lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
 

Gotik

Kathedrale von Wells

 

Inmitten großer Rasenflächen bezeugt The Cathedral Church of St Andrew den Willen englischer Baumeister der in Frankreich gewachsenen Gotik mit Ideenreichtum und virtuosem Können ein eigenes Gepräge zu geben. Sie bieten dem Besucher einige ihrer charakteristischen Entwicklungen, wie Chapter House, Lady Chapel und - einmalig in der Architekturgeschichte - die berühmten Scherenbögen.

 

Mancher Leser mag sich fragen, warum Wells? Begann gotisches Bauen in England nicht mit der Katedrale von Canterbury?

 

Canterbury ist kein einheitlich gotischer Bau, obwohl mit dieser Kathedrale oft der Beginn gotischen Bauens in England verbunden wird.

 

Wells
Blick von Süd-Ost (Foto: Wikipedia/User Rodw)

 

Unabhängig davon gibt es bedeutende Stimmen, die in Wells, eher als in Canterbury, die frühe englische Auffassung von Gotik perfekt verwirklicht sehen.

 

In der Tat haben sich in England, beginnend mit Wells, "eigene" Gotikstile entwickelt, die in wichtigen Bereichen von der Quelle, der Kathedralgotik Frankreichs, abweichen.

 

Auf der Insel fehlt das unbedingte Streben nach oben. Hingegen sind einige englische Kathedralen die längsten Kirchengebäude der Welt, auch dadurch begründet, daß viele von ihnen Klosterkirchen waren. Neben der Masse der Laien im westlichen Langhaus wollte der Klerus viel Platz für das Gebet im Osten. Anders als in Frankreich waren die einzelnen Bereiche  durch meist nicht erhaltene Schranken und Lettner abgetrennt. In Wells baut sich im Westen die breite Schirmfassade als Gegengewicht zur ungewöhnlichen Länge auf.

 

Französische Gotik wurde nie als Ganzes übernommen. Viele Baumeister besannen sich auf anglo-normannischen Traditionen, lag doch beim Bau der ersten Kathedralen die Eroberung des Landes durch Wilhelm, Herzog der Normandie, nur rund 100 Jahre zurück.

 

Andererseits war England bei Baubeginn in Wells noch Teil des Angevinischen Reiches. Die wenig positiven Erfahrungen mit der Vorherrschaft des französischen Reichsteils mögen ein Grund für das Streben nach eigenen Akzenten sein. (>> Übersicht 12. Jh.)

 

Geschichte und Baugeschichte

Ein Gotteshaus existierte in Wells schon um 700, wahrscheinlich ein kleiner angelsächsischer Bau, ähnlich dem in St. Laurence, Bradford-on-Avon. Aus dem Stift wurde um 900 ein Bischofssitz, der 1088 nach Bath verlegt wurde. Der andauernde Streit zwischen den beiden Städten wurde im 13. Jh. durch den neuen Titel "Bischof von Bath und Wells" entschärft.

 

Begonnen wurde mit dem Bau der gotischen Kathedrale um 1180. Querhäuser, Ostjoche und Nordportal stammen aus der ersten Bauphase, die um 1230 endete. Die erste Weihe wurde 1239 gefeiert.

 

Wells
Von NO - Nördliches Querhaus und Vierungsturm)

 

Der Bau ersetzte eine romanisch/normannischen Kirche (1136-66). Der äußerst ungewöhnliche und verschwenderische Abriß eines so jungen Bauwerks hatte wohl politische Hintergründe: Mit der gotischen Kathedrale verschafften sich die lokalen Kleriker einen Vorsprung im Streit mit den Glaubensbrüdern in Bath.

 

Architektur

Die Kirche ist eine 3-schiffige Pfeilerbasilika mit 3-zonigem Aufriß und 2 Querhäusern.

 

Im Osten der Vierung schließen sich Chor mit Retro-Chor und "Lady Chapel" an. Das oktogonale Kapitelhaus liegt nördlich des eigentlichen Kirchengebäudes.

 

Der mächtige Vierungsturm wurde im im 14. und 15. Jh. gebaut, im "perpendicular style" der englischen Spätgotik.

 

Fassade

Im Westen steht der Besucher staunend vor der mächtigen Fassade mit einem reichen Figurenprogramm. Ab 1230 wurde daran gearbeitet. 176 lebensgroße Statuen, 49 biblische Szenen und 30 Engelsbüsten standen in den Nischen, alle farbig. Welch einen überwältigenden Eindruck muß das auf schlichte und des Lesens unkundige Gottesdienstbesucher gemacht haben. Etwa 100 Bildwerke sind erhalten.

 

Ein solches Skulpturenprogramm ist in England ungewöhnlich, für Doreen Yarwood die große Ausnahme.

 

Die Schirmfassade wird von 2 Türmen gerahmt, die auf beiden Seiten über die Außenwände der Seitenschiffe hinausragen. Der Südwestturm war Ende des 14. Jh. fertiggestellt, sein Gegenstück in der 1. Hälfte de 15. Jh., beide im "perpendicular style".

 

Wells
Von NO - Nördliches Querhaus und Vierungsturm)
 
Wells
Von NO - Nördliches Querhaus und Vierungsturm)

 

Auch bei der Fassade sind die Unterschiede zur französischen Gotik nicht zu übersehen. Erlande-Brandenburg sieht in ihr das genaue Gegenteil zur französischen Architektur. So fehlen die gewaltigen, reich skulptierten Gewändeportale. Unscheinbare Eingangsöffnungen drohen unterzugehen. Die Fassade ist stark horizontal gegliedert.

 

Wells
Scherenbögen (Foto: Wikipedia)

 

Langhaus

Der erste Blick des im Mittelschiff nach Osten schauenden Besuchers wird von einem der 3 Scherenbögen aus dem 14. Jh. gefangen. Die beiden anderen trennen die Vierung vom südlichen und nördlichen Querhaus.

 

Dieses Konstruktionselement, raffiniert mit dem Gewölbe verbunden, ist eine gelungene und einmalige Kombination von Statik und Ästhetik. Der einsturzgefährdete Vierungsturm wurde nicht, wie üblich, durch Verstärkung der Pfeiler gerettet, sondern durch mit ihren Spitzen aufeinander treffende Spitzbogen.

 

Einige Puristen unter den Experten teilen die Begeisterung nicht. Clifton-Taylor meint, man solle die Bogen einfach wegdenken.

 

Beim zweiten Blick fällt das für eine gotische Kathedrale niedrige Gewölbe auf. Die Dienste setzen auf Konsolen in den Zwickeln des Blendtriforiums an. Ihre Kapitellzone liegt oberhalb des von den Doppelsäulen durchbrochenen Gesimses. Dem 4-teiligen Gewölbe fehlen die Schlußsteine. Die Gurtbogen zwischen den 10 Jochen sind kaum als solche zu erkennen.

 

Wells
Kapitelle

 

Die wuchtigen Stützen der Arkaden wirken elegant, weil der kräftige Kern durch eine Vielzahl von schlanken Säulen verdeckt wird. Obergaden und Arkaden haben etwa die gleiche Höhe.

 

Die Kapitelle, auch der Querhäuser, sind anspruchsvoll geschmückt mit Darstellungen von Hartlaub (stiff leaves), aber auch mit schönen Darstellungen aus dem Alltagsleben Hier beklagt ein Mann seinen Zahnschmerz.

 

Das Blendtriforium dazwischen, von schlichten Gesimsen abgegrenzt, schmückt sich weder mit Basen noch Kapitellen und trägt mit immer wiederholten einheitlichen Formen zur Betonung der Horizontalen bei.

 

Oberhalb des Triforiums verläuft ein Gang, über dem durch je 2 Fenster pro Joch Licht einfällt.

 

Wie die Fassade ist dieser Teil der Kirche reinstes "Early English".

 

Ostteile

Hier wurde teilweise in späteren gotischen Stilen gebaut, wie zum Beispiel im "Decorated".

 

Südlich und nördlich der Vierung schließen sich die Flügel des 3-schiffigen Querhauses an.

 

Wells
Chorsituation

 

Das Langhaus ist wenig länger als Chor und Retro-Chor. Der Letztere verbindet Chor mit Lady Chapel, dem östlichsten Bauelement. Diese Anfang des 14. Jh. angebaute Marienkapelle verdeckt die Tatsache, daß der eigentliche Chorabschluß gerade war.

 

Der Retro-Chor bildet mit einem nördlichen und südlichen Joch das kleine östliche Querhaus.

 

An der Nordseite des Chores führt die berühmte Treppe hinauf zum noch berühmteren Kapitelhaus.

 

Wells
Treppen zum Kapitelhaus
 
 
Wells
Gewölbe Kapitelhaus

 

Es wurde um 1300 in reifem "decorated style" vollendet.

 

Es ist überwältigend und eines der schönsten Englands. Der einzige schlanke Pfeiler ist mit 16 Diensten aus schwarzem Purbeck-Marmor geschmückt. Von ihm gehen 32 Rippen aus. Insgesamt thronten die Kleriker unter einem Himmel von 104 Rippen.

 

 

Literatur

Barral i Altet, Xavier,  Mittelalter, Gotik in England in: Skulptur, Daval, Jean-Luc (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1999

 

Behringer, Charlotte, Merlin, Peter, Norton, Natasha, Sondermann, Elga, Kathedralen, Hundert Wunderwerke des Abendlandes, I.P. Verlagsgesellschaft International Publishing GmbH München, 1991, für Nebel-Verlag

 

Binding, Günther, Was ist Gotik?, Primus Verlag, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2000

 

Boase, Thomas R.S., Englische Kunst, Architektur, in: Propyläen Kunstgeschichte, Das Mittelalter II, Das Hohe Mittelalter, Simson, Otto von, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990

 

Clifton-Taylor, Alec, The Cathedrals of England, Thames & Hudson, London, 1967 and 1986

 

Engel, Ute, Architektur der Gotik in England, in: Gotik; Architektur, Skulptur, Malerei, Hrsg. Toman, Rolf, Könemann Verlagsgesellschaft mbH., Köln, 1998

 

Erlande-Brandenburg, Alain (aus dem Französischen übersetzt), Gothic Art, Harry N. Abrams, Inc., Publishers, New York, 1989

 

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Bertelsmann Lexikon-Verlag, Gütersloh, 1993

 

Laule, Ulrike, Architektur der Gotik, Die Ästhetik großartiger Baukunst, edel entertainment GmbH, Hamburg – Sonderausgabe

 

Yarwood, Doreen, The Architecture of Britain, Verlag B.T. Batsford, London, 1976

 

Sonstiges

Wolff, Arnold, Der mittelalterliche Kirchenbau in England, Vorlesungsreihe Karl-Rahner-Akademie, Köln, Januar/Februar 2000

 

 

 Eigene Beobachtungen