lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

 VORKAROLINGISCH

 Santa Maria, Quintanilla de las Viñas (Burgos)

Wer erinnert sich noch der Kunst der Westgoten, deren Reich 711 unter dem Ansturm islamischer Heere aus Nordafrika zusammenbrach? Es sind interessante Architekturbeispiele erhalten, zum Beispiel die einsame Klosterkirche Santa Maria de las Vinas in der Provinz Burgos, mörtellos gefugt aus sauber behauenen Quadern, geschmückt mit altertümlich anmutenden Reliefs.

 Santa Maria, Quintanilla de las Viñas (Burgos) in SpanienApsis und Querhausreste.

 

Dies ist eine der späten westgotischen Kirchen. Ich sah sie auf dem Weg nach Santiago de Compostella. Sie zählt mit San Pedro de la Nave und San Juan de Baños zu den bekanntesten ihrer Zeit. Leider sind nur noch die flache Apsis, die Vierung und die beiden inneren Raumteile des Querhauses erhalten.

 

Der Bau

Beim Anblick der Apsis fallen neben den Zierfriesen, die unten besprochen werden, drei motivlos aus der Wand ragende Quader auf, ein merkwürdiger Bau-"Schmuck". Mich erinnerte er an die Balkenköpfe von Fachwerkbauten des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, die ich in meiner Heimat Lippe täglich vor Augen hatte. Zitiert der Baumeister hier die Holzbautechnik, die den Westgoten und anderen Germanen ursprünglich als einzige vertraut war?

 

Durch Ausgrabungen kennen wir den ursprünglichen Grundriß der 3-schiffigen nicht geosteten Kirche (mit Vorhalle), die eine Gesamtlänge von 20.9 m und eine Breite von 10.3 m hatte. Das Mittelschiff war breiter als ein Seitenschiff, deren jedes – merkwürdig - in 3 kleine Räume unterteilt war, ebenso wie die Vorhalle, die die gleiche Breite wie das Langhaus hatte. Das ursprünglich weit vorspringende Querschiff hatte die gleiche Länge wie das Langhaus.

 

Santa Maria, Quintanilla de las Viñas (Burgos) in Spanien
Relief-Friese...

 

Es soll sich ursprünglich um eine Klosterkirche gehandelt haben. Das würde andere Vermutungen stützen, die besagen, daß Einzelräume iden Seitenschiffen bzw. beiderseits der Vierung dem Aufenthalt von in strenger Klausur lebenden Mönchen dienten, die so den Gottesdienst in Mittelschiff, Vierung und Apsis beobachten konnten. Die Aufteilung erinnert an einen Zellenquerbau, dessen Nebenräume auch isoliert waren. Bandmann zitiert Dreizellenanlagen und führt sie auf antike Vorbilder zurück.

 

Nach Untermann soll das Sanctuarium mit einer Pendentifkuppel überwölbt gewesen sein.

 

Santa Maria, Quintanilla de las Viñas (Burgos) in Spanien
...an der Apsis.

 

Wie bei allen westgotischen Bauten wurden große sauber behauene Quader, hier aus Sand- und Kalkstein, mörtellos aufgeschichtet, eine Technik, die sonst im Abendland nur beim Grabmal des Ostgoten-Königs Theoderich nachweisbar ist, der von 511 bis 525 auch König der Westgoten war.

 

Die schlitzförmigen Öffnungen in den Quadermauern sind ein typisches Merkmal westgotischer Bauten. Ähnliches finden wir jedoch auch in St. Laurence in England.

 

Santa Maria, Quintanilla de las Viñas (Burgos) in Spanien
Hufeisenförmiger Triumpfbogen.

 

Nach den meisten Autoren ist der Bau um 700, also kurz vor der Eroberung des Westgotenreiches durch die Mauren errichtet worden. Sicher bezeugt ist eine Restaurierung im Jahre 879 , also zur Zeit der Könige von Asturien, die sich als Nachfolger der Westgoten verstanden.

 

Bauschmuck

Das eigentlich Interessante an diesem  eher bescheidenen Bau sind der äußere Bauschmuck und die Plastiken im Inneren.

 

Die Apsis ist geschmückt mit 3 Friesen, unterbrochen durch je eine Quaderreihe. Nur die unteren laufen um das Gebäude herum bis hin zu den erhaltenen Armen des Querschiffes. Diese Flachreliefs zeigen Medaillons mit Rankenwerk, Tieren, geometrischen Mustern und Monogrammen. Fachleute halten sie für einzigartig im Abendland.

 

Santa Maria, Quintanilla de las Viñas (Burgos) in Spanien
Einzelplastik.

 

Über die Herkunft der Motive herrscht keine völlige Einigkeit unter den Forschern. Fast alle verweisen auf spätantike, byzantinische oder orientalische Vorbilder. Zwei Autoren sehen Analogien zu westgotischer Goldschmiedekunst.

 

Im Inneren finden wir dann andere bemerkenswerte Flachreliefs mit figürlichen Szenen. Sollte es ein geschlossenes Bildprogramm gegeben haben, ist es nur unvollständig vorhanden, vor allem in Gestalt des großen hufeisenförmigen Triumpfbogens. Am Bogen selbst wiederholen sich mehr oder weniger die Medaillons des Außenschmucks.

 

Santa Maria, Quintanilla de las Viñas (Burgos) in Spanien
Einzelplastik.

 

Die Kämpfersteine und einige Einzelplastiken zeigen Szenen, die für Christus und andere Figuren zwischen Engeln sowie für die Personifizierung von Sonne und Mond gehalten werden.

 

Die Flachreliefs faszinierten mich besonders, erinnerten sie mich doch an Bauplastik an den Kirchen von Saint-Genis-des-Fontaines und Saint-André-de-Sorède im Roussillon, die ich einige Jahre zuvor gesehen hatte. Die Figuren dort stehen unter Hufeisenbögen und sind ebenfalls nur flach eingekerbt. Die Ähnlichkeiten der westgotischen Reliefs mit jenen Plastiken ist überraschend.

 

Santa Maria, Quintanilla de las Viñas (Burgos) in Spanien
Fries Saint-Genis-des-Fontaines.

 

Nun weiß die Forschung durch eine Inschrift, daß der Bauschmuck im Roussillon um 1019/1020 entstanden ist. Woher die Ähnlichkeit nach rund 300 Jahren? Stand die Entwicklung der Skulptur in dieser Zeit still? Da darf der Streit um den Zeitpunkt der Entstehung der Reliefs von Santa Maria nicht vergessen werden. Ein Teil der Autoren betrachtet sie als typisch westgotisch, andere sehen karolingische Einflüsse. Wäre das Letztere richtig, würde sich die Zeitdifferenz deutlich verringern.

 

Einige Fachleute sehen die westgotischen Plastiken als Vorläufer der Romanik. Vorbilder bzw. weitere Ähnlichkeiten finden sich in lombardischen Arbeiten z.B. am sogenannten "Pemmo-Altar" in Cividale, der um 740 entstand. Auch in diesem Flachrelief halten mit Kreuzen geschmückte Engel mit zu großen Händen in ähnlicher Haltung eine Mandorla. Andere Forscher verweisen gar auf irische Handschriften.

 

So ist in der Kunst, auch damals,  alles mit allem verbunden, und es ist erstaunlich zu sehen, wie weit Ideen und Anregungen zumindest in Europa wanderten. Trotz der für uns kaum vorstellbaren Beschwernisse des Reisens waren einige Stände, wie Kleriker, Adel, Kaufleute und Pilger im Mittelalter viel unterwegs.

 

Literatur:

Bandmann, Günter, Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger, Gebr. Mann-Verlag, Berlin, 1994

Barral i Altet, Xavier, Von der Spätantike bis zum Jahr 1000, in: Frühes Mittelalter, Stierlin, Heinri (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1997

Barral i Altet, Xavier, Spätantike bis Mittelalter, in: Skulptur, Duby, Georges/Daval, Jean-Luc (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1999

Barral i Altet, Xavier (Hrsg.), Die Geschichte der spanischen Kunst, Könemann-Verlagsgesellschaft, Köln, 1997, Originalausgabe bei Lunwerg Editores S.A., Barcelona, 1996

Brenk, Beat, Spätantike und frühes Christentum, in: Propyläen Kunstgeschichte,
Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt, 1985

Durliat, Marcel, Romanisches Roussillon, Echter Verlag, Würzburg, 1988

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

Palol, Pedro de/Ripoll, Gisela, Die Goten, Geschichte und Kunst in Westeuropa, Belser Verlag, Stuttgart, Bechtermünz-Verlag, 1999

Ripoll López, Gisela, Arquitectura visigótica, Informacion y Revistas S.A, Madrid

Untermann, Mathias, Architektur im Frühen Mittelalter, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2006

 

Eigene Beobachtungen

 
 
Siehe auch:
 
 

http://www.wernernolte.de/index.php/architektur-des-mittelalters/sakralarchitektur/vorromanisch/asturische-vorromanik

 

http://www.wernernolte.de/index.php/architektur-des-mittelalters/sakralarchitektur/vorromanisch/reisebericht-asturien