Home > Architektur des Mittelalters > Sakralarchitektur > Einzelthemen > Decken und Gewölbe > Kreuzgratgewölbe

 

Himmelszelte aus Holz und Stein:
Mittelalterliche Gewölbe - Teil 2

 

Wenn Gläubige ihr Antlitz erheben, erwarten sie Pracht und Schönheit der symbolischen Himmel. In mittelalterlichen Kirchen gaben Baumeister, Zimmerleute und Maler für die Gestaltung von Holzdecken und Gewölben das Beste ihrer Kunst.

 

Kreuzgewölbe/Kreuzgratgewölbe

 

"Das Kreuzgewölbe bildet sich bei der Durchdringung von zwei senkrecht zueinander stehenden Tonnen von gleicher Höhe".

 

So definiert Binding diesen Gewölbetyp. Uns Laien genüge, daß er statisch günstiger als dieTonne ist und Ende des 11. Jahrhunderts erstmals die Wölbung breiter Mittelschiffe ermöglichte. 

 

Nach Wolff kannten es schon die Römer, die aber Mörtelguß verwendeten.

 

Im Mittelalter war das Kreuzgratgewölbe zunächst auf kleine Räume beschränkt. Ein frühes Beispiel ist die Santa Comba de Bande (Spanien) aus dem 7. Jahrhundert, deren Gewölbe aus Backstein gemauert ist.

 

In der Regel waren Gratgewölbe anspruchsvolleren Bauten vorbehalten. So wurde etwa zeitgleich zur schlichten Stollenkrypta unter der Einhard-Basilika das Kreuzgewölbe des Untergeschosses des Westwerkes in Corvey erbaut (ab 873). Die Ostkrypta der Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode folgte rund 100 Jahre später.

 

Westwerk, Kreuzgratgewölbe, karolingisch, 9. Jh.
Stiftskirche St. Cyriakus, Gernrode (D) Ostkrypta, Kreuzgratgewölbe, ottonisch

Kreuzgratgewölbe finden sich in der Romanik neben den Tonnengewölben, auf die die Baumeister noch bis ins 12. Jahrhundert zurückgriffen. Vor allem die Zisterzienser bauten sie in ihren frühen Kirchen ein.

 

Kathedrale von Compostella (E), Seitenschiff mit Gratgewölben und Gurten, um 1100

Ab Mitte des 11. Jahrhunderts wurden Kreuzgratgewölbe auch für Seitenschiffe eingesetzt. Für die Wölbung der Mittelschiffe reichten die Fertigkeiten noch nicht aus.

 

Dieses Problem wurde ab 1080 gelöst. Der Um- und Weiterbau des Domes zu Speyer brachte den Durchbruch und damit einen Höhepunkt deutschen Kirchenbaues. Im Mittelschiff mit einer Breite von 13,9 m und einer Höhe von 33 wurde die hölzerne Flachdecke durch ein Kreuzgratgewölbe aus Stein ersetzt.

 

Das geschah etwa zeitgleich mit den Quertonnen in St. Philibert, die ein Schiff überspannten, das nur etwa halb so breit war.

 

Man fragt sich, woher kamen in Speyer die plötzlichen Fertigkeiten?  Conrad denkt wegen der starken kuppelartigen Busung des Gewölbes über eine mögliche Verbindung zu byzantinischen Bauleuten nach.

 

Dom zu Speyer (D), Mittelschiff mit Gratgewölben und Gurtbogen, Ende 11. Jh.
Sainte-Marie-Madeleine, Vézelay (F), Mittelschiff mit Gratgewölben und Gurtbogen, 1. Hälfte 12. Jh.

Am Ende dieses Kapitels stelle ich mir, vielleicht gemeinsam mit manchem Leser, die Frage: Wo sind Pracht und Schönheit bei obigen Gewölben heute? Wo ist die Farbigkeit?

 

Zum einen zeige ich nur einen sehr kleinen Ausschnitt. Davon abgesehen ist es schwierig, eine eindeutige Antwort zu finden. Nach meinem Stand des Wissens war die Ausmalung der Kirchen bis hin zur Romanik "ein Muß", von den Zisterzienserkirchen natürlich abgesehen. Ähnlich sieht es Kiesow.

 

Fraglich ist, ob Gewölbemalereien vom gleichen Rang waren wie Wandmalereien. Ich stelle mir vor, daß nicht jedes Dorf seinen Michelangelo hatte und mancher Gewölbeschmuck aus finanziellen oder technischen Problem nicht realisiert wurde.

 

Sicher sind aber dem Zahn der Zeit die meisten Werke zum Opfer gefallen. Putz fiel herunter oder wurde abgeschlagen, die Farben verblichen. Trotzdem gibt es frühe erhaltene Beispiele, wie in den karolingischen Kirchlein des Oberen Vinschgaues und in Oberzell auf der Reichenau. Gerettete Malereien werden bis zum 13. Jahrhundert häufiger. Vieles kam unter mehrfachen Tüncheschichten hervor.

 

In der Gotik mußten dann die großen Wandflächen den farbigen Fenstern weichen. Die Monumentalmalerei fand keinen Platz mehr. In den Gewölben aber sorgten phantasievolle Rippenanordnung, prächtige Schlußsteine und dezente Malerei für neue Pracht.

 

Das will ich in der nächsten Folge "Kreuzrippengewöbe"vorstellen.











TOP