lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

Ottonisch

Sankt Pantaleon, Köln

 

Im monumentalen Westbau zwischen alten Bäumen ruht seit über tausend Jahren eine jung gestorbene deutsche Kaiserin, deren Wiege in Byzanz stand. Hier in Sankt Pantaleon zu Köln wartet Theophanu im weißen Marmorsarkophag auf Auferstehung und Jüngstes Gericht.

 

St. Pantaleon, Köln
Westwerk

 

Die ehemalige Benediktiner-Abteikirche ist die älteste der 12 ottonisch/romanischen Kirchen einer Stadt, die, wegen der Vielzahl von Sakralbauten innerhalb ihrer Mauern das "Rom des Nordens" genannt wurde.

 

Wie so oft in Köln wurden die Vorgängerbauten außerhalb der römischen Stadtmauern über Ruinen errichtet. Noch heute liegt St. Pantaleon abseits des Großstadttrubels. Inmitten des parkähnlichen Bezirks ist klösterliche Abgeschiedenheit wohltuend spürbar.

 

St. Pantaleon, Köln
Fragment des ottonischen Kreuzgangs

 

Die Klausurgebäude aus der Gründerzeit sind verschwunden. Nur nordöstlich der Kirche finde ich nach einigem Suchen das ottonische Kreuzgang-Fragment, nach Binding der älteste Rest eines Kreuzgangs. Welche Geschichten könnten die mehr als tausend Jahre alten Säulen mit ihren Pilzkapitellen den Kleinen des 21. Jahrhunderts im Kindergarten hinter ihnen erzählen?

 

 

Politische Bedeutung

Ich habe die alt-sächsischen "Kernlande" mehrfach besucht, auch die ottonischen Kirchen in Gernrode, Quedlinburg und Hildesheim. Zusammen mit dem untergegangenen romanischen Dom in Magdeburg betonen diese imposanten Bauten die Bedeutung einer Region, die für mehr als 80 Jahre, bis zum Regierungsantritt Heinrichs II., das Herz des ottonischen Reiches war.

 

Ich frage mich, warum ein für die damalige Zeit so monumentaler Bau auch hier im Westen errichtet wurde. War er als Symbol gedacht? Köln lag damals im Herzogtum Lothringen, das auch vom Westfrankenreich sehr nachdrücklich beansprucht wurde. Noch 942 hatte Kaiser Otto I. den französischen König Ludwig IV. zum Verzicht gezwungen. 978-80 wurde um dieses Gebiet Krieg geführt.

 

Kaum gefragt, kommen die ottonischen Bauten in Essen in den Sinn, vor allem das Westwerk der Kirche des Damenstiftes (heute Münster). Adlige Stifte, oft von Mitgliedern des Herrscherhauses geleitet, waren wichtige Stützpunkte ottonischer Herrschaft, und auch Essen lag in oder an der Grenze von Lothringen.

 

Wäre es zu weit hergeholt, die kaiserliche Grablege St. Pantaleon, als Zeichen ottonischen Machtanspruchs hier an der Grenze zu sehen? Auch die Vollendung des Kölner Domes im 19. Jh. war u.a. ein politisches Signal gen Westen.

 

Jedenfalls war die Abtei St. Pantaleon dem Herrschergeschlecht eng verbunden. Gründer des Benediktiner Männerklosters – des ersten in Köln - und Bauherr war Brun, Erzbischof und Bruder Ottos I.. Und Brun war Herzog von Lothringen, ein Amt, in dem einige Vorgänger gescheitert waren.

 

Theophanu erweiterte die Kirche. Sie wurde von den Ottonen als Minderjährige vom byzantinischen Kaiserhof geholt, um aus politischen Gründen den jungen Otto II. zu heiraten. Mit ihm wurde sie zur Kaiserin gekrönt, gebar - neben drei Töchtern - den nächsten Herrscher, Otto III., rettete ihm die Krone und regierte für ihn zeitweilig das Reich. Er war 991 bei ihrer Bestattung in St. Pantaleon anwesend und beschenkte die Abtei. Otto III. selbst wurde dort 11 Jahre später auf seinem Weg zur Bestattung in Aachen aufgebahrt.

 

 

Der Bau und seine Geschichte

Der Kirchenpatron St. Pantaleon war im Norden Europas wenig bekannt, wurde aber in Köln schon vor der Ankunft Theophanus verehrt. Auch die Kaiserin hatte eine Vorliebe für den aus ihrem Kulturkreis stammenden antiken Heiler. Die hier besprochene Kirche und ihre Vorgängerbauten sind die ältesten nördlich der Alpen mit seinem Patrozinium.

 

Das Deutschland-Radio berichtete 2006 über neue Ausgrabungen. Nun weiß man von 3 älteren Kirchen an dieser Stelle, einem um 250 errichteten Saal (~14 x 5 m), einer in der gesamten Merowingerzeit (5. bis 8. Jh.) auch als Grablege genutzten Saalkirche von 35 m Länge und einer knapp 50 m langen karolingischen Kirche aus dem 8. Jh.. Hier stand also schon vor über 1750 Jahren ein christlicher Sakralbau.

 

Der genaue Zeitpunkt der Klostergründung ist umstritten, wird aber häufig mit "um 956" angenommen, also kurz nach Bruns Ernennung zum Erzbischof (953). Wenig später – es wird das Jahr 964 erwähnt – begann der Bau der neuen Kirche.

 

Obwohl größer als die alte, war sie nicht so imposant, wie die heute vor uns stehende und hatte noch kein Westwerk.

 

St. Pantaleon, Köln
Kapitelsaal und Nordflügel des niedrigen Querhauses (hinten)

 

Das wurde wohl kurz vor der Jahrtausendwende errichtet, jedenfalls aber nach Bruns Tod (965), der für die Kirche 300 Pfund, und für das Kloster 100 Pfund bereitgestellt hatte. (Für 100 Silberpfund konnte man ca. 200 Kühe kaufen) Die Investition sollte auch seinem Seelenheil dienen. Die Quellen berichten, daß bis zu 50 Mönche dafür beteten, ein erstaunlicher Aufwand für einen Mann, dessen Leben friedlicher und gesitteter verlaufen war als das vieler seiner adligen Zeitgenossen.

 

Theophanu, 976 zum ersten Male in Köln, trat als Mäzenatin in seine Fußstapfen. Das heutige Westwerk, durch Umbauten im Laufe der Jahrhunderte verändert, ist wohl unter ihrer Regie und mit ihren Mitteln erbaut worden.

 

St. Pantaleon, Köln
Reste des romanischen Kreuzgangs unter dem Kapitelsaal

 

Die heutige Basilika war bis zur Mitte des 12. Jh. Saalkirche mit zwei Annexbauten im Osten. Dann wurden gewölbte Seitenschiffe angebaut. Licht fällt durch 2-bahnige Maßwerkfenster im Süden und Rundbogenfenster im Norden. Die Maßwerkfenster des Mittelschiffes sind aus der Barockzeit. Die Satteldächer der Seitenschiffe wurden im 19. Jh. durch Pultdächer ersetzt.

 

Bei den Umbauten im 12. Jh. wurde der Kapitelsaal im Norden errichtet, der romanische Kreuzgang bis auf zwei Joche abgerissen.

 

Das viel beforschte Westwerk ist der interessanteste Gebäudeteil. Was wir heute sehen, ist eine Rekonstruktion von 1890-92 - teilweise nach alten Stichen – die dem Ursprungszustand recht nahe kommen soll. Unter Fachleuten ist dieses Thema umstritten.

 

St. Pantaleon, Köln
Sarkophag Bruns

 

Der Besucher steht vor einem massiven Mittelturm, dem im Süden, Westen und Norden je ein niedrigerer Flügel angebaut ist. In den Ecken zwischen Westanbau und Südanbau bzw. Nordanbau stehen zwei Treppentürme, die den mittleren Turm deutlich überragen.

 

Abweichungen vom Ursprungsbau gibt es beim westlichen Vorbau, der ursprünglich etwa doppelt so lang war. Die Blendbögen und Öffnungen im obersten Geschoß der Treppentürme sind nicht belegt. Im Giebel des Vorbaus war ein Okulus. Die interessante Gliederung der Treppentürme aus quadratischen, oktogonalen und runden Abschnitten ist hingegen verbürgt.

 

Im Pflaster vor dem Westwerk ist der Grundriß eines Zentralbaus markiert. Offensichtlich beabsichtigte Brun eine Kapelle zu errichten über deren Zweck nichts bekannt ist.

 

St. Pantaleon, Köln
Westfassade Detail

 

Baudekor außen

Zunächst fällt die Mehrfarbigkeit des Dekors auf und erinnert entfernt an die "Tor"-Halle in Lorsch.

 

St. Pantaleon, Köln
Rundbogen, durch schmale Ziegelbogen überfangen

 

Rot-brauner Sandstein teilt das Obergeschoß des Westvorbaus über der großen Portalöffnung in drei gleiche Flächen. In den Nischen darüber, ursprünglich wohl zahlreicher, befand sich Ende des 10. Jh. ein umfangreiches Skulpturen-Programm, das älteste und größte des damaligen Europa. Fragmente, darunter ein Christuskopf, sind erhalten und können bei Führungen besichtigt werden.

 

St. Pantaleon, Köln
Langhaus nach Ost

 

Zwischen flachen hellen Lisenen mit aufgesetzten dunklen Pilastern mit Basen und Kelchkapitellen finden sich zweifarbige Rundbogenfriese auf kleinen Konsolen, ein Dekor, der sich an anderen Teilen der Baugruppe wiederholt. Die Rundbogen werden durch schmale Ziegelbogen überfangen, deren Zwickel auf der Spitze stehende quadratische rote Steine schmücken.

 

St. Pantaleon, Köln
Westwerk

 

 

Das Innere

Man betritt das Langhaus heute von der Südseite. Bei der Restaurierung nach dem 2. Weltkrieg wurde das Gewölbe des Mittelschiffs aus dem 16. Jh. entfernt. Die Flachdecke entspricht eher einem Bau des frühen Mittelalters.

 

Der spätgotische Lettner verdeckt den größten Teil des Barockaltars.

 

St. Pantaleon, Köln
Westwerk nach Nordwest

 

Der Raumeindruck aber wird bestimmt durch das Westwerk. Vom Langhaus aus gesehen öffnen sich hinter einem monumentalen zweifarbigen Bogen auf starken Sandstein-Pfeilern zwei Stockwerke. Über einem Portal im Erdgeschoß gewährt eine zweifarbige Dreierarkade mit Rundbögen auf wuchtigen Pfeilern Durchblick zum Westvorbau. Die Nord- und Südanbauten begnügen sich im Erd- und Obergeschoß mit zweifarbigen Doppelarkaden.

 

 

Mittelalterliche Ausstattung

 

St. Pantaleon, Köln
Lettner

 

Der wertvolle spätmittelalterliche Lettner (Anfang 16. Jh.) ist einer der letzten in Köln aus dieser Epoche. Neben der Mutter Gottes sind Albinus und Pantaleon dargestellt. Diverse Restaurierungsarbeiten führten zum Verlust der äußeren Teile.

 

St. Pantaleon, Köln
Maurinus-Schrein

 

Die prächtigen Schreine der Märtyrer Maurinus und Albinus sind vom Ende des 12. Jh. aus einer Werkstatt, die der Forschung noch unbekannt ist. Der des Maurinus ist der um wenige Jahre Ältere.

 

In der im Kapitelsaal untergebrachten Schatzkammer sind weitere Kleinode ausgestellt.

 

Ich habe St. Pantaleon einige Male besucht. Ein Weg lohnt immer. Schatzkammer, Krypta und Obergeschoß des Westwerks sind nur im Rahmen von Führungen zu besichtigen.

  

 

 


 

 


Literatur
 
Adam, Ernst, Zur Baukunst im Rheinland, in: Rhein und Maas, Kunst und Kultur, 800-1400, Katalog der Ausstellung, Legner, Anton (Hrsg.) Schnütgen-Museum, Köln, Verlagsgesellschaft Rudolf Müller, Köln, 1972
 
Beuckers, Klaus Gereon/Cramer, Johannes/Imhof, Michael, Die Ottonen, Michael Imhof-Verlag, 2002
 

Binding, Günther, Ottonische Baukunst in Köln, in: Kaiserin Theophanu, Begegnung des Osten und Westens um die Wende des 1. Jahrtausends, Gedenkschrift des Kölner Schnütgen-Museums zum 1000. Todesjahr der Kaiserin, Euw, Anton von/Schreiner, Peter (Hrsg.), Band I, Schnütgen-Museum, Köln, S. 291

 
Borger, Hugo, Die Abbilder des Himmels, Band I, Greven-Verlag Köln, 1979
 
Fillitz, Hermann, Das Mittelalter I, in: Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990,
 
Hoffmann, Godehard, Rheinische Romanik im 19. Jh., Denkmalpflege in der Preußischen Rheinprovinz, Bachem-Verlag, 1995
 
Koch,Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993
 
Jacobsen, Werner/Lobbedey, Uwe/Winterfeld, Dethard von, Ottonische Baukunst, in: Otto der Große, Magdeburg und Europa, Katalog der Ausstellung in Magdeburg, 2001, Band I, Verlag Philipp v. Zabern, Mainz, Puhle, Mathias (Hrsg.)
 
Schäfke, Werner, Kölns Romanische Kirchen, Geschichte und Ausstattung, DuMont Kunstreiseführer, DuMont Buchverlag Köln, 1996
 

Untermann, Matthias, Handbuch der mittelalterlichen Architektur, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 2009

 
Vones, Ludwig, Klöster und Stifte – Geistige und geistliche Erneuerung. Reform – Gedanke, in: Kaiserin Theophanu, Gedenkschrift des Kölner Schnütgen-Museums zum 1000. Todesjahr der Kaiserin, Euw, Anton von/Schreiner, Peter (Hrsg.), Band I, Druckerei Locher GmbH, Köln, 1991
 
Winterfeld, von, Dethard, Romanik am Rhein, Stuttgart: Konrad Theiss Verlag, 2001
 
 
Netz
 
St. Pantaleon
http://www.romanische-kirchen-koeln.de/pantaleon.html
 
 
 
Sonstiges
 
Wolff,Arnold, Romanische Kunstlandschaften, Karl-Rahner-Akademie, Köln, 2003
 
Diverse Führungen
 
Deutschland-Radio, 2006, Ausgrabungen in St. Pantaleon
 
 
 
Eigene Beobachtungen
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Ergänzung 2015 - Kreuzgang
 
Überarbeitung 2016