Home > Architektur des Mittelalters > Sakralarchitektur > Vorkarolingisch > Die Krypten von Jouarre

Vorkarolingisch

 

Die Merowingischen Krypten von Jouarre

 

Was oder wo ist Jouarre? Sie wissen es nicht? Keine Bildungslücke, es sei denn, Sie sind Experte auf dem Gebiet frühfränkischer Kunst, von der wenig erhalten ist. Das Dorf in der Champagne aber beherbergt die ältesten merowingische Krypten.

 

In den kleinen charmanten Ort, südlich der E 50, eine Autostunde von Paris entfernt, mit einer Benediktiner-Abtei, einem romanischen Turm und einer Pfarrkirche aus dem 16. Jh. würden sich nicht viele Besucher verirren, gäbe es nicht ein unscheinbares, halb in der Erde versunkenes Gebäude, das die Krypten birgt.

 

Über den eigentlichen Bau werden Sie im folgenden Text wenig finden. Datierung und Einordnung des erhaltenen Mauerwerks ist wegen vieler baulicher Änderungen und Grabungen im Laufe der Jahrhunderte für einen Laien nicht nachvollziehbar. Auch wird das Thema konträr diskutiert.

 

Geschichtliches

 

Die Franken unter dem Königsgeschlecht der Merowinger waren das einzige germanische Königreich, das die Wirren der Völkerwanderung nicht nur unbeschadet überstanden, sondern sein Siedlungsgebiet enorm ausgedehnt hat. Sie trieben die Westgoten über die Pyrenäen, vernichteten die Reiche der germanischen Thüringer und Burgunder und legten den Grundstein für das Reich Karls des Großen.

 

Ende des 5. Jh. hatte der heidnische Chlodwig alle anderen fränkischen Teilstämme unterworfen und war zum Glauben seiner gallo-romanischen Untertanen übergetreten. Die katholische Taufe war ein wichtiger Schritt für dauerhaften Erfolg.

 

Sein Tod (511) bedeutete Aufteilung des Reiches nach germanischem Recht unter 4 Söhne. Es blieb geteilt bis zur Krönung Chlothars I. von Soissons (558).

 

Das System der Machtteilung - mit gelegentlichen Gesamtherrschern - setzte sich erfolgreich fort bis zu Chlothar II. (613-629) und seinem Sohn Dagobert (629-639), dem letzten Herrscher des Gesamtstaates. Bis dahin war viel merowingisches Blut geflossen. Im Bett friedlich sterbende Thronprätendenten waren die Ausnahme.

 

Dann retteten die karolingischen Hausmeier das wankende Reich.

 

Schon davor sorgten Klöster für kulturellen Fortschritt. Zu Beginn des 7. Jh. soll es über 200 gegeben haben, viele geprägt durch den von Hof und Adel geförderten Hl. Columban von Luxeuil, einen irischen Wandermönch.

 

Das Kloster

 

So gründeten um 635/40 Nachkommen des Großgrundbesitzers Autharius in Jouarre ein Männer- und ein Frauenkloster, dessen erste Äbtissin Theodechilde war.

 

Es entstand eine Kirchenfamilie, bestehend aus einer Begräbniskirche, einer Klosterkirche und einem Gotteshaus für die Gemeinde. Die Letzteren sind mit neueren Bauten erhalten. Die Begräbniskirche ist untergegangen.

 

Jouarre
Außenbau der Krypten von Südwest

Die Krypten

 

Geblieben ist die Krypta Saint-Paul als Mausoleum der Gründerfamilie. Mit der des Bischofs Ébrégesile ist sie vereint unter einem Überbau wohl aus dem 17. Jh., der sich von Süd nach Nord erstreckt.

 

Der Besucher betritt den Bau von der Westseite.

 

Der Raum rechts vom Eingang ist der östliche Teil des Langhauses einer untergegangenen romanischen Kirche. Zwei der grünen Porphyr-Säulen tragen merowingische Marmorkapitelle. Hier ruhten die Gebeine des Bischofs Ébrégisile von Meaux, ehe sie im 17. Jh. in einen Schrein überführt wurden.

 

Die Gewölbe sind aus der Zeit der Romanik. Wahrscheinlich waren beide Räume ursprünglich flach gedeckt

 

Die auch dreischiffige Krypta Saint-Paul zur Linken ist die bei weitem interessantere.

 

Jouarre
Blick nach Nord in die Krypta Saint-Paul
Jouarre
Blick nach Süd in die Krypta Saint-Ébrégesile

Die Schiffe werden von 6 Säulen markiert. Sie sind, bis auf die mittlere auf der Ostseite, römische Spolien. Die Kapitelle wurden in einer Werkstatt in den Pyrenäen aus weißem Marmor gemeißelt.

 

Jouarre
Krypta Saint-Paul, Kompositkapitell, Kannelierte Säule: Nachbildung 19. Jh.
Jouarre
Krypta Saint-Paul, Kapitell korinthischer Ordnung auf römischer Säule

Die Kapitelle

 

Die Kapitelle sind angesichts der in der Literatur häufiger zu findenden skeptischen Bemerkungen zu merowingischer Skulpturen (Carl Pause) von überraschender Qualität.

 

Sind sie wirklich merowingisch? Xavier Barralt i Altet spricht im "Frühen Mittelalter" von teilweiser Wiederverwendung und Kopien nach antiken Vorlagen. In "Skulptur" läßt er die Frage offen, bringt aber Wanderarbeiter als Steinmetze in die Debatte ein. Das wird unterstützt von Georges Briche, der den Stil der christlichen Lombardei wieder erkennt.

 

Untermann schließlich berichtet von Skepsis der Experten hinsichtlich der Datierung "7. Jahrhundert" und der generellen Vermutungen, daß als "merowingisch" bezeichnete Marmorkapitelle schon vor dem Jahre 500 in Steinbrüchen der Pyrenäen gefertigt wurden, Nachbildungen aber aus dem 8. Jh. sein könnten.

 

Ich habe in Jouarre verstanden, daß die Kapitelle aus merowingischen Werkstätten in den Pyrenäen kamen. Das schließt nicht aus, daß dort zugereiste Spezialisten arbeiteten.

 

Die Gräber

 

Die interessantesten Schätze sind die Sarkophage bzw. Scheinsärge.

 

Links vom Eingang steht der Steinsarg des Agilbert. Der Bruder der Theodechilde war Bischof in Dorchester und in Paris, eine hochrangige Persönlichkeit also, wie die Qualität der Skulpturen bezeugt. Der Sarg, ein Monolith, ist der wichtigste neben dem Grab der Theodechilde.

 

Jouarre
Detail: Christus der Weltenherrscher inmitten der Auserwählten
Jouarre
Der Pantokrator mit dem Buch des Lebens und den Symbolen der Evangelisten

Dies sind ausgezeichnete Arbeiten, denen an der westgotischen Kirche Santa Maria, aus dem gleichen Jahrhundert weit überlegen. Die Reliefs sind viel prononcierter, die Ausdruckskraft beeindruckend. Die Auferstehungsszene soll eine der ältesten erhaltenen Darstellungen dieser Art sein.

 

Jouarre
Kenotaph der Theodechilde

Der Pantokrator inmitten der Evangelisten-Symbole ist eine häufige Darstellung im Mittelalter. Außergewöhnlich die Stellung beider Hände auf dem Buch des Lebens. Eine ist gewöhnlich zum Segensgestus erhoben. Nach der Archivarin des Klosters, Schwester Telchilde de Montessus, ist es die einzige bekannte Darstellung dieser Art im fränkischen Gallien. Man muß die Krypten verlassen, um diese Skulptur durch ein Fenster in der Westwand bewundern zu können.

 

Den kostbaren Scheinsarg der Theodechilde schmückt eine attraktive Dekoration, die Aneinanderreihung immer gleicher Muschelschalen, Symbole des den Menschen vor der Auferstehung umschließenden Grabes. Die umlaufende lateinische Inschrift hebt die Verdienste der ersten Äbtissin hervor. Das Kenotaph steht über dem eigentlichen Sarg.

 

Jouarre
Merowingische Mauer

In der Mehrzahl der übrigen Särge waren Angehörige der Gründerfamilien, teils Äbte und Äbtissinnen des Klosters, bestattet. Es würde hier den Rahmen sprengen, darauf einzugehen.

 

Eine Aussage zum Mauerwerk kann ich doch machen. Im Westen der Krypta Saint-Paul findet sich ein dem römischen "opus reticulatum" nachgeahmtes Mauerstück, das mir sehr bekannt erschien. Farbiger und reicher sah ich es an der karolingischen Königs-Halle Lorsch. Dort sind die Steine durchgehend farbig, in Jouarre ist wohl nur der Mörtel eingefärbt.

 

Gern danke ich abschließend dem Tourismusbüro in Jouarre für die Ausnahmeerlaubnis zum Fotografieren während einer Führung. Sie ermöglichte es mir, auch über diesen Bereich vorkarolingischer Kunst zu berichten.


Architektur- und Kunstinteressierte sollten, wenn ihr Weg sie in die Champagne führt, Jouarre nicht links liegen lassen. Die Führungen sind in französischer Sprache. Deutsche Texte liegen in den Krypten aus.

 

Literatur:

 

Barral i Altet, Xavier: Spätantike bis Mittelalter, in: Skulptur, Georges Duby/Jean-Luc Daval (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1999 – S. 255

 

Barral i Altet, Xavier: Von der Spätantike bis zum Jahr 1000, in: Frühes Mittelalter, Henri Stierlin (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1997 – S. 90ff

 

Brandt, Ulrike, Merowingische und westgotische Kapitelle, in: Kapitelle des Mittelalters, Uwe Lobbedey (Hrsg.), Münster, Scriptorium, 2004 – S. 22ff

 

Biedermann, Hans, Knaurs Lexikon der Symbole, München, Droemer/Knaur, 1989 - S. 296

 

Février, Paul-Albert, Gallien und Germanien, in: Propyläen Kunstgeschichte – Spätantike und frühes Christentum, von Beat Brenk (Hrsg.), Propyläen-Verlag - S. 292ff, 298

 

Haupt, Albrecht, Kunst und Baukunst der Germanen, Leipzig, Reprint-Verlag, Holzminden Volker Hennig, Reprint der Originalausgabe von 1909

 

Kinder, Hermann/Hilgemann, Werner, dtv-Atlas Weltgeschichte, München, Deutscher Taschenbuch-Verlag, 25. Auflage, April 2000

 

Montessus, soeur Telchilde de: Jouarre et ses cryptes, St. Léger Vauban (F), Ateliers de la Pierre-qui-Vire,

 

Müller-Wille, Michael, Königtum und Adel im Spiegel der Grabfunde, in: Die Franken, Wegbereiter Europa , Mannheim, Reiss-Museum und Mainz, Verlag Philipp von Zabern, 1996 – S.218

 

Pause, Carl, Stukkateur- und Steinmetzarbeiten, in: Die Franken, Wegbereiter Europas, Mannheim, Reiss-Museum und Mainz, Verlag Philipp von Zabern, 1996 – S. 594f

 

Riché, Pierre, Kultur im merowingischen Gallien, in: Die Franken, Wegbereiter Europas, Mannheim, Reiss-Museum und Mainz, Verlag Philipp von Zabern, 1996 – S.369f

 

Untermann, Mathias, Architektur im Frühen Mittelalter, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2006 – S. 73

 

Wood, Ian, Franken und Angelsachsen, in: Die Franken, Wegbereiter Europas, Mannheim, Reiss-Museum und Mainz, Verlag Philipp von Zabern, 1996 – S. 343

 

Netz

 

Georges Briche: La présence des Celtes dans la Gaule mérovingienne et carolingienne
http://menarpalud.chez.com/sculpture.htm

 

Claude de Mecquenem, Les cryptes de Jouarre: un bilan archéologique provisoire (1840-20..)
http://medieval-europe-paris-2007.univ-paris1.fr/C.Demecquenem.pdf

 

Eigene Beobachtungen











TOP