lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
 

Profanarchitektur

Profane Backsteinarchitektur
an der Ostsee

 

Bauschmuck

Die Masse der Auswanderer, die im 12. und 13. Jahrhundert aus Westfalen, den Niederlanden und Flandern nach Osten zog, hatte anderes im Sinn als Architektur. Sie waren Bauern, die günstige Siedlungsbedingungen suchten. Mönche, Handwerker und Kaufleute folgten ihnen. Schon bald aber wollten Kleriker in steinernen Kirchen predigen, die neuen Städte und Siedlungen sich mit Befestigungsanlagen schützen und später ihren Wohlstand mit prächtigen Rathäusern und Bürgerhäusern demonstrieren.
 
Das Problem: Es gab im neuen Siedlungsgebiet keinen Naturstein, nur spröde Feldsteine.
 

Verwendung von Feld- und Backsteinen
an einer Dorfkirche in Rügen

 
Also erinnerte man sich der Backsteine, eines der bevorzugten Baumaterialien der Römer.
 
Mit ihrem Abzug aus den germanischen Provinzen verfiel auch die Kunst des Ziegelns. Nur in Einzelfällen wurden unter den Karolingern Ziegel von schlechter Qualität gebrannt. Ein Beispiel ist die >>Einhardbasilika in Michelstadt. Erst ab dem 11. Jahrhundert kam dieser Kunststein, zunächst als Dachziegel,  wieder zu Ehren.
 
Lehm und Ton fanden die Siedler in der neuen Heimat. Sie brachten es in vielen Jahren bei Errichtung und Dekoration von Backsteinbauten zu großer Kunstfertigkeit.
 
Die meisten Steine wurden in hölzernen Kastenformen handgestrichenen.  Es wurden in geringerem Umfang auch  Steine eingesetzt, die aus größeren Lehmblöcken mit Drähten oder Schnüren "geschnitten" wurden. Backsteine wurden im sogenannten Feldbrand unter Luftabschluß gebrannt. Brennmaterial und an der Luft vorgetrocknete Rohlinge wurden in bestimmter Anordnung aufgeschichtet. Die Ausschußquote war hoch.
 
Kleine Fußnote: Kunst- und Bauhistoriker unterscheiden zwischen Backstein als dem eigentlichem Baustein und dem Ziegel für die Dachdeckung. (Binding, Architektonische Formenlehre, S. 170, - Pfotenhauser, in: monumente edition Backsteingotik, Dt. Stiftung Denkmalschutz, 2000)
 
Kein Besucher der Region kann sich dem Eindruck dieser Architektur entziehen, die vor allem das Bild der Städte bestimmt. Neben mächtigen Gotteshäusern dort, erfreuen auf dem Land viele kleine Dorfkirchen.
 
Trotz des Schlagwortes Backsteingotik - Einige wenige Bauten entstanden noch in der romanischen Epoche, wie die Klosterkirche von Jerichow und der Dom zu Ratzeburg, beide in der 2. Hälfte des 12. Jh.
 
Bauschmuck blieb ein Problem. Aus dem nach dem Brennen spröden Backstein konnten keine Skulpturen mit Hammer und Meißel gearbeitet werden.
 
Die Handwerker kopierten zunächst ihre Steinmetzkollegen und versuchten, aus ungebrannten Tonrohlingen (lederhart) z.B. Kapitelle zu schnitzen, die dann gebrannt wurden.
 
Dem war kein Erfolg beschieden, und also besannen sie sich auf Schmuckelemente, die dem Backstein angemessen waren.
 
Zunächst, bis etwa 1250, verwandten die Baumeister den Stein in seiner ursprünglichen Form in geometrischen Wandmusterungen, z.B. dem Fischgrätverband. Beim sogenannten Deutschen Band (Zahnfries) wurden die Steine übereck vermauert und z.B. unter Traufen eingesetzt.
 
 
 
Ostgiebel Marienkirche Greifswald
 
 
Deutsches Band über Kreuzbogen auf Konsolen
 
 
Ein schöner Kontrast zum rot-braunen Backstein sind leicht   zurückgesetzte, weiße Blenden.
 
An der Marienkirche in Greifswald lockern sie die riesige Fläche des Ostgiebels auf.
 
 
Findige Ziegler fertigten schon früh in den üblichen - durch den Einsatz von Profilen geänderten - Holzformen, seriell Formsteine, die nach dem Brennen zu Schmuckelementen, wie Pässen und Friesen zusammengesetzt wurden. Die Verwendung von Formsteinen ging so weit, daß an einem Bau bis zu 50 verschiedene Formziegel nachgewiesen werden konnten.
 
 
 
Glasierte und nicht glasierte Formsteine
im Wechsel, dazwischen Schmuckelemente. (Ruine Eldena bei Greifswald
 
)
 
Holzformen zur Herstellung von gebrannten Schmuckelementen
 
 
 
Ab etwa 1350 wurden dann Backsteine in dunklen Farben (z.B. schwarz oder dunkelgrün) glasiert und im Wechsel mit nicht glasierten Steinen vermauert. Hinzu kamen figürliche Terrakotta-Reliefs, oft mit abstrahierten Motiven. Die einzelnen Platten wurden zu Friesen zusammengefügt.
 
Durch Modelpressung (Stempeln) in den noch weichen Stein ergaben sich weitere Dekorationsmöglichkeiten.
 
 
 
 
 
 
 
 
Die Kombination aller oder vieler dieser Elemente führte zu einer großen Vielfalt des Bauschmucks, wie wir ihn besonders an den Kirchen bewundern können, z.B. an St. Nikolai in Wismar und der Marienkirche in Neubrandenburg.
 
 
 
Terrakotta-Figurenfries, Giebel St. Nikolai Wismar, ab Mitte 15. JH.
 
 
 
Beinhaus Kloster Doberan
 
 
 
Giebel Nikolaikirche Wismar
 
 
Turm Marienkirche Neubrandenburg
 
 
Gerade an der Marienkirche in Neubrandenburg, heute Konzerthalle, verschwindet das eigentliche Mauerwerk fast hinter einem Schleier von Maßwerk, Rundstäben und Fialen. Turm und Giebel sind Höhepunkte spätgotischen Bauens.
 
 
 
 
Literatur
 
 
Beyer, Constantin/Piltz, Georg, Backsteingotik zwischen Lübeck und Wolgast, Stürtz-Verlag, Würzburg, 2000, S. 12, S. 73, S. 75
 
Busjan, Béatrice/Kiesow, Gottfried, in: Gebrannte Größe, Bauten der Macht, Monumente, Publikationen der Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn, 2002, S. 14-21, S. 26,27, S. 68ff
 
Dtv-Atlas Weltgeschichte, Deutscher Taschenbuch-Verlag, München, 2000
 
Holst, Jens Christian, in: Backsteinbaukunst, Zur Denkmalkultur des Ostseeraumes, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, 2006, S. 116ff
 
Kiesow, Gottfried, in: Backsteinbaukunst, Zur Denkmalkultur des Ostseeraumes, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, 2006, S. 60ff
 
Lorenzen, Heidrun/Lissok, Michael, in: Gebrannte Größe, Die Sprache der Steine, Monumente, Publikationen der Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn, 2002, S. 8ff, 18f, 42ff
 
 
Ploetz, der Grosse, Verlag Herder Freiburg, Sonderausgabe für Zweitausendeins, 32. Auflage
 
Plumridge, Andrew/Meulenkamp, Wim, Brickwork, Architecture and Design, Seven Dials, Cassell & Co., London, 2000
 
Putzger, F.W., Historischer Weltatlas, Velhagen & Klasing, Berlin, 1974
 
Schäfke, Werner, Mittelalterliche Backsteinarchitektur von Lübeck zur Marienburg, DuMont Buchverlag, Köln, 1995, S. 38, 128