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Profanarchitektur

Profane Backsteinarchitektur
an der Ostsee


Stadtbefestigungen

Stadtmauern mit ihren Toren und Türmen hatten nicht nur wehrtechnische Bedeutung. Oft erreichte eine Gemeinde erst mit diesen Verteidigungsanlagendie Anerkennung als Stadt mit eigener Gerichtsbarkeit. Die Mauer schuf auch rechtlich eine klare Trennungslinie zwischen Land und Stadt.

Wie bei den meisten mittelalterlichen Befestigungen haben Krieg und Abriß auch an der Ostsee viel zerstört. Zwar sind in Mecklenburg-Vorpommern über 30 Stadttore erhalten, doch sehr viel mehr sind verschwunden. Das verdeutlichen zwei Zahlen: In Rostock blieben 4 von 22, in Stralsund 2 von 10.

In der hier diskutierten Region hat neben Tangermünde Neubrandenburg die am besten erhaltenen, bzw. restaurierten Wehranlagen. Hier wurden Backsteine in Kombination mit Feldsteinen vermauert. Alle 4 Tore erfreuen heute noch Einheimische und Touristen.

 

Historisches
Am Anfang waren Erd- und Holzkonstruktionen. Es wurde ein Graben ausgehoben, der Aushub als Wall aufgeschüttet, der Palisaden trug. Aber es gab durchaus aufwendigere Anlagen. Neubrandenburg zum Beispiel hatte sich bis zum Baubeginn der Stadtmauer mit 3 Gräben und 2 Wällen geschützt.

 

Slawenburg Groß Raden
Slawenburg Groß Raden 9/10 Jh. (Nachbau)

 

Schon Germanen und Slawen bedienten sich der Erd- Holzbefestigungen, wie archäologisch gestützte Rekonstruktionen beweisen.Die meisten Stadtmauern entstanden in den größeren Städten des deutschen Ostseeraumes erst ab dem 14. Jahrhundert. Neubrandenburg (Gründung 1248) und Rostock (Gründung 1218) wurden gegen 1300 ummauert, Wismar um 1400 (Gründung wohl 1226). Nur der Hauptort der Hanse, Lübeck, erhielt früh eine Stadtmauer, bereits um 1225. (Gründung 1141).

 


Die Mauern
Der Bau von Stadtbefestigungen belastete die Bürger enorm und zog sich manchmal über Jahrzehnte hin. Die Länge der Mauer richtete sich nach der Größe des zu schützenden Areals, aber auch nach topografischen Gegebenheiten. Greifswald war bei Gründung mit 33 ha angelegt, Stralsund mit 24, Neubrandenburg mit 40.

Die Gründungsstädte entwickelten sich schnell, so daß das Stadtgebiet in Greifswald nach wenigen Jahrzehnten 47 ha umfaßte, in Stralsund 48 ha.

 

Stadtmauer Rostock
Stadtmauer Rostock
mit Fundament aus Feldsteinen
und quadratischem Wehrturm
Stadtmauer Stralsund
Stadtmauer Stralsund mit Strebepfeilern

Mauern allein boten keinen ausreichenden Schutz. Die Mauerstärke war relativ gering, anders als bei Türmen und Toren.

 

Die für Neubrandenburg bekannten Dimensionen (1.4 m unten, 0.6 m oben) dürften in diesem Rahmen auch für andere Mauern zutreffen. Sie wurden manchmal an der Innenseite aus Kostengründen noch durch Nischen geschwächt, die bis zur Hälfte der Mauerstärke tief sein konnten. Die Höhe, in Neubrandenburg im Schnitt 7,5 m, konnte bis zu 12 m betragen

 

Damit einzelne Abschnitte von den Verteidigern wirkungsvoll bestrichen werden konnten, ragten nach innen offene Schalentürme oder Volltürme aus der Mauerlinie hervor. Ihre Rolle übernahmen gelegentlich sogenannte Wiekhäuser, in Neubrandenburg sollen es mehr als 50 gewesen sein. Auch sie traten aus der Mauer heraus und überragten sie. Viele wurden in der Neuzeit zu Wohnhäusern umgebaut.

 


Die Tore

Neubrandenburg, Mittelalterliches
Wiekhaus - Rekonstruktion
(Wikipedia –Botaurus)
Neubrandenburg, Wiekhaus, umgebaut
(Wikipedia – Botaurus)

Jeder Zugang zur Stadt schwächt die Mauer. Das suchten Baumeister durch aufwendige Befestigungen auszugleichen, in der Regel durch über die Tore gebaute Türme von teils imposanten Ausmaßen. Sie konnten Mannschaften aufnehmen, aber auch Waffen und Archive. Öffnungen im Torgewölbe, so genannte Mordlöcher, ermöglichten die Verteidigung durch Beschuß von oben oder Güsse mit gefährlichen Flüssigkeiten. Auch Fallgitter waren nützlich.

 

Oft wurden bis zu 3 Tore hintereinander mit Mauern zu einer Torburg verbunden. Durch das erste Tor eingedrungene Angreifer waren in den sogenannten Zwingern eingepfercht und konnten wirkungsvoll bekämpft werden.

 

Später kamen schützende Werke mit massiven Wänden zum Schutz vor den aufkommenden Kanonen hinzu. Die mächtigen Mauern des sogenannten Zingels am Friedländer Tor haben eine Höhe von acht Metern.


 

Neubrandenburg,
Friedländer Tor,
Zwingermauer mit Nischen,
Ende 15. Jh.
Neubrandenburg, Zingel am Friedländer Tor

Türme und Tore waren auch ein beliebtes Mittel der Imagepflege. Nirgendwo sonst in Europa wurden mittelalterliche Festungsbauten mit so viel Dekor versehen. Besonders zur Zeit der Hanse beeindruckten wohlhabende Städte Reisende durch reichen Bauschmuck an den Toren. Das Neue Tor in Neubrandenburg schmückt sich nach außen mit Blenden, Pfeilern, kleinen Giebeln. Kurioserweise ist der Schmuck stadtseitig noch reicher. Dort finden sich neun überlebensgroße Terrakotta-Figuren, deren Bedeutung noch nicht geklärt ist. Sie sind nur hier zu finden.

Alle mittelalterlichen Tore in Mecklenburg-Vorpommern sind in den Formen der Gotik erbaut, romanische sind nicht erhalten.

 

 

Neubrandenburg, Neues Tor

Neubrandenburg, Neues Tor

Friedland, Neubrandenburger Tor.
Friedland, Neubrandenburger Tor.
(Wikipedia – Lupi82)

Weiße Blenden, so typisch für die Backstein-Spätgotik, finden sich fast immer, oft auch die typischen Staffelgiebel.

Das Tor des kleinen Ortes Friedland zeigt, daß auch Städte mit geringerer Einwohnerzahl groß bauten. Interessant die 4 Treppentürme und die vielen Gerüstlöcher. Beide Tore stammen aus der 2. Hälfte des 15. Jh. und sind etwa 25 m hoch.

 

 

Von den erhaltenen Toren trägt nur etwa die Hälfte Staffelgiebel. Pyramidendächer und andere abweichende Formen waren oft die Folge späterer Restaurierungen, wie auch beim Anklamer Tor in Usedom aus der Mitte des 15. Jh..

 

Neben den zahlreichen Landtoren, benötigten Hafenstädte „Wassertore“ für den Zugang zum Hafen. Das Wismarer Hafentor stammt aus der Mitte des 15. Jh. und ist das Letzte von insgesamt 5 Stadttoren der Hansestadt.

 

 

Usedom,
Anklamer Tor

Wismar, Wassertor

Lübeck, Burgtor

Lübeck,
Holstentor, Feldseite

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir beenden den Ausflug in die Wehrtechnik aus Backstein mit zwei Toren aus Lübeck, der Königin der Hanse.

Dem Holstentor gebührt besondere Aufmerksamkeit. Der imposante Bau ist das einzige Drei-Turm-Tor der Backsteinarchitektur an der Ostsee und repräsentiert Macht und Reichtum von Stadt und Hanse.



Netz

Liste der Stadttore und Wehrtürme in Mecklenburg-Vorpommern
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stadttore_und_Wehrt%C3%BCrme_in_Mecklenburg-Vorpommern
Sehenswertes Backsteingotik
http://www.m-vp.de/sehenswertes/backsteingotik.htm
Neubrandenburg – Die Stadt der 4 Tore
http://www.neubrandenburg-hotels.de/
Hauptwerke der Backsteingotik
http://de.wikipedia.org/wiki/Hauptwerke_der_Backsteingotik

 

Literatur

Kiesow, Gottfried (Hrsg.), Backsteingotik, monumente edition,
Copyright: Deutsche Stiftung Denkmalschutz, 2. Auflage, S. 116ff

Schäfke, Werner, Mittelalterliche Backsteinarchitektur von Lübeck zur Marienburg, DuMont Buchverlag, Köln, 1995, S. 38, 128

 

 











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