lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
 

Spätantike

San Vitale, Ravenna

Am größten Zentralbau Ravennas, nach byzantinischen Vorbildern errichtet, orientierten sich mehr als 200 Jahre später die Baumeister der Pfalzkapelle Karls des Großen. Die Pracht der Ausstattung ist kaum zu übertreffen: Säulen, Kapitelle, Marmorinkrustationen und Mosaike verstellen fast den Blick auf die Architektur. Anders als in Aachen sind die wertvollen und vielseitigen Mosaike auf wundersame Weise erhalten geblieben. Neben vielen christlichen Motiven fasziniert die älteste Darstellung des prunkvoll daherkommenden byzantinischen Kaiserpaares.

 

San Vitale
Oktogonaler Backstein-Zentralbau, Stützbogen, Lisenen, Rundbogenfenster.

 

Immer wieder gibt es in der Geschichte christlicher Sakralbauten einige, die eine Schlüsselstellung einnehmen, sei es, daß sie einen Wendepunkt markieren, großen Einfluß auf Nachfolgebauten haben oder einen Höhepunkt der jeweiligen Architektur darstellen. Hier seien nur genannt das Weltkulturerbe St. Michael, Hildesheim für die ottonische Baukunst und St.-Denis in Paris für die Gotik.

 

San Vitale hat eine ähnliche Bedeutung. Nicht nur sind praktisch alle Autoren darin einig, daß der Bau allein oder gemeinsam mit anderen Vorbild für die Pfalzkapelle Karls des Großen in Aachen war. Viele schreiben diesem Zentralbau in Ravenna großen Einfluß auf Romanik und Gotik insgesamt zu.

 

Wir besprechen hier den letzten Zentralbau in Ravenna, (Baubeginn 525/526) und den größten, dessen Dimensionen das imposante Grabmal Theoderichs des Großen (gest. 526) in den Schatten stellen.

 

 

Geschichte und Vorbilder

 

San Vitale
Innenraum von San Vitale. (Foto: Wikipedia)

 

Die Baugeschichte ist ziemlich einfach. Begonnen wurde noch während der Gotenherrschaft. Gelegentliche Überlegungen, der Bau sei als Hofkirche der damaligen gotischen Regentin Amalasuntha, der Tochter Theoderichs des Großen, geplant gewesen, finden in der Literatur kaum Widerhall. Über den Baufortschritt im Jahre 540, als Ravenna von byzantinischen Truppen erobert wurde, ist nichts bekannt. Geweiht wurde die Kirche 547, kurz vor dem Ende des Ostgotenreiches in Italien (553).

 

Der Bau soll die damals ungeheure Summe von 26.000 Gold-Solidi verschlungen haben. Finanziert wurde er durch den undurchsichtigen Mäzen Julianus Argentarius.

 

Über die Themen "Erbauer" und "Vorbilder" streiten die Kunsthistoriker in diesem Fall kaum. Östliche Bauten oder solche aus Konstantinopel waren Vorbilder, die Erbauer heimische Meister.

 

Der Bau

Wie die meisten ravennatischen Kirchenbauten ist S. Vitale aus Backstein errichtet, außen relativ schmucklos mit Lisenen und Rundbogenfenstern. Die Geschosse sind durch ein Gesims getrennt, ein doppelter Sägezahnfries, unterbrochen von den Lisenen, betont die Traufe.

 

San Vitale
Gewaltige Strebepfeiler, im Hintergrund Apsiden.

 

Für mich sehr überraschend waren die mächtigen Strebebögen, die man eigentlich den rund 600/700 Jahre später erbauten gotischen Kathedralen als typisch zuordnet. Manche Autoren sprechen gar von einer Erfindung des 12. Jh. Entweder habe ich hier Neues gelernt, oder diese Bögen sind später zur Abstützung der Gewölbe und der Kuppel hinzugefügt worden. Darauf könnten die in der Form unterschiedlichen Backsteine hindeuten. Für den eigentlichen Bau wurden schmale Steine in römischer Tradition verwendet. Die Strebebögen wurden hingegen ganz oder teilweise mit dickeren Formaten gemauert. Wie auch immer, sie verleihen dem ohnehin beeindruckenden Bau zusätzliche Wucht.

 

In der Mitte des oktogonalen Baukörpers der beiden unteren Geschosse erhebt sich in schöner Symmetrie ein ebensolcher Tambour mit 8 großen Fenstern, der eine baugeschichtlich interessante Kuppel von 16 m Durchmesser aus leichten Tonröhren trägt. Der im Osten angebaute Chor mit polygonaler Apsis vermag den Eindruck eines gut proportionierten Zentralbaus nicht zu schmälern. Außerhalb des Achtecks steht die wieder errichtete Vorhalle.

 

San Vitale
Das Lamm Gottes.

 Innen steht man dann, mehr noch als im Grabmal der Galla Placidia, sprachlos vor der Pracht der Säulen, Mosaike und Marmorinkrustationen, und es dauert eine Weile, ehe man die eigentlichen Architekturelemente wahrnimmt. Sehr hohe Rundbogen, die den Blick auf beide Geschosse der Umgänge und auf den Chor freigeben, ruhen auf 8 Pfeilern rund um den aufragenden Innenraum, der mit der Kuppel abschließt. Die Arkaden der Umgänge bestehen aus je 3 Rundbögen auf 2 prächtigen Marmorsäulen. Diese Arkatur ist zwischen den 8 Pfeilern im Grundriß nach außen gewölbt, so daß sie jeweils in Umgang und Empore hineinragt und die mächtigen Pfeiler um so mehr betonen.

 

Die Ausstattung

Die von den Motiven her vielseitigen Mosaike bedecken die Wände und die Gewölbe der Apsis und des Vorraums (Presbyterium). Es seien nur die Wichtigsten besprochen.

 

San Vitale
Opfer von Abel und Melchisedech.

 

In der Kuppel des Presbyteriums stützen 4 Engel in den Zwickeln die Himmelsscheibe mit dem Christuslamm, das wie der Schlußstein eines Gewölbes wirkt. Das Lamm mit Nimbus, aber hier ohne Fahne des Sieges, soll nach 200 Jahren Verfolgung den Triumpf des Christentums darstellen. Es gilt als ältestes und wichtigstes Christussymbol. Die die Engel umgebenden Pfauen symbolisieren hier wohl die Unsterblichkeit, die Tauben können als Symbol für die Hoffnung auf das ewige Leben gedeutet werden.

 

In den Bogenfeldern über den Arkaden des gleichen Raumes werden alttestamentarische Opferszenen dargestellt.

 

San Vitale
Detail der Apsis-Kalotte. Der Weltenherrscher.

 

Dann fängt die Apsis unseren Blick und bietet uns die schönsten Mosaike, christliche und profane. In der Kalotte thront vor Goldgrund der Weltenherrscher auf dem Globus, begleitet von 2 Engeln. Den Abschluß der Gruppe bilden der Gründer des Baus, B. Ecclesius (mit Kirchenmodell) und auf der anderen Seite der Hl. Vitale. Eine Blumenwiese schließt das Bild nach unten ab. Wie auch in der Kuppel des Vorraumes spart der Künstler nicht mit Ranken und vielfältigen farbenprächtigen Ornamenten. An Phantasie hat es dem aus Ravenna stammenden Künstler nicht gefehlt.

 

Und dann, an den Seitenwänden des Raumes, in gelassener Würde der berühmte Auftritt des Kaisers Justinians (Ks. 527-65), Bezwingers der Vandalen und Ostgoten. Er trägt eine goldene Schale und ist begleitet von Bewaffneten und Klerikern, angeführt vom Erzbischof Maximilian, der die Kirche weihte.

 

San Vitale
Byzantinisches Kapitell.

 

Ihm gegenüber seine Gemahlin Theodora, von Hofdamen umgeben. Die Gewänder erzählen von der Kleiderpracht am byzantinischen Hofe. Kaiser und Kaiserin tragen den Nimbus, Symbol dafür, daß sie sich - im Gegensatz zu den späteren Kaisern des Abendlandes - nicht nur als weltliche Herrscher sahen.

 

Es sollen die ältesten und künstlerisch wertvollsten Darstellung des Kaiserpaares sein, wahrscheinlich nach Vorlagen aus Byzanz. Justinian, der übrigens nie in Ravenna war, präsentierte sich der Stadt auf diese Weise als Herrscher und Befreier vom Joch der ketzerischen (arianischen) Ostgoten.

 

Das Innere von San Vitale bietet noch viele Kunstwerke, manche aus jüngeren Epochen. Ich möchte nur die wunderbaren Kapitelle hervorheben, die allerdings mitsamt der Säulen aus Konstantinopel importiert wurden. Sie sind Meisterwerke der Steinmetzkunst.

 

San Vitale, ein Gesamtkunstwerk, ist ein Muß beim Besuch Ravennas.

 

UNESCO-WELTERBE

 

 

 

Literatur:

 

Bandmann, Günter, Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger,Gebr. Mann-Verlag, Berlin, 1994

 

Barral i Altet, Xavier, Von der Spätantike bis zum Jahr 1000, in: Frühes Mittelalter, Henri Stierlin (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1997

 

Barral i Altet, Xavier, Spätantike bis Mittelalter, in: Skulptur, Georges Duby/Jean-Luc Daval (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1999

 

Brenk, Beat, Spätantike und frühes Christentum, in Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag Frankfurt, 1990

 

Braunfels, Wolfgang, Kleine Italienische Kunstgeschichte, Dumont Buchverlag, Köln, 1984

 

Grodecki, Louis/Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst - Monumente des Abendlandes, Umschau-Verlag, Frankfurt am Main, 1967

 

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

 

Kraus, Theodor, Das römische Weltreich, in: Propyläen-Kunstgeschichte, Berlin, Propyläen-Verlag, 1990

Mehling, Franz N. (Hrsg), Knaurs Kulturführer Italien, Droemer Th. Knaur Nachf., München, Lizenzausgabe 1998

 

Palol, Pedro de/Ripoll, Gisela, Die Goten, Geschichte und Kunst in Westeuropa, Belser Verlag, Stuttgart, Bechtermünz-Verlag, 1999

 

Schug-Wille, Christa, Byzanz und seine Welt, Naturalis-Verlag München

 

 

Eigene Beobachtungen