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Sakralarchitektur: Einzelthemen

Tausend Jahre Türme:
Türme im Wandel der Stilepochen - Teil 2

 

Nachdem ich mich im ersten Dokument dieser Reihe mit einem geheimnisvollen mystischen Raum mittelalterlicher Gotteshäuser, der Krypta befaßte, steigen wir nun ganz nach oben. Hier ist nichts mehr geheimnisvoll. Die Kirche reckt sich hoch gen Himmel, will gesehen werden. Man hat die Türme auch die "Zeigefinger Gottes" genannt. Von hier aus rufen Glocken die Gläubigen zum Gebet.

 

Kirchentürme haben natürlich den Stilwandel in den verschiedenen Epochen mitgemacht.

 

Aber, weil sehr exponiert, sind gerade Helme und Obergeschosse oft verändert worden. Deshalb stimmt oft der Baustil des Turmes mit dem des übrigen Bauwerkes nicht überein.

 

Die ersten bekannten Türme soll es im 5. Jh. an den Fassaden syrischer Kirchen gegeben haben.

 


 

Die Gotik wurde etwa Mitte des 12. Jh. in Frankreich geboren, als Deutschland noch romanisch baute.

In Deutschland konnte der neue Baustil erst im 1. Viertel des 13. Jh. zögernd Fuß fassen. Eines der ganz frühen Beispiele war die Elisabethkirche in Marburg, der erste einheitlich gotische Bau.

Hier: St. Elisabeth, Marburg (D), 1235-83, schlichte Doppelturm-Fassade, gemauerter 8-eckiger Turmhelm, wuchtige Stützpfeiler

 

Nachdem noch 1247 mit St. Kunibert (s. Teil 1) der letzte Bau der rheinischen Spätromanik geweiht worden war, gab die Grundsteinlegung des Kölner Domes, nur ein Jahr später, das Signal für gotischen Sakralbau in großem Stil auch in Deutschland.

Man baute fast 300 Jahre, ehe der Dombau wegen Geldmangels zum Stillstand kam.

Keiner der beiden Türme wurde damals vollendet. Der Südturm mit dem berühmten Holz-Kran erreichte immerhin eine Höhe von 55 m. Erst im 19. Jh. wurde das heutige Weltkulturerbe fertig gestellt. Es wurde übrigens errechnet, daß ein Neubau heute an die 3 Milliarden Euro kosten würde.

Hier: Der Hohe Dom zu Köln 1248 bis 1880, 5-schiffige Basilika, Zweiturm-Front, Türme 157 m, hochgotisch, durchbrochene Helme. Spitzbogenfenster mit Maßwerk, Fialen, Kreuzblumen, Krabben.

 

In Deutschland und in angrenzenden Gebieten wurden aus Holz gezimmerte Spitzhelme mit Steinplatten, Schiefer, Blei oder Kupfer gedeckt, ein markantes Zeichen gotischer Kirchen.

Hier: St. Severi, Erfurt, 1278-15. Jh., Hallenkirche. Westwerkähnliche Dreiturmgruppe. Erinnert trotz der Spitzhelme noch an Romanik.

 

Geniale Baumeister begnügten sich nicht mit diesen Gebilden, sondern schufen in der Hochgotik gewagte steinerne durchbrochene Pyramiden als Turmabschlüsse. Sie wurden als "Deutsche Türme" bekannt.

Trotz der Schwierigkeiten, mit Backsteinen Ornamente zu formen, findet man reich verzierte Türme in der Backsteingotik. Charakteristisch ist der Kontrast roter Ziegel zu weiß gestrichenen Blendarkaden.

Hier: Münster "Unserer Lieben Frau", Freiburg (D), Turm 1260-1350, Einturmfassade ( ca.113 m), durchbrochener Turmhelm mit Kreuzblume und Krabben, Stützpfeiler, Maßwerkbalustraden. Einer der wenigen Türme dieser Art, die im MA vollendet wurden.

 

Durch Naturereignisse und Baufehler stürzten manche Türme ganz ein. Viele verloren Dach und Obergeschoß, die später stilfremd wieder hinzugefügt wurden, so wie hier an der Jacobikirche in Stralsund. Der durch Blitzschlag zerstörte gotische Helm wurde im 17. Jh. durch eine barocke Haube ersetzt.

Hier: St: Jacobi, Stralsund, 15. Jh., spätgotische Backsteinkirche, vier Ecktürmchen mit schmalen Blendöffnungen und Spitzhelmen auf Dreieckgiebeln, vierbahnige Maßwerk- und Blendfenster.

 

Die "großen" Kathedralen in Frankreich, wie z.B. Reims, Paris, Laon hatten regionenübergreifend stumpfe Türme. Wegen der kurzen Bauzeit ist das Weltkulturerbe, die Kathedrale von Amiens (Vorbild des Kölner Domes), von schöner Einheitlichkeit des Stils.

Hier: Kathedrale von Amiens (F), 1220-69. Die Obergeschosse mit stumpfen Türmen und hohen spitzbogigen Schallöffnungen rahmen eine Rose. Darüber Galerie. Darunter durchgehender Figurenfries.

 

Das gotische Münster in Straßburg steht auf den Fundamenten eines romanischen Ursprungsbaus, von dem Reste erhalten sind.

Hier: Münster Unserer Lieben Frau, Straßburg (F), 13.-14. Jh., Basilika. Nordturm 15. Jh., 140 m (geplanter Südturm nicht gebaut), vier Ecktürme, große Schallöffnungen, durchbrochener Turmhelm, Anklang an dt. Sondergotik.

 

In Italien wurde die Gotik nie richtig akzeptiert. Den abwertend gemeinten Name (Goten = Barbaren) schuf denn auch Vasari, ein italienischer Kunsthistoriker der Renaissance, einer Stilepoche, die auch in der Architektur in Italien ihre größte Blüte erlebte.

Wo es gotische Formen gibt, vermitteln sie dem Betrachter von nördlich der Alpen wenig "Gotik-Gefühl", wie hier beim Turm der Kathedrale von Sienna.

Hier: Kathedrale von Sienna, Toskana (I), Campanile 14. Jh. Rundbogenöffnungen zwischen durchgehenden Gesimsen. Darüber 5 Geschosse, gegliedert durch sich verbreiternde öffnungen, von 1–5 schlanken Säulen mit Kapitellen unterteilt. Diese vertikale Anordnung steht in reizvollem Kontrast zu den horizontalen Streifen der Marmorverkleidung. Pyramidenförmiges Dach auf achteckiger Basis, vier Ecktürmchen, Verkleidung mit zweifarbigem Marmor.

 

Gotisches Bauen in Spanien wurde vor allem von französischen und deutschen Baumeistern und gelegentlich vom Islam beeinflußt.

Die berühmte Giralda gehört als Turm der Kathedrale von Sevilla zum Weltkulturerbe. Der Turm ist das ehemalige 80 m hohe Minarett der Moschee (Vorbild Marokko), auf deren Schutt die Kathedrale steht. Auf einer Rampe konnten zwei Personen nebeneinander bis in 70 m Höhe reiten.

Vom Stil her gehört die Giralda eigentlich nicht hierher, aber da sie Teil einer im 15. Jh. erbauten gotischen Kathedrale ist, habe ich sie aufgenommen.

Hier: Kathedrale von Sevilla (E), Basilika, 15. Jh. Unterer maurischer Teil des Turmes um 1190, Zackenbogen mit Balkonen, reiche flache Dekoration Oberer Teil 1568 (Renaissance) Backstein, 115 m hoch.

 

Eine der frühen Kathedralen ist die von Toledo, schon 1230 begonnen, wohl von flämischen Baumeistern.

Hier: Kathedrale von Toledo (E), Turm ab 1380, gemauerter spitzer Turmhelm, Gesimse, Eckpfeiler, obere Stockwerke: Stützpfeiler, Maßwerk, Fialen

 

Die prächtige Doppelturmfassade der Kathedrale von Burgos (Weltkulturerbe) erhebt sich hoch über der Plaza de Santa María. Für die Türme waren die mittelalterlichen Pläne des Kölner Domes Vorbild. Ein "Juan de Colonia" ist nachgewiesen.

Langhaus und Chor sind von Frankreich inspiriert.

Hier: Kathedrale von Burgos (E), 13. Jh., Basilika, Türme 15. Jh., 84 m hoch, Turmhelme durchbrochen. Hohe Schallöffnungen, Fialen, Maßwerk, Krabben.

 

Als auch in Spanien die Renaissance schon die Gotik abgelöst hatte, entschied man sich in Segovia am "alten" Stil festzuhalten. (Bis auf den Turmabschluß).

Die Kunsthistoriker sind des Lobes voll. Man glaubt, einen Bau aus der frühen Gotik zu sehen, so elegant sparsam wurde der Baudekor ausgewählt.

Hier: Kathedrale von Segovia (E), um 1500 bis 1615. Auffallende vertikale Gliederung durch Wandpfeiler, Doppel-Blendarkaden, vier Ecktürmchen mit Krabben, Fialen, Kuppel mit Laterne.

 

In England wurden die stumpfen wuchtigen Türme der normannischen Epoche übernommen und weiter entwickelt. Sie sind für viele Kathedralen charakteristisch, wobei der Vierungsturm dominiert. Die gotische Dekoration ist im Vergleich zu den romanisch-normannischen Vorbildern ungleich reicher.

Westtürme sind als Teile der Fassaden selten. Später aufkommende "Schirmfassaden" brauchten keine Türme mehr.

Das reinste Beispiel des "Early English", der Frühgotik, ist die Kathedrale von Salisbury. Wegen der kurzen Bauzeit von nur 38 Jahren ist der Stil sehr einheitlich.

Der angeblich schönste Vierungsturm des Landes wurde später gebaut und ist der höchste Kirchturm Englands.

Hier: Kathedrale von Salisbury (UK), Basilika, 1220-58, frühgotisch, (Early English), Vierungsturm frühes 14. Jh. mit Spitzhelm auf Holzkonstruktion, 123 m, zweibahnige Maßwerkfenster mit Wimpergen zwischen Blendmaßwerk, Eckpfeiler mit Türmchenabschluß, Maßwerk-Balustraden.

 

Die Kathedrale von Gloucester war ursprünglich romanische Abteikirche (Baubeginn um 1100). Im 14 Jh. im spätgotischen Stil (in England "Perpendicular" genannt) umgebaut.

Hier: Kathedrale St. Peter, Gloucester (UK), Basilika. Vierungsturm 68 m (15. Jh.), stumpfer Abschluß mit vier Ecktürmchen und Maßwerk-Balustraden, obere Geschosse durch Maßwerkfries getrennt, große zweibahnige Fenster mit Wimpergen und Krabben.

 

Die Kirche in Cirencester mit ihrem wuchtigen Turm ist für eine Pfarrkirche ungewöhnlich groß, und im Perpendicular-Stil erbaut. Der Ort war im Spätmittelalter durch den Wollhandel reich geworden.

Hier: Pfarrkirche St. John Baptist, Cirencester (Gloucester, UK), 15. Jh., Basilika, spätgotisch (Perpendicular), Stützpfeiler, Blendarkaden mit Gesimsen, dreibahniges Maßwerkfenster oben, stumpfer Abschluß mit Ecktürmchen und Maßwerkbalustrade.

 

Die skandinavische Sakralarchitektur hat neben eigenen Quellen viele Anregungen aus dem Ausland genutzt.

In Norwegen ist die Kathedrale von Trondheim das Hauptwerk gotischer Architektur mit englischen Einflüssen.

Hier: Nidaros Kathedrale Trondheim (Norwegen). Fertigstellung um 1300, stumpfe Türme mit Ecktürmchen und Brüstung, hohe 2-bahnige Maßwerkfenster, Fassadenschmuck um 1900 erneuert.

Dieser Überblick soll keine Stilkunde sein. Ich hoffe trotzdem, daß schöpferische Vielfalt und Entwicklungslinien sichtbar werden, vom schlichten Campanile des 6. Jahrhunderts bis zu den Türmen hochgotischer deutscher Dome und Münster. Man muß kein Mittelalter-Liebhaber sein, um zu sehen, daß, unabhängig von der Höhe, deren Majestät und Formenvielfalt in späteren Stilepochen unübertroffen blieben.

 











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