lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
 

Sakralarchitektur: Einzelthemen

Krypten

 

Krypten sind die ältesten Bauteile mittelalterlicher Kirchen, geheimnisvoll, oft düster, ehrfurchtgebietend. Seit vielen Jahrhunderten sind sie Orte der Andacht, der Meditation, der Stille. Mich beeindrucken sie sehr.

 

Ihr Dasein verdanken sie der Tatsache, daß Christen ihre Märtyrer und Heiligen anbeten, ihre Reliquien sehen oder gar berühren möchten. Zunächst wurden die Hauptaltäre der Kirchen über den Gräbern der Märtyrer gebaut, dann holte man ihre sterblichen Reste in die Kirche, in die Krypta oder gar in den Altarraum. Etwa seit der Zeit Karls des Großen bemühte man sich, auch für jeden Seitenaltar eine Reliquie zu erwerben. Wegen der großen Nachfrage begnügte man sich oft mit einer Teil-Reliquie oder gar mit einem Gegenstand aus dem Besitz des Heiligen, etwa einem Kleidungsstück.

 

Im Laufe der Jahrhunderte veränderte sich die Form der Krypta. Ausgehend von den Katakomben gab es die antike Confessio, aus der in karolingischer Zeit die Gang- und Stollenkrypten entwickelt wurden.

 

Eine andere frühe Form war die Ringkrypta, mit dem Grab des Heiligen am Scheitel. Nur wenige dieser alten Krypten sind erhalten.

 

Heute treffen wir in aller Regel auf Hallenkrypten, mehrschiffige Bauten, die aus den Stollenkrypten entwickelt wurden und schon im 9. Jahrhundert aufkamen. Hier sind auch geistliche und weltliche Würdenträger beigesetzt. Hallenkrypten sind beeindruckende Bauwerke, kleine Kirchen unter dem eigentlichen Gotteshaus, deren Gewölbe von Pfeilern oder Säulen getragen werden. Die größten in Deutschland sind die im Dom zu Speyer und in St. Maria im Kapitol zu Köln.

 

Durch die oft bewegte Geschichte der Bauten finden wir bei Krypten nicht selten einen anderen Stil als bei den Kirchen selbst.

 

Nachstehend stelle ich eine Reihe mittelalterlicher Krypten vor.

 

Einhards-Basilika, Steinbach (Odenwald), Deutschland,
Stollenkrypta, Backstein-Tonnengewölbe, um 825, karolingisch.
 
 
Kloster Corvey (Weser), Deutschland,
Erdgeschoß des Westwerkes der Klosterkirche (heute barock), Vorläufer der Hallenkrypta, Kreuzgratgewölbe (verputzt) auf gemauerten Pfeilern und monolithischen Säulen, 885 vollendet, karolingisch.
 
 
 
Stiftskirche St. Cyriakus, Gernrode (Harz), Deutschland,
frühe Hallenkrypta unter Ostchor, Tonnengewölbe mit Stichkappen,
auf gedrungenen Pfeilern, um 960, frühromanisch (ottonisch).
 
 
Münster unserer Lieben Frau, Konstanz, Deutschland.
Frühe Form der Hallenkrypta, Kreuzgratgewölbe auf Säulen, mit den berühmten Konstanzer Goldscheiben, 995, vorromanisch.
 
 
Klosterkirche Saint-Michel de Cuxa, Roussillon, Frankreich.
Ringkrypta, ein mächtiger Pfeiler. Um 1000, "premier art roman méridional", vorromanisch.
 
 
Klosterkirche Saint-Martin du Canigou, Roussillon, Frankreich.
Urtümliche Hallenkrypta, um 1000, "premier art roman méridional", vorromanisch.
 
 
Klosterkirche Abbazia di San Salvatore, südliche Toskana, Italien.
Hallenkrypta, ungewöhnlich groß, Kreuzgratgewölbe aus Backstein auf Säulen, unverputzt, Säulen und Kapitelle skulptiert, vielfältige Motive. Um 1030, vorromanisch. Die schönste aller Krypten, die ich sah
 
 
Abdinghof-Kirche, Paderborn, Deutschland.
Hallenkrypta unter Ostchor, 3-schiffig, Tonnengewölbe mit Stichkappen auf kurzen quadratischen Pfeilern. 1023 geweiht, frühromanisch (ottonisch)
 
 
Klosterkirche St. Emeran, Regensburg, Deutschland.
Wolfgangskrypta, Hallenkrypta, 5-schiffig, Kreuzgratgewölbe auf 16 Säulen.
1052 geweiht, romanisch
 
 
St. Maria im Kapitol, Köln, Deutschland.
Hallenkrypta, 3-schiffig, mit anschließenden Kapellenräumen, Kreuzgratgewölbe auf Säulen. Um 1050, romanisch
 
 
Abteikirche St. Peter und Paul, Neuweiler (Elsass), Frankreich.
Hallenkrypta, mit 3 parallelen Apsiden, steile Kreuzgratgewölbe auf kurzen Säulen, Würfelkapitelle. Um 1050, romanisch
 
 
Kathedrale Worchester, England.
Hallenkrypta, Kreuzgratgewölbe auf Säulen. Um 1085, romanisch (normannisch)
 
 
Stiftskirche Gernrode, Harz, Deutschland.
West-Krypta (Halle), hochromanisch. Kreuzrippengewölbe auf Säulen mit Würfelkapitellen. Anfang 12. Jh.
 
 
Stiftskirche St. Goar Rheinland, Deutschland.
Hallenkrypta, Kreuzgratgewölbe auf Säulen. Spätes 11. Jh., romanisch.
 
 
Klosterkirche Jericho, Sachsen-Anhalt, Deutschland.
Hallenkrypta, Kreuzgratgewölbe auf Säulen. 1200, Backsteingotik.
 
 
Dom Bamberg, Deutschland.
Hallenkrypta, Kreuzrippengewölbe auf Säulen, in der Regel kein Zugang. Anfang 13. Jh., übergangsstil, romanisch/gotisch.
 
 
Dom Brandenburg, Deutschland.
Hallenkrypta, Kreuzrippengewölbe mit Spitzbögen, auf kurzen Säulen. Bau: 1. Hälfte 13. Jh.. Wölbung: Anfang 14. Jh., gotisch.
 
 
Dom Erfurt, Deutschland.
Hallenkrypta in den "Kavaten"; gotisch. Kreuzrippengewölbe auf kurzen, wuchtigen Pfeilern. Um 1350.