lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

Gotik

Kathedrale Notre Dame Laon

Hundert Meter hoch ragt der Kalksteinfelsen aus der Ebene der Picardie. Er trägt mit der Altstadt das größte Areal denkmalgeschützer Bauten Frankreichs und eine der schönsten frühgotischen Kathedralen, deren fünf Türme die alten Häuser überragen. Aus den beiden Westtürmen schauen 16 Ochsen ins Land.

 

Geschichtliches

Die Könige des Kapetinger-Geschlechts beherrschen in der 1. Hälfte des 12. Jh. nur etwa zehn Prozent des alten westfränkischen Reichsgebietes, können aber, von der Kirche gestützt, die Erblichkeit der Dynastie durchsetzen. Die Erzbischöfe in Reims krönen fast alle französischen Könige in ihrer Kathedrale.

 

Mehr Macht liegt in den Händen großer Vasallen, wie den Herzögen von Burgund und der Normandie. Nach der Eroberung Englands in 1066 durch Herzog Wilhelm II. der Normandie, einem Lehnsmann des französischen Königs Philipp I., hatte für Frankreich ein jahrhundertelanger Konflikt begonnen.

 

Der Bau der frühgotischen Kathedralen im 12. Jahrhundert fällt in eine Periode der Stärkung des Königtums und der Kommunen, aber auch, meist erfolgreicher kriegerischer Auseinandersetzungen des Königshauses mit den Vasallen. Die Grafschaft Vermandois und damit Laon fällt an die Kapetinger-Könige.

 

Blick auf Stadt und Kathedrale (Wikipedia, Pline)

 

Baugeschichte

In der Mitte des Jahrhunderts herrscht Aufbruchstimmung in der Krondomäne. Etwa gleichzeitig mit Laon werden in Sens, Senlis, Noyon und Paris Kathedralen gebaut.

 

Die Ermittlung präziser Baudaten ist in Laon besonders schwierig. Schriftliche Quellen fehlen. Die Aussagen in Literatur und Netz weichen oft weit voneinander ab. Der Baubeginn mit 1155/60 ist wenig umstritten, die Endweihe schon. Das Datum 1215 dürfte vorläufiges Bauende bedeuten, 1235/35 Gesamtweihe. Dazwischen müssen wir von mindestens zwei getrennten Bauabschnitten ausgehen. Etwa 1180 steht der Chor, mit traditionellem polygonalen Abschluß im Osten. Wahrscheinlich sind auch östliche Querhausteile fertig.

 

Dann stocken die Bauarbeiten. Noch vor 1200 erklingt wieder Baulärm. Querhaus und Langhaus werden errichtet und dann, in einer bis heute unerklärlichen Kehrtwende, fällt der Chor der Spitzhacke um Opfer. An seiner Stelle wächst ein neuer, längeren Chor empor mit – sehr überraschend – geradem Abschluß. In England ist das die Regel bei gotischen Kirchen und Teilen der romanischen/normannischen. Clifton-Taylor führt diese Form des Chorendes auf vor-normannische angelsächsische Bauten zurück.

 

Eine belastbare Erklärung für die Übernahme in Laon fehlt. Vielleicht hilft ein Blick auf die Chronologie. Die erste rein gotische Kathedrale in England (Canterbury, mit polygonalem Chor, war stark von Frankreich beinflußt) ist die von Wells. Sie hat einen flachen Chorabschluß und wurde in wichtigen Teilen zwischen 1180 und 1215 gebaut. In diese Zeit fällt in Laon der Neubau des Langchores mit geradem Abschluß. Da ist es nicht ausgeschlossen, daß die Anregung aus Wells kam.

 

Zurück zu Laon. Wohl erst nach Fertigstellung des neuen Chores wenden sich Baumeister und Handwerker der Fassade zu.

 

Architektur

Die Fassade mit ihren Türmen ist für die meisten Besucher das spektakulärste Element und die Visitenkarte der Kathedrale. Für den Interessierten bietet sie gute Vergleichsmöglichkeiten mit Fassaden anderer Kathedralen der Epoche.

 

laon 004 Fassade

Ziehen wir zum Vergleich die 50 – 60 Jahre ältere Fassade von >>St. Denis heran.

Auffällig ist das Verschwinden der in St. Denis massiven Strebepfeiler. Sie werden fast vollständig kaschiert. Als Gliederungselement fallen sie aus. Die immer noch auf der Tradition römische Triumphbogen basierenden 3 Portale sind in Laon imposant und höhlenartig eingeschnitten.

Anders als in der Hochgotik haben sich die Baumeister beider Kathedralen für Rundbogen bei Fenstern und Portalen entschieden. Spitzbogen werden in Laon angedeutet durch aufgesetzte Giebelchen auf den Portalen hinter denen sich Fenster verbergen.

Leider sind auch hier, wie in St. Denis, viele der Gewändeskulpturen der französischen Revolution zum Opfer gefallen.

Aus dem kleineren Rundfenster in St. Denis ist eine große Fensterrose geworden. Sie soll die erste in gotischen Kathedralen sein, ehe sie später sozusagen Standard wird. Im 19. Jh. muß sie erneuert werden, angepaßt an die Rose im Chor. Sie lastet schwer auf dem mittleren Portal und zwingt die Galerie zwischen den Türmen nach oben aus der Horizontalen. Die großen Fenster neben der Rose liegen in tiefen Gewänden.

Alles in allem ist die Gestaltung deutlich mutiger und offener als in St. Denis.

Und dann die Türme, wenn man sie so nennen will. Sie haben nichts von der Wehrhaftigkeit starker Mauern.

 

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 Türme von Südost
 
 
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 Ochsen

Einladend öffnen sie sich für Sonne und Wind, für das Spiel von Licht und Schatten. Mir kommt der Gedanke an die filigranen, durchbrochenen Turmhelme der Spätgotik. Hatte sich da jemand an Laon orientiert? In Bamberg und Naumburg jedenfalls sind die Westtürme deutliche Zitate.

Die Türme haben viele beeindruckt. Der bekannte Architekt dieser Zeit, Villard de Honnecourt, meint, er habe viele Länder gesehen, aber nirgends Türme erblickt wie diese. Conrad sieht im berühmten Skizzenbuch Andeutungen von Turmspitzen, die es wohl auch tatsächlich auf beiden Türmen gab und deren letzte 1793 abgebaut wurde.

Die Plastiken der 16 Ochsen – wüßte man es nicht besser, könnte man sie für Ziegen halten - tragen zum Spielerischen der Architektur bei. Es gibt einige Theorien zu dieser einzigartigen Skulpturen-Anordnung. Am besten gefällt mir die, nach der man den jahrzehntelang beim Transport der Steine zum hoch gelegenen Bauplatz außerordentlich hart arbeitenden Tieren ein Denkmal setzen wollte.

So ähnlich sieht man es in Bamberg. An den Westtürmen des Domes hat der Baumeister sich von den Tierplastiken in Laoninspirieren lassen. Die als „Domkühe“ bekannten Skulpturen sind am Turm, von unten nicht gut sichtbar, in Kopien erhalten. Auch sie gedacht als Symbol der Dankbarkeit.

Das hätte Franz von Assisis gefallen, der Anfang des 13. Jh., also etwa in der Zeit der letzten Bauphase in Laon, in seinem Sonnengesang indirekt auch die Tiere als Brüder bezeichnete.

Beim Gang um die Kathedrale begegnet der Besucher dem Strebewerk von Langhaus und Langchor. Der Begriff ist technisch richtig, aber hier „strebt“ wenig. Fast ängstlich suchen die mit Türmchen besetzten Strebepfeiler die Wand, der sie nur gebogene Stummel hinüber schicken. Doch offensichtlich erfüllen sie ihren Zweck. Von dem uns begeisternden Kranz fialenbestückter Pfeiler mit weiten Bogenschlägen, eine der wichtigsten Ausdrucksformen gotischer Kathedralen, sind sie noch weit entfernt.

 

Strebewerk 
 
 
Querhausfassade Süd
(Foto: Peter Kramer, Troisddorf)

Die Fassade des Südquerhauses ist vierzonig. Die beiden Portale deuten Spitzbogen an. Auch hier dominiert die Fensterrose unter einer Galerie. Die mächtigen Strebepfeiler sind nicht kaschiert.

Am Ende eines jeden Querhausarmes wächst gen Westen ein imposanter Turm in den Himmel; höher als der Vierungsturm und wahrscheinlich jünger als die Westtürme. Eine 3-geschossige polygonale Kapelle weist auf der anderen Seite zum Chor hin.

 

Von Südost, flacher Chorabschluß, Kapelle Südquerhaus, Flanken- und Vierungsturm

 

Der Innenraum erschließt sich am besten von der Vierung aus. Von oben fällt Licht aus der Laterne des 2-geschossigen, in der französischen Kathedralgotik seltenen Vierungsturmes. In den 4 Himmelsrichtungen erstrahlen Rosenfenster. Hier wird die Meinung vieler Fachleute bestätigt: Der Raum ist lichter als der in Notre Dame de Paris.

 

 Laterne des Vierungsturmes
 
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Vierungspfeiler

Wie in allen frühen französischen Kathedralen ist der Wandaufriß 4-zonig, mit einem Maßverhältnis von 5:3:1:3. Auf die dominierenden spitzbogigen Arkaden folgt eine hohe durchlichtete, gewölbte Empore mit Doppelarkade unter Überfangbogen. Das wenig vertiefte Triforium schmückt sich mit einer Drillingsarkade, die Obergadenfenster werden von Rundbogen gerahmt.

 

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Aufriß Mittelschiffwand

 

Schlichte Rundstützen tragen die Arkaden. Die nach oben strebenden schlanken Dienste, alternierend in Dreier- und Fünfergruppen, fußen auf den Kämpferplatten. Nur an den Vierungspfeilern erstrecken sich die Dienste vom Boden bis zur Decke, die Hochgotik vorwegnehmend.

Die Dienste werden von je fünf Schaftringen umfaßt, die im gleichen Abstand von einander plaziert sind. Jeweils zwei korrespondieren mit den Gesimsen von Empore und Triforium.

 

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Blick in den Chor
 
laon 024 Flacher Chorabschluß mit Rosenfenster

 

 

Literatur

Behringer, Charlotte/Merlin, Peter/Norton, Natascha/Sondermann, Elga, Kathedralen, Hundert Wunderwerke des Abendlandes, I.P.Verlagsgesellschaft International Publishing GmbH München, 1991, für Nebel-Verlag, - S. 39

Binding, Günther: Architektonische Formenlehre, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998
S. 64, 105, 118

Binding, Günther, Was ist Gotik?, Primus Verlag, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2000,
S. 2, 4, 96f., 107ff., 124ff., 152, 159, 163ff., 239f.,

Clifton-Taylor, Alec, The Cathedrals of England, Thames & Hudson, London, 1967 und 1986 – S. 23, 74

Conrad, Dietrich/Mertens, Klaus, Kirchenbau im Mittelalter, Edition Leipzig, 1990, 3. Auflage 1998 – S. 105, 278

Erlande-Brandenburg, Alain (aus dem Französischen übersetzt), Gothic Art, Harry N. Abrams, Inc., Publishers, New York, 1989 –S. 40f., 514f.,

Laule, Ulrike/Bednorz, Achim/ Borngässer, Barbara, Architektur der Gotik, Die Ästhetik großartiger Baukunst, edel entertainment GmbH, Hamburg –  S. 25

Mâle, Émile, Die Gotik – Die französische Kathedrale als Gesamtkunstwerk, Belser Verlag Stuttgart, Zürich, 1994, 2. Auflage, Sonderausgabe ISBN 3-7630-2308-9 – S.76

Martin; Henry (Hrsg.), L’Art Gothique (La Grammaire de Styles), Flammarion, Paris, 1961, - S. 16

Simson von, Otto/Kurmann, Peter, Französische Architektur in: PROPYLÄEN KUNSTGESCHICHTE, Das Mittelalter II, Das Hohe Mittelalter, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990 – S. 61ff., 73f.

Toman, Rolf, Hrsg, Gotik – Architektur, Skulptur, Malerei, Könemann Verlagsgesellschaft mbH. Köln, 1998 – S. 42ff., 307f., 152, 159, 206

 

Netz

Cathedrale de Notre Dame  
http://fr.wikipedia.org/wiki/Cath%C3%A9drale_Notre-Dame_de_Laon

Andere Wikipedia-Seiten

 

Vorträge

Wolff, Arnold, Gotische Kunstlandschaften, Vorlesungsreihe Karl-Rahner-Akademie, Köln, Januar/Februar 2004 Wolff, Arnold, Die gotischen Kathedralen, Vorlesungsreihe Karl-Rahner-Akademie, Köln Januar/Februar 2010

 

Eigene Beobachtungen