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Backstein und Jerichow

 

Die Klosterkirche Jerichow läutete den Beginn einer Architektur-Epoche ein, die für einige Jahrhunderte profane und sakrale Baukunst vor allem and der Ostseesee und im Hinterland
prägen sollte.

 

Backsteinbaukunst ist allgemein als Backstein-Gotik bekannt. Ihr ging die weniger bekannte Backsteinromanik voraus, die mit Jerichow begann. Die Stiftskirche ist eine Pionierleistung. Bald folgten andere Gotteshäuser, z. B. der romanische Dom zu Ratzeburg.

 

Nun aber beginnen die Fragen: Gab es in der Region Ziegeleien bzw. Kenntnisse über die Produktionsprozesse? Die Archive geben nichts her und bei der Eigenart des Baumaterials (Lehm) und der Gebäude (Holz) hat die Archäologie keine Chancen, vor allem nicht, wenn im Feldbrand gearbeitet wurde.

 

Die Forschung übergeht mehr oder weniger das Problem. Schmitt allerdings räumt ein, daß es ungeklärt ist. Die Fachwelt geht wohl davon aus, daß nicht nur die Bauhütte/n, sondern auch die Ziegler aus Norditalien kamen, hier ziegelten und ihr Wissen an einheimische Kräfte weiter gaben.

 

Allerdings gibt es in Holland die Backsteinkirche von Egmont, Baubeginn wohl 1130. Und Prämonstratenser haben flämische und holländische Kolonisten rings um Jerichow angesiedelt. Könnten nicht auch von dort Ziegler gekommen sein?

 

Wie auch immer. Zweifel an der Herkunft von Bauhütte und Baumeister aus Oberitalien gibt es bei den Experten kaum.

 

Geschichte der Backsteinbauten in Deutschland

 

Abgesehen von Einhards Kirche waren Backsteinproduktion und –bauten nach dem Abzug der Römer in Deutschland so gut wie verschwunden, bis der geniale Bischof Bernward von Hildesheim in der 1. Hälfte des 11. Jh. eine archäologisch belegte Dachziegelproduktion in Gang setzte.

 

Aber erst Heinrich der Löwe förderte im 12. Jh. die Produktion von Mauerziegeln in größerem Umfang, auch im Zuge der Ostbesiedlung. Rohstoffe in Form von Ton- und Lehmvorkommen gab es reichlich.

 

Das neue Baumaterial war hochwillkommen, weil bisher bekannte Holzkirchen oder Gotteshäuser aus Feldsteinen nicht mehr den Ansprüchen genügten.

 

Rangordnung der Baumaterialien

 

Allerdings, obwohl eine Aufwertung gegenüber den häufigen Holzkirchen, ist die rasche Verbreitung von Backsteinkirchen nicht ohne eine gewisse Ironie. Stand doch dieser Kunststein aus Sicht höherer Kleriker im Rang deutlich unter dem Hau- oder Naturstein. Der schlecht beleumundete Turm zu Babel, aus Ziegeln gefertigt, soll ihre Abneigung gegen sakrale Backsteinbauten erklären.


Aber da waren die Mönche. Wie so oft Vorreiter, auch hier. Klösterlichen Ziegeleien trugen erheblich zur Neubelebung der Ziegelmacherei bei.

 

Produktionsprozesse

 

Generell wurden wie auch immer geformte Rohlinge aus gut durchmischtem Lehm zunächst an der Luft einige Monate lang regensicher getrocknet. Das noch ungebrannte Produkt wird Grünling genannt und in verschiedenen Verfahren gebrannt, im Mittelalter oft im primitiven Feldbrand. Dabei wurden nach bestimmten Regeln Brennmaterial und Grünlinge auf freiem Feld aufgeschichtet und gebrannt, was viel Erfahrung erforderte. Die Ausschußquote war hoch.

 

Wenn wir von mittelalterlichen Backsteinen sprechen, meinen wir in der Regel „gestrichene“ Ziegel: Ein Lehmklumpen wird in eine auf einem Arbeitstisch aufliegende oben und unten offene rechteckige Holzform gedrückt. Der oben überflüssige Lehm wird mit einem Draht abgestrichen. Dieser Prozeß setzte sich aber erst ab etwa 1200 durch.

 

Holzformen
Formsteine

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Davor wurden, auch in Jerichow, die Rohlinge aus größeren Lehmblöcken mit Drähten oder Schnüren herausgeschnitten. Das erlaubte Flexibilität hinsichtlich der Maße.

 

Nach Kiesow wurden diese „geschnittenen“ Mauerziegel in der ersten Bauphase verwendet, wohl auch für Einzelelemente der Kreuzbogenfriese. Es war nicht schwer, sie aus einer Lehmplatte entsprechender Stärke herauszustanzen, zu trocknen, zu brennen und dann am Bau zum Fries zusammen zu setzen. Das Foto aus Lüneburg zeigt deutlich die Ansätze.

 

Kreuzbogenfries vor weißer Blende, darüber Diamantfries, Lüneburg

Auch Keilsteine sind in Jerichow auf diese Weise hergestellt worden.

 

Im 13. Jh. wurden dann Profile in Standard-Holzformen eingesetzt. Das ermöglichte die Serienproduktion von Ornamentteilen. (>> Bauschmuck)

 

 

 

 

Besonderheiten

 

In Jerichow und anderswo fallen an den vermauerten Ziegeln so genannte „Riefelungen“(Scharrierungen) auf, in der Regel schräg parallel verlaufende Rillen, auf dem noch nicht gebrannten Ziegel angebracht. Nach Kiesow kommen sie bei fast allen Backsteinbauten des 12. Jh. vor, wobei sich auch, z.B. in Jerichow, fischgratähnliche Muster entdecken lassen.

 

Über den Sinn dieser Schraffuren diskutieren die Fachleute. Einige glauben, daß sie einer besseren Haftung der Ziegeltünche dienen sollten. Andere halten sie für Spuren des Drahtes, mit dem die Rohlinge ausgeschnitten wurden. Dagegen sprechen die gegenläufigen Musterungen.

 

Eine andere interessante Theorie bezieht sich auf den Rang des Backsteins gegenüber dem Haustein. Danach soll die Riefelung den Mauerziegel „veredeln“, weil die Spuren denen ähneln, die ein bestimmtes Werkzeug an der Oberfläche von Hausteinquadern hinterläßt.

 

Ein auch kontrovers diskutiertes Problem sind die seltenen Backsteinkapitelle, in Jerichow als Trapezkapitelle ausgebildet. Sie schmücken die Säulen der Mittelschiffarkaden. Es soll sie auch in der Lombardei geben.

Kapitell Jerichow, Langschiffarkade

 

Das Trapezkapitell leitet sich ab vom romanischen Würfelkapitell. Die unteren Rundungen wurden zu Dreiecken geformt. Nach Badstübner/Schumann kannte man schon in Byzanz solche Kapitelle.

 

Zum Herstellungsprozeß gibt es wieder unterschiedliche Meinungen. Wahrscheinlich wurde ein Würfel geformt. Doch wie wurde das Kapitell herausgearbeitet? Immerhin gab es noch leichte Rundungen.

 

Steinmetztechniken waren aus meiner Sicht bei vollständig gebrannten Blöcken wegen der Sprödheit des Materials unbrauchbar. Möglich, daß man die Formen in lederhartem Zustand des Würfels herausschnitt. Ich frage mich allerdings, wie der Mörtel diese Prozeduren überstanden hat. Oder handelte es sich um einen reinen Ziegelwürfel, in den die Fugen nachträglich eingearbeitet bzw. gemalt wurden. Mein Foto läßt nicht genügend Details erkennen.

 

Wer sehen möchte, welche Herstellungsprozesse zur Modellierung von Lehmrohlingen heute in Spezialwerkstätten angewandt werden, sieht hier einen kleinen Film.

 

 

Literatur

 

Kiesow, Gottfried, Kulturgeschichte sehen lernen, Band I, 4. Auflage, Verlag MONUMENTE Publikationen, Bonn 1997

 

Kiesow, Gottfried, Backsteinbaukunst, ihre Ursprünge und Entwicklungen in Backsteinbaukunst –Zur Denkmalkultur des Ostseeraums, Hrsg. Dt. Stiftung Denkmalschutz, Verlag: Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Monumente Publikationen, Bonn 2007

 

Nawrocki, Paul, Der frühe dänische Backsteinbau, Studien zur Backsteinarchitektur, Bd. 9, Lukas-Verlag, Berlin, 1. Auflage, 2010, - S. 43ff, S. 50, S. 61f.
http://books.google.de/books?id=eom_S2QXPQ4C&pg=PA47&lpg=PA47&dq=Riefelung+backstein&source=bl&ots=TeFyQarFUm&sig=Tl7POV8eQVmfIE8_Z1Onm_VeBvw&hl=de&sa=X&ei=UyqLUpTpGYGZ4gSq_YHICQ&ved=0CDAQ6AEwAA#v=onepage&q=Riefelung%20backstein&f=false

 

Schäfke, Werner, Mittelalterliche Backsteinarchitektur von Lübeck zur Marienburg, DuMont Buchverlag, Köln, 1995, - S. 14Ff

 

 
Netz
 
Badstübner, Ernst, Schumann, Dirk, Hrsg., Backsteintechnologien in Mittelalter und Neuzeit, Studien zur Backsteinarchitektur Bd. 4, Lukas-Verlag, Berlin, Erstausgabe 2003
https://www.google.de/#q=backsteintechnologien+in+mittelalter+und+neuzeit
 
 
Koller, Manfred, Gestaltungstechniken sowie Fugensysteme und Materialbedeutung in der Romanik und Frühgotik
http://www.baufachinformation.de/denkmalpflege
 
 
Schmitt, Reinhard, Backsteinarchitektur in Mitteleuropa – Neue Forschungen, Hrsg. Ernst Badstüber, Lukas-Verlag, Berlin
http://books.google.de/books/about/Backsteinarchitektur_in_Mitteleuropa.html?id=n_F-YKbdClAC&redir_esc=y
 
 
Studium Hallense e.V. –Interdisziplinäre Forschungsgruppe zur Geschichte Sachsen-Anhalts
http://www.studium-hallense.de
 
 
Brick
http://www.elkage.de
 
 
Trapezkapitell
http://www.mittelalter-lexikon.de
 
 
Herstellung und Verwendung von Backsteinen im Mittelalter in den Niederlanden
http://www.baufachinformation.de/denkmalpflege
 
 
Badstübner, Ernst, Hrsg., Die Kunst des Mittelalters in der Mark Brandenburg, Google Books
http://books.google.de/books?id=G2fGQkXtA0kC&pg=PA8&lpg=PA8&dq=kunst+des+Mittelalters+in+der+Mark+Brandenburg&source=bl&ots=NWKGVGQzFy&sig=WG4XfLlWtnxc6Bx2YG5z_mZ4bgs&hl=de&sa=X&ei=JxHiUp2ZFI

 










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