren überrascht helle Weite. Licht kommt vor allem aus den Obergadenfenstern des 10 m hohen Mittelschiffs, die nicht in der Achse der Bogen liegen. Der offene hölzerne Dachstuhl wurde im 14. oder 15. Jh. gezimmert. Hufeisenbogen auf schlanken Säulen, deren Kapitelle häufig Pflanzenmotive tragen, bestimmen das Bild. Je fünf Bogen auf jeder Seite bilden die Arkaden zwischen Mittelschiff und Seitenschiffen, drei größere trennen die Längsschiffe vom Querhaus. Keine schweren Pfeiler behindern den Blick. Die südliche Schwerelosigkeit erinnert mich an die rund 100 Jahre jüngere Bartholomäuskapelle in Paderborn.

 

Blick aus dem Querhaus durch Hufeisenarkade in Mittelschiff und nördliches Seitenschiff.
Blick von West – 3 Hufeisenbogen zwischen Langschiff und Querschiff.
Apside, Hufeisenbogen auf Säulen, kreuzgratgewölbt.
Tympanon (Chorschranke in Zweitverwendung).

 

Insgesamt ist der Bau durch viele Einflüsse geprägt. Hufeisenbogen sind islamischer Kunst oder westgotischen Baumeistern geschuldet, die sie schon vor der Invasion der Mauren verwandten. Insgesamt sieht Untermann auch an der Bauskulptur eine deutliche Anlehnung an den maurischen Süden. Das Flechtwerk über der Tür läßt mich an germanische oder keltische Ornamentik denken. Der basilikale Grundriß ist römischen Ursprungs. Die Kapitelle gehen letzlich auf die griechische Antike zurück.

 

Alles in allem, ein Bau zwischen den Welten, der zum Nachdenken anregt.



 

Literatur

 

Barral i. Altet, Xavier, Von der Spätantike bis zum Jahr 1000, in: Frühes Mittelalter

Hrsg. Henri Stierlin, Benedikt Taschen Verlag, Köln

 

Barral i Altet, Xavier (Hrsg.): Die Geschichte der spanischen Kunst,

Könemann-Verlagsgesellschaft, Köln, 1997, Originalausgabe bei Lunwerg Editores S.A., Barcelona, 1996

 

Crespi, Gabriele: Die Araber in Europa, Belser-Verlag, Zürich, Sonderausgabe 1992

 

Filitz, Hermann, Das Mittelalter I, in: Propyläen Kunstgeschichte,

Propyläen-Verlag, Berlin, 1990

 

Höllhuber, Dietrich/Schäfke, Werner: Der spanische Jakobsweg, DuMont Kunstreiseführer, DuMont Buchverlag, 1999

Höllhuber, Dietrich/Schäfke, Werner: Der Pilgerweg nach Santiago, Edilesa, León, 2000, Vicente Pastor (Hrsg.)

 

Koch,Wilfried Baustil-Kunde Sakralbau,

Bertelsmann Lexikon-Verlag, Gütersloh, 1993

 

Puente, Ricardo: La Iglesia mozárabe de San Miguel de Escalada, Editorial Albanega, c/San Lorenzo, 11, 24007, León

 

Netz

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Monastery_of_San_Miguel_de_Escalada

 

 
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2250&count=247&recno=21&sort=datum&order=down&geschichte=72

 

 

 

Eigene Beobachtungen

 

 

 

Siehe auch:

www.wernernolte.de/index.php/architektur-des-mittelalters/sakralarchitektur/vorromanisch/asturische-vorromanik

 

www.wernernolte.de/index.php/architektur-des-mittelalters/sakralarchitektur/vorkarolingisch/santa-maria-quintanilla-de-las-vinas-burgos

 

www.wernernolte.de/index.php/architektur-des-mittelalters/sakralarchitektur/vorromanisch/reisebericht-asturien

 

http://www.wernernolte.de/index.php/architektur-des-mittelalters/sakralarchitektur/romanisch/san-salvador-de-leyre-navarra

 

 

 

 











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