lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
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Werners Blog

Alte Kreuzgänge

 
 
In mittelalterlichen Klöstern waren die Kreuzgänge nach den Klosterkirchen die interessantesten und wichtigsten Bauten. Die Wandelgänge, manchmal zweigeschossig, öffneten sich mit Arkaden zu einem oft quadratischen Innenhof. Sie waren Orte der Erholung, der Kommunikation, der Lektüre. Brunnen und Brunnenhäuser erlaubten Waschungen.
 
 Ast 5966 modAP kl
 Stiftskirche San Pedro de Teverga, Asturien (E)
 
 
Im frühen Mittelalter - nachgewiesen seit dem 8. Jh. - waren die Anlagen schlicht, bei Klostergründungen oft aus Holz. Ein Beispiel aus Asturien, obgleich aus früher Neuzeit, möge der Anschauung dienen.
 
 
St. Pantaleon, Köln
 
 
Frühe Kreuzgänge sind rar. In St. Pantaleon in Köln ist das älteste Fragment Deutschlands mit 6 Bogen erhalten (um 1000).
 
 
Die seltenen Pilzkapitelle tauchen vor dem Würfelkapitell in der ottonischen Baukunst auf.
 
 
 
 
 




Mensch und Architektur

 
 
In Laufe der letzten 20 Jahre bin ich in Europa viel gereist auf den Spuren der mittelalterlichen Architektur.
 
Ich habe sie tausendfach fotografieret. Die Darstellung der Baukunst war mir wichtig, Menschen störten eher.
 
Heute, ein bisschen gereift, beginne ich das anders zu sehen.
 
Hier zwei Beispiele, die mich nachdenklich stimmen:
 
 
 
 
S Quirico Orcia1 043Tos1modAP  resol
Collegiata-Kirche von San Quirico d’Orcia
 
 
Eine mittelalterlich anmutende Szene in der sonnigen Südtoscana vor dem Westportal einer romanischen Kirche aus dem 12. Jh. Ein Ruhender auf den Stufen vor einer Fassade aus Naturstein.
 
 
Symbolik ist sehr präsent: Knotensäulen wehren Unheil ab, die Säulen auf dem Rücken der großen Wächter-Löwen stützen die Kirche, auch symbolisch. Das Flachrelief am Konsolensturz ist eine Mischung verschiedener Fabelwesen.
 
 
Ob der Mensch des 21. Jh. Interesse an und Sinn für die Arbeit der Baumeister vor rund 800 Jahren hatte?
 
 
 
 
Ein Gegensatz im eher trüben Vorpommern:
 
 
Das gewaltige Backsteinportal aus dem 14. Jh.. Ein „kleiner“ Mensch schlendert vorbei ohne der gotischen Baukunst einen Blick zu gönnen. Keine Stufen bieten Gelegenheit zum Ausruhen.
 
 
 
 
Greifswald_nikolai_West
 
Anders als in der Toskana wurde das 10-fach abgetreppte Portal von Zieglern und Maurern aus Kunststein gefertigt.
 
 
Sie fügten Tausende von in vorindustrieller Fertigung aus Lehm gebrannten und glasierten Formsteinen zu einem beeindruckenden Gewändeportal zusammen. Die Moderne kündigt sich an.
 
Was verbindet beide Szenen trotz aller Gegensätze? Ich meine: Der kleine Mensch vor den in jeder Hinsicht großen Werken mittelalterlicher Baukunst. Ein bisschen Demut wäre angesagt.
 
 




Ein Mönch „hat Rücken“

 
 
Oder? Jedenfalls scheint er schwer an einer Last zu tragen. Vielleicht stöhnt er unter dem Gewicht eines beleibten Chorherren.
 
 

Dom zu Magdeburg (Mitte 14. Jh.)    

Mit dieser ungewöhnlichen Darstellung möchte ich auf Chorgestühl aufmerksam machen, interessantes Element mittelalterlicher Kirchenausstattung.
 
 

Zisterzienserkirche Bad Doberan (1. Hälfte 14. Jh.

 

Aus der Romanik ist wenig erhalten. Auch von gotischem Chorgestühl sind nur Reste vorhanden. Es lohnt sich, sie zu studieren. Besonders die Miserikordien unter den Klappsitzen, die langes Stehen während der Gottesdienste erträglich machten, zeigen hochwertige, oft skurrile Schnitzereien.
 

Kathedrale von Sevilla (Ende 15. Jh.)

 Abhängig von der Zahl der Mönche oder Chorherren und dem Zeitpunkt der Fertigung war das Chorgestühl bescheiden oder gigantisch. In der Spätgotik wurde es besonders reich mit Schnitzwerk versehen. Oft orientierten sich die Meister mit Fialen, Baldachinen usw. am steinernen Bauschmuck ihrer Kirchen.
 
 
Von den imposanten Gesamtanlagen haben nur wenige überlebt. 

 




Logistik am Bau

 

Im Angesicht mittelalterlicher Bauten fragen wir uns oft: Wie bewegten Bauleute vor Hunderten von Jahren schwere Quader, Mörtel, Balken, Bleiplatten? Wie schafften sie das Material in luftige Höhen?

Es gab primitive Geräte für eine Person, wie Mulde und Vogel, mit denen Handlanger Mörtel schleppten. Schwerere Lasten bewegten zwei Mann auf Tragen mit zwei parallelen Holmen mit Querbrettern.

Das Rad war natürlich bekannt. Schubkarren nutzte man ab dem 12. Jh., außerdem zwei- oder vierrädrige Wagen, meist gezogen von Maultieren oder Ochsen. Denen hat man in Laon in den Türmen der Kathedrale ein Denkmal gesetzt.

 

(www.wernernolte.de/index.php/architektur-des-mittelalters/sakralarchitektur/gotik/notre-dame-laon)

                                               Wismar 4550 modAP Nachbau eines Tretrades - vor St. Marien, Wismar

 

Für den Lastenaufzug gab es die feste Rolle und verschiedene Kräne, z. B. den Galgenkran. Über Seil und Rolle wurden die Lasten angehoben, entweder durch Haspeln oder Treträder in denen Menschen (Windenknechte) oder Tiere liefen.

Alle diese Geräte wurden aus Holz gefertigt.

Aus Eisen war die Steinzange hergestellt, eine sinnvolle Vorrichtung für das Heben von Quadern. Zwei S-förmige Arme schlossen sich, sobald über das Seil Zug ausgeübt wurde und klemmten den Stein ein. Noch heute sehen wir gelegentlich in den Mauern mittelalterlicher Bauten die kleinen Löcher in der Mitte der Quadern in die die Spitzen der Zangenarme eingriffen, um das Verrutschen zu verhindern.

Trotz aller Transportmittel – der Mensch trug die Hauptlast, am Boden und auf den wackligen Gerüsten. Arbeit am Bau war hart, damals wie heute.

  




Logistik im Bau

 
Ich hatte an dieser Stelle über Logistik am mittelalterlichen Bau geschrieben und das Foto eines in Wismar aufgestellten riesigen Tretrades veröffentlicht.
 
Eine Ergänzung fand ich bei der Suche nach schönen Fassaden der Backsteingotik in Stralsund. Zum Glück ging ich an der weniger attraktiven Fassade des Hauses Mönchstraße 38 nicht vorbei.
 
Im Inneren des 1320 erbauten Kaufmannshauses steht eine völlig intakte Winde mit Welle, Rad aus Eichenholz und Bockshornbeschlägen zur Seilführung. Sie bedient alle 4 Speicherböden.
 
 
 
 
  0776 modAP res                    
0764 mod AP resol 1  
 
Das Haus war bis in die siebziger Jahre des 19. Jh. bewohnt. Das Kulturhistorische Museum der Stadt übernahm und sanierte es mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.
 
Neben dieser mittelalterlichen Attraktion vermittelt das Innere des Gebäudes durch entsprechende Einrichtung auch einen guten Einblick in die Wohnsituation der letzten Jahrhunderte.