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Profanarchitektur

Profane Backsteinarchitektur

an der Ostsee

 

Bürgerhäuser

Wie schon beschrieben (>>“Romanische Häuser“) wurde in den Städten vor dem 12. Jh. nur selten in Stein gebaut. Diese teueren Gebäude waren Kirchen, Klöstern, Pfalzen und Burgen vorbehalten.

 

Das gilt auch für den Backsteinbau, der allerdings nur noch selten romanischen Formen folgte. Die Übergänge zwischen Romanik, Gotik und Renaissance sind fließend.

 

Wohlhabend gewordene Handelsherren, später auch Zunftmeister, zeigten ihren Reichtum an den Ziergiebeln der Häuser. Den reichsten Schmuck trugen spätgotische Häuser im 14. und 15. Jh.. Fast alle sind giebelständig.

Mit dem Gesicht zur Straße ragen sie hinaus über die Dachhaut. Manchmal wird ein Stück Himmel gerahmt, wie beim „Alten Schweden“.

 

„Gotische Staffelgiebel“ – auch Treppen- und Stufengiebel genannt – sind ein Begriff. Stilrein ist nur eine Minderheit. Das lag am Schmuckbedürfnis des homo sapiens sapiens, der begann, die ursprüngliche Silhouette zu verändern. Geschweifte Formen weisen zur Renaissance.

Staffelgiebel, Stralsund, Mühlenstr. Nr. 3

 

In Stralsund zeigt das Dielenhaus in der Mühlenstraße 3 einen stilreinen Staffelgiebel aus dem 14. Jh., reich geschmückt mit senkrechtem Stabwerk aus Formsteinen und grün glasierten Maßwerkelementen in den Blendengiebeln.

Pfeilergiebel, Stralsund, Mühlenstr. 1

 

Neben dem Staffelgiebel entwickelten sich Pfeilergiebel. Mit Formziegeln gestaltete Pfeiler treten aus der Wand hervor und gliedern die Fassade vertikal. Man muß nicht weit gehen in Stralsund, um ebenfalls in der Mühlenstraße, den ältesten Backsteingiebel der Gotik zu bewundern. Im 13. Jh. erbaut, im 14. Jh. verändert, wurde er 2002/03 umfassend saniert.

Pfeilerstaffelgiebel, Wulflamhaus, Stralsund

 

Es bildeten sich Mischformen heraus, wie der Pfeilerstaffelgiebel. Stralsund zeigt auch hier ein berühmtes Beispiel. Das Wulflam-Haus aus der 1. Hälfte des 14. Jh., benannt nach einem Bürgermeister der Hansestadt, blickt am Alten Markt auf das noch berühmtere Rathaus.

 

Der Giebel über zwei schmucklosen unteren Geschossen ist nur 3-geschossig, aber reich geschmückt. Stabwerk und Pfeiler wirken bunt wegen der alternativen Verwendung verschiedenfarbiger Steine. Die gekuppelten Zwillingsfenster tragen in der Spitze je 4 Vierpässe auf hellem Untergrund. Die Umrisse zieren Krabben.

 

Museumshaus, Stralsund,
Mönchstr. 38

 

Wir verlassen vorübergehend das schöne Äußere. Die schlichte Fassade in der Mönchstr. 38 in Stralsund verdankt ihren Auftritt hier weder dem unscheinbaren Giebel noch den schlichten „Utluchten“ aus dem 17. Jh..

 

Die Schätze sind im Inneren verborgen. Fast wären wir beim Gang durch die Stadt achtlos vorbei gegangen und hätten einmalige Informationen zur Wohnkultur der vergangenen Jahrhunderte verpaßt. Das Museumshaus von 1320, noch bis Ende der 70er Jahre bewohnt, ist Teil des Kulturhistorischen Museums der Stadt und gleichzeitig das größte Exponat. Das Haus wurde von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz aufwendig saniert.

 

Aufzugsrad
und Welle
  
Aufzugsschacht
von oben
   
Mönchstr. 765mod
Einer der Speicherböden mit Transportkarren

 


Über einen modernen Bau an der Rückseite gibt es bequemen Zugang. Doch nur wer mühsam und geduckt die knarrenden Treppen der 4 Speicherböden emporklettert, spürt wirklich Hausgeschichte über fast 7 Jahrhunderte. Denn es wurde nicht nur der Ursprungszustand restauriert, sondern auch versucht, durch entsprechende Möblierung Einblick in das Wohnen späterer Jahrhunderte zu geben.

 

Als Mittelalterfan waren für mich der Aufzugschacht durch alle Stockwerke und das Aufzugsrad aus dem 14. Jh. im Spitzboden elektrisierend. Die Winde mit Welle und Rad aus Eichenholz und Bockshornbeschlägen zur Seilführung waren bis zur Sanierung voll funktionsfähig.

Pfeilerstaffelgiebel
Alter Schwede,
Markt Wismar

 

Wieder zurück zu äußerer Schönheit. Eines der schönsten Beispiele für einen Pfeilerstaffelgiebel finden wir in Wismar am Markt: „Der Alte Schwede“, etwa 1380 erbaut. Schwarze Blenden zieren die Pfeiler. Ebensolche Stäbe betonen die Senkrechte. Ein schwarzer Paßfries trennt deutlich die Giebelpartie vom Untergeschoß.

 

Der Name erinnert an die schwedische Herrschaft ab 1632. Besucher können im schönen Restaurant edel speisen und in Gästezimmern übernachten.

Zinnenstufengiebel, Rostock,
Kröpelinerstr. 82

 

Rostock erfreut den Besucher mit einem Zinnenstufengiebel in der Kröpeliner Str. 82 aus dem späten 15. Jh.. Weiß unterlegte Blenden schaffen schöne Kontraste zur Farbe der Backsteine. Im reichen Stabwerk wurden glasierte und nicht glasierte Formsteine im Wechsel vermauert. Das halbrunde Element auf der obersten Stufe weist zur Renaissance.

 
 Zinnenstufengiebel, Greiswald, Markt 11
  
 Pfeilerstaffelgiebel, Greifswald, Markt 13

 

Auch die Hansestadt Greifswald schmückt sich mit Ziergiebeln, darunter am Markt 11 einer der prächtigsten dieser Architektur überhaupt, aus dem 15. Jh.. Der Schmuck ist fast überbordend. Die 6 inneren Pfeiler sind zwischen den Profilstäben mit weißen Blenden und feingliedrigen Formsteinen gefüllt und enden in fialähnlichen Türmchen mit Kreuzblumen. Über gekuppelten Zwillingsfenstern Rosetten auf weißem Grund, überwölbt von mit Krabben besetzten Spitzbogen. Auch hier der Wechsel zwischen glasiertem und roten Backstein.

 

Gleich nebenan am Markt 13 ein weiterer Giebel, schlichter, aber durchaus ansehnlich. Blickfang ist ein wuchtiger, kaminähnlicher Mittelpfeiler. Die älteren Teile schmücken sich wieder mit alternierenden Steinen.

 

Archidiakonatshaus, Wismar
Zinnnenstufengiebel und Dachgalerie

 

 

Zum Abschluß das Archidiakonatshaus in Wismar, neuerdings datiert auf den Anfang des 14. Jh.. Die Fassade zeigt einen schönen Zinnen-Staffelgiebel mit dem üblichen Stabwerk und alternierenden Steinen. Die Eckpfeiler sind mit Rosetten besetzt.

 

Das Besondere und Exklusive aber ist die Dachgalerie über der Traufe. Kurze Pfeiler rahmen 6 Öffnungen mit flachen Bogen, die eine Zinnenbekrönung tragen.

 

In diesem Rahmen konnte ich aus den vielen trotz aller Zerstörungen noch erhaltenen Giebeln nur eine Auswahl zeigen. Schöne Beispiele finden sich im Hinterland und in anderen Hansestädten, auch außerhalb Mecklenburg-Vorpommerns.

 

 

Netz (Auswahl)
Monumente online – Magazin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz
http://www.monumente-online.de

Treffpunkt Ostsee
http://www.treffpunkt-ostsee.de

Hansestadt Stralsund
http://www.stralsund.de

 

Literatur
Lorenzen, Heidrun und Lissok, Michael, in Gebrannte Größe, Die Sprache der Steine, Monumente, Publikationen der Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn, 2002, S. 76ff

 

Eigene Beobachtungen

 

 










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