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Kloster Jerichow

 

Aus den grünen Elbauen im nördlichen Sachsen-Anhalt steigen braun-rote Doppeltürme auf und weisen seit 800 Jahren den Weg zur Klosterkirche, dem frühesten Denkmal romanischer Backstein-Architektur.

 

Auch ich wollte sie unbedingt sehen. Mich hat das geographisch und stilistisch etwas Abgelegene schon immer fasziniert.

 

Eigentlich stehen Besucher vor einer ehemaligen Prämonstratenser-Stiftskirche. Der Orden mit dem zungenbrecherischen Namen (von Prémontré in Burgund) wurde von einem Grafensohn und ehemaligen Kanoniker in Xanten namens Norbert mit Unterstützung Bernhards von Clairvaux um 1120 gegründet.

 

Es war, in Anlehnung an die Augustiner-Regeln, ein Orden von Chorherren, der sich in den folgenden Jahren stark ausbreitete. Ab 1126, nach Ernennung des Ordengründers zum Erzbischof von Magdeburg, war der Orden in der Slawenmission tätig.

 

Als ich vor 16 Jahren zum ersten Mal vor der Kirche stand, wußte ich nicht, daß mit ihr im Norden und Osten Deutschlands eine neue Epoche der Baukunst begann, die der Backsteinarchitektur. Das hat nichts mit dem Architekturstil zu tun – in der Ile de France begann man gerade erst Neues, später als Gotik bekannt. Um 1150 aber baute man in Deutschland romanisch. Es gab viele Basiliken als Vorbilder.

 

Geschichte des Klosters

 

Es wurde 1144 von Chorherren aus dem Liebfrauenstift Magdeburg gegründet, 10 Jahre nach dem Tod des Erzbischofs. Kurz darauf begannen die Bauarbeiten an der Stiftskirche, die in wesentlichen Teilen um 1200 vollendet wurde.

Liebfrauenstift Magdeburg (Foto: Peter Kramer, Troisdorf)

 

Der Baubeginn fiel in kriegerische Zeit: 1147 hatten Heinrich der Löwe und Albrecht der Bär den Wendenkreuzzug begonnen (>>Backsteinbaukunst). Zehn Jahre später gründete der siegreiche Albrecht, der auch seine Hand über Jerichow hielt, die Mark Brandenburg. In der Anfangsphase förderte Propst Isfried, später Dompropst in Ratzeburg und Beichtvater Heinrichs des Löwen, den Aufbau des Klosters tatkräftig.

 

Zur Zeit der Reformation wurde die Gemeinschaft 1552 aufgelöst. 1680 ging der Besitz an die Hohenzollern.

 

 

 

Geschichte des Baus

 

Sie ist besser zu verstehen mit einer Reihe von Anmerkungen zu Backsteinproduktion und Backsteinbau, die ich in einem Sonderbeitrag behandele.

 

Um 1170, nach dem ersten Bauabschnitt, war eine bescheidene Kirche erstanden. Ihr fehlten die beiden Nebenchöre mit ihren Apsiden, ein Langhaus-Joch, die Krypta und der Westbau. Die Qualität des Mauerwerks des ersten Bauabschnitts, besonders am Chor, wird gerühmt.

 

Etwa zwischen 1180 und 1200 wurde der Bau ergänzt, wenn auch die oberen Turmgeschosse bis zur 2. Hälfte des 15. Jh. warten mußten.

 

Die meisten Klausurbauten entstanden nach und nach bis hin zum Spätmittelalter. Nur der Ostflügel des Kreuzgangs stammt aus der Zeit um 1200.

 

1684/85 unter dem Großen Kurfürsten wurde renoviert und barockisiert.

 

Auch 1853-56 restaurierte man sorgfältig und stilgerecht. Ab Mitte des 20. Jh. widmeten sich Restauratoren und Bauhandwerker wieder intensiv und erfolgreich Kirche und Klausur, mit Unterbrechungen bis in die Gegenwart.

 

Vorbilder der Architektur

 

Fast alle Autoren weisen auf Norditalien hin, wo die alte Backsteinbaukunst der Römer wieder zur Blüte gelangt war. Was veranlaßt zu dieser Theorie?

 

Die Krypta des aus Backsteinen erbauten, außen mit Marmor verkleideten Domes von Modena könnte mit dem darüber liegenden Hochchor Vorbild für Jerichow gewesen sein.

 

Im gleichen Dom sieht Schäfke Vorbilder für die Backstein-Trapezkapitelle in Jerichow.

 

Glasierte „Schalen“, wie an der Vorhalle der Abtei Pomposa, finden sich, wenn auch wenig eindrucksvoll, außen am Chor in Jerichow.

Terrakotta-Schalen an der Vorhalle der Abtei Pomposa (Foto: Matthias Holländer, Wikipedia, CC BY-SA 3.0)
 Kreuzbogenfries)

 

Kiesow weist auf den in Jerichow häufigen Kreuzbogenfries hin, dessen Weg er vom maurischen Spanien über Norditalien nach Jerichow verfolgt.

 

Diese Ähnlichkeiten haben zweifellos Gewicht.

 

Die Architektur

 

Die Kirche mit neuzeitlicher flacher Holzdecke ist eine 5-jochige Pfeilerbasilika mit 3 Schiffen und Querhaus im Osten, nach dem gebundenen System gebaut – die Maße der Vierung bestimmen den Grundriß.

 

Westbau Jerichow

Außen imponieren die zwei hohen Türme des Westbaus, bis zum 3. Geschoß verbunden mit einem wuchtigen leicht vorspringenden Mittelbau. Horizontal ist das Bauteil durch Friese gegliedert. Besonders auffallend sind Rund- und Kreuzbogenfriese.

 

Bis auf ein großes Drillingsfenster über dem Eingang und schießschartenähnliche Öffnungen in den Türmen sind die unteren Geschosse schmucklos. Weiße Blenden zieren die oberen Geschosse, im Spätmittelalter entstanden und 8-teilige gotische Helme tragend.

Der Chor aber mit seinen Apsiden und harmonischen Formen ist die Schauseite der Architektur.

 

Die Hauptapsis ist durch Lisenen vertikal gegliedert. Kreuzbogen- und andere Friese schmücken das Traufgesims. Der attraktive Kreuzbogenfries kommt am Bau immer wieder vor, hier am Giebel über der Mittelapsis, die von drei großen Rundbogenfenstern beleuchtet wird. Drei kleinere Fenster in ihren Achsen spenden der Krypta Licht.

 

Chor von Ost (Foto: MDM/Konstanze Wendt)

An den Nebenapsiden wird der Kreuzbogenfries durch weiße Blenden hervorgehoben, wie auch an den Armen des Querhauses. Alles in allem: ‚Romanik wie es sich gehört’, wie einer meiner Lehrer sagte. Da übersieht man schon mal, daß die Rundbogenfenster der kleinen Apsiden nicht auf gleichem Niveau liegen.

 

Beim Betreten des Innenraumes atmete der Besucher einmal tief durch. Ich, ziemlich befangen in meist steinsichtigen sakralen Räumen aus Naturstein, fand den Eindruck überwältigend. Kein Vergleich mit der 350 Jahre älteren Einhardsbasilika oder den noch älteren spätantiken Backsteinbauten in Ravenna, die ich besucht hatte.

 

Erst später lernte ich, daß die Wände mit Ziegelfarbe getüncht sind. Daher die einheitliche Farbigkeit. Die Fugen sind weiß ausgemalt. Letzteres wurde häufiger angewandt, auch bei Hausteinbauten.

 

 

Innenansicht nach Ost
Innenansicht nach West zur Turmhalle (Foto: Varus 111, Wikipedia, CC BY-SA 3.0)

 

 

Im 5-jochigen Langhaus tragen die seltenen Säulen aus Backstein ungewöhnliche Trapez-Kapitelle aus dem gleichen Material. Als Kontrast dienen ornamentierte Kämpferplatten aus Haustein, die den Blick zu weiß getünchten Bögen führen. Der Wandaufriß ist 2-zonig mit großer Backsteinfläche zwischen Arkaden und Obergaden.

 

Im Westen der Arkaden lösen 2 Backsteinpfeiler ohne Kapitelle die Säulen ab. Die Turmhalle wird von einer Zwillings-Arkade unter einer Empore begrenzt, deren Hausteinstützen skulptierte Kapitelle tragen. Darüber das gekuppelte Drillingsfenster des Westbaus.

 

Aufriß Nord. Vorn romanische Taufe.
Blick nach Südost

 

Nach Osten geht der Blick zur 2-schiffigen Krypta unter dem höher gelegenen Chor, der durch 4 hohe Bögen ausgeschieden ist. Die Brüstung wurde im Zuge von Restaurierungen im 19. Jh. eingebaut. In der Krypta enden die Naturstein-Säulen in reich skulptierten Kapitellen aus Haustein. Sie tragen ein Kreuzgratgewölbe.

 

Krypta mit Haustein-Kapitellen.
Krypta, Detail.

 

Die Klausurbauten konnte ich nur kurz besuchen. Sie sind sehenswert, vor allem nach den Restaurierungen der letzten Jahre.
 
Wer nicht allzu sehr unter Zeitnot leidet, sollte bei einem Besuch Magdeburgs einen Abstecher nach dem etwa 60 km entfernten Jerichow nicht versäumen.
 
 
 
 
 
Literatur
 
 
Eisold, Norbert, Lautsch, Edeltraut, Sachsen-Anhalt, Kunst-Reiseführer DuMont, 4. Auflage, 2005, DuMont Reiseverlag, Ostfildern, - S.79ff
 
Kaiser, Wolfgang, Romanische Architektur in Deutschland, in: Romanik - Die Kunst der Romanik, Hrsg. Toman, Rolf, Könemann-Verlagsgesellschaft mbH, Köln, 1996
 
Kiesow, Gottfried, Kulturgeschichte sehen lernen, Band 2, 1. Auflage, Verlag MONUMENTE Publikationen, Bonn 2001, - S. 34ff
 
Kiesow, Gottfried, Hrsg., Backsteingotik, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Köln, Frankfurt a. M., 2. Auflage, 2000, - S. 5, 9
 
Kiesow, Gottfried, Backsteinbaukunst, ihre Ursprünge und Entwicklungen, in: Backsteinbaukunst – Zur Denkmalkultur des Ostseeraums, Hrsg. Dt. Stiftung Denkmalschutz, Verlag: Deutsche Stiftung Denkmalschutz, MONUMENTE Publikationen, Bonn 2007 - S. 60ff, 198ff
 
Laule, Ulrike, Bednorz, Achim, Borngässer, Barbara, Architektur der Gotik, Die Ästhetik großartiger Baukunst, edel entertainment GmbH, Hamburg – Sonderausgabe, - S. 15
 

Mrusek, Hans-Joachim, Deutsche Baukunst, Romanik, VEB E.A. Seemann Verlag, Leipzig, 1983

Plumridge, Andrew und Meulenkamp, Wim, Brickwork, Architecture and Design, Seven Dials, Cassell & Co., London, Paperback, 2000, - S. 78ff, 165ff
 
Schäfke, Werner, Mittelalterliche Backsteinarchitektur von Lübeck zur Marienburg, DuMont Buchverlag, Köln, 1995, 14ff
 
Wagner-Rieger, Renate, Architektur, in: Das Mittelalter I, Hermann Filitz, Propyläen-Kunstgeschichte, Berlin, Propyläen-Verlag, 1990, - S. 225
 
 
 
 
Netz
 
Transromanica
Kloster und Klosterkirche St. Marien und St. Nikolai - Jerichow
http://www.transromanica.com/de
 
Modell der frühstädtischen Siedlung Hildesheim
https://www.baufachinformation.de/denkmalpflege
 
Brick
http://www.elkage.de
 
Dehio, Gottfried, Außenbaubeschreibung der Stiftskirche des Prämonstratenserstiftes zu Jerichow
Quelle: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Sachsen-Anhalt I, 1974
http://www.baufachinformation.de/denkmalpflege/Au%C3%9Fenbaubeschreibung-der-Stiftskirche-des-Pr%C3%A4monstratenserstiftes-zu-Jerichow/1988017114118
 
Dehio, Gottfried, Innenraumbeschreibung der Stiftskirche des Prämonstratenserstiftes zu Jerichow, Quelle: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Sachsen-Anhalt I, 1974
http://www.baufachinformation.de/denkmalpflege/Innenraumbeschreibung-der-Stiftskirche-des-Pr%C3%A4monstratenserstiftes-zu-Jerichow/1988017114119
 
Schmitt, Reinhard : Backsteinarchitektur in Mitteleuropa – Neue Forschungen, Hrsg. Ernst Badstüber, Lukas-Verlag, Berlin
http://books.google.de/books/about/Backsteinarchitektur_in_Mitteleuropa.html?id=n_F-YKbdClAC&redir_esc=y
 
Die Kunst des Mittelalters in der Mark Brandenburg
http://books.google.de
 
Prämonstratenserorden
http://www.heiligenlexikon.de
 
 
 

Eigene Beobachtungen

 

 

 
 




 











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