lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

SPÄTANTIKE

San Apollinare Nuovo, Ravenna

Neben beachtlichen Zentralbauten bietet uns die ravennatische Architektur auch sehenswerte Basiliken.  San Apollinare Nuovo, Hofkirche des Gotenkönigs Theoderich, glänzt durch reichen Mosaikschmuck, der nicht nur Augenweide ist, sondern auch Zeugnis für das Bedürfnis der Sieger, Erinnerungen an den Besiegten gründlich zu tilgen.

 

San Apollinare
Backstein-Basilika mit Campanile und Vorhalle.

 

Beim Namen dieser Kirche fragt man sich unwillkürlich, wie es das berühmte Mineralwasser geschafft hat, hier werbewirksam vertreten zu sein.

 

Aber natürlich ist es anders herum. Der hl. Apollinare war der erste Bischof von Ravenna, und seine Gebeine sollen in der 1. Hälfte des 14. Jh. nach Remagen gelangt sein. Obwohl zumindest letzteres Legende ist, hat dadurch das Wasser seinen schönen antiken Namen erhalten.

 

Der Bau

Das Christentum übernahm den in der Regel dreischiffigen Langbau der Basilika vom altrömischen profanen Vorbild. Sie diente als Markt- und Gerichtshalle. Die christliche Architektur entwickelte diesen Bautypus weiter, z. B. durch Querhäuser, Krypten, Türme. So wurde er über weite Strecken des Mittelalters zum beherrschenden Kirchentyp.

 

S. Apollinare Nuovo, neben dem nicht erhaltenen Palasts Theoderichs, wurde Anfang des 6. Jahrhunderts als des arianischen Königs Hofkirche errichtet und damals dem Erlöser geweiht. Gelegentlich wird sie in der Literatur als sein ehrgeizigstes Bauwerk angesehen. Da habe ich angesichts des königlichen Grabmals meine Zweifel, es sei denn, man zieht die Innenausstattung mit hinzu.

 

Von germanischer Baukunst ist nichts zu sehen. Die Goten, in Holz bauend, bedienten sich für Großbauten einheimischer Baumeister und Künstler.

 

Es entstand eine rein spätantik/frühchristliche Basilika aus Backstein ohne Querhaus. Außen wurde der Bau im Laufe seiner langen Geschichte mehrfach verändert.

 

So wurde die Vorhalle mit 5 Rundbögen aus Marmor erst im späten Mittelalter errichtet und nach Beschädigungen im letzten Krieg mit Originalteilen wieder aufgebaut. Die Fassade darüber hat 2 Mini-Fenster über einem rechteckige Rahmen mit 2 großen Fenstern, deren Rundbögen von Säulen getragen werden. Rechts und links ist die Fassade von Lisenen begrenzt.

 

Der zylindrische ca. 38 m hohe Glockenturm wurde wahrscheinlich im 9./10. Jahrhundert erbaut. Er ist durch Rundbogenfenster geschickt gegliedert. Über den einfachen Fensteröffnungen in den unteren Geschossen folgen Zwillingsfenster und in den oberen beiden Stockwerken Drillingsfenster, jeweils von Säulchen mit Kapitellen getragen. Die weißen Säulen bilden einen schönen Kontrast zum dunklen Backstein-Mauerwerk.

 

Auch die außen 5-seitige, innen halbrunde Apsis mit 3 Rundbogenfenstern ist nicht original, wurde aber 1950/51 auf ursprünglichen Fundamenten wieder errichtet.

 

Die Außenmauern des Langhauses werden von Pfeilern gestützt, die über den Seitenschiff-Fenstern durch Bogen verbunden sind. Die Lichtgaden-Fenster sind von gleicher Größe wie die der Seitenschiffe und erhellen zufriedenstellend die jeweils gegenüberliegenden Mosaike, die jedoch andererseits bei ungünstigem Sonneneinfall durch Blendung schwer zu erkennen sind.

 

Die Ausstattung

Innen ein Eindruck von lichter Weite durch das im Verhältnis zu den Seitenschiffen sehr breite Mittelschiff. Auch hier stimmen die Proportionen nicht mehr: Obergaden und Mosaikzone darunter dominieren die Wand. Im Mittelalter mußte der Fußboden wegen steigenden Grundwasserspiegels beachtlich angehoben werden.

 

Das Mittelschiff ist durch Arkaden mit - symbolträchtigen - 2 x 12 Säulen aus Konstantinopel von den Seitenschiffen getrennt.

 

Nach dem Vorbild der Sakralbauten Konstantins des Großen (306-37) war die Kirche, wie die anderen Basiliken Ravennas, nie gewölbt. Die heutige Holzdecke ist "modern".

 

San Apollinare
Die Heiligen Drei Könige.

 

Neben den Säulen sind auch hier die Mosaike der wertvollste Schmuck. Wie schade, daß das Apsis-Mosaik des thronenden Christus bereits im Jahrhundert nach Bauende durch ein Erdbeben verloren ging.

 

Trotzdem sind die reichlich erhaltenen Mosaiken nicht nur prächtig, sondern auch hoch interessant. Zum einen ist die Kirche der einzige frühchristliche Bau, in dem die komplette Ausschmückung der Hochschiffwände erhalten ist. Andererseits stammen die Mosaiken aus zwei unterschiedlichen Epochen (Anfang 6. Jh. [arianisch-gotisch] und 2. Hälfte 6. Jh. [orthodox/kathol.]). Zuordnung und Beurteilung bieten Fachleuten reichlich Stoff für kontroverse Diskussionen.

 

Die hier besprochene Kirche ist ein gutes Beispiel für das Bedürfnis der Sieger, Darstellungen der Unterworfenen gründlich zu tilgen, auch und gerade, wenn Religion im Spiel ist. Nach dem Ende der arianischen Gotenherrschaft in Ravenna (540) ließ Erzbischof Agnellus die Mosaiken im Rahmen der damnatio memoriae "überarbeiten". Und hier beginnen die Probleme.

 

San Apollinare
Propheten- und Heiligenfiguren

 

Es ist wohl gesichert, daß die beiden viel bewunderten Prozessionen der "Märtyrer" und "Jungfrauen" rechts und links über den Arkaden späteren Datums sind. Einige Kunsthistoriker setzen den künstlerischen Wert der letzteren deutlich höher an. Die Frage aber, ob man hier Darstellungen aus der Gotenzeit, z. B. von Hofleuten, ersetzt hat, bleibt unbeantwortet. Die Figuren Christi und Marias, Ziel der Prozessionen, gehören zweifellos einer frühen Epoche an. Dabei gibt es Stimmen, die im Schöpfer dieser Christus-Darstellung den gleichen sehen, der für den orthodox/kath. Erzbischof in dessen Kapelle arbeitete.

 

 
San Apollinare
Die Stadt Classe.

 

Die Masse des übrigen Mosaik-Schmucks stammt ebenfalls aus der Gotenzeit, wie z.B. die 2 x 13 Szenen aus dem Leben Christi, hier erstmals auf Goldgrund (über den Fenstern beider Wände).

 

Auch die über 30 Heiligen- oder Prophetenmosaike zwischen den Fenstern sind wohl aus dieser Epoche.

 

In dieser Zone findet sich an der rechten Wand auch die Darstellung des untergegangenen Palastes des Theoderich. Offensichtlich standen jedoch zwischen den Bögen dem Erzbischof mißliebige Figuren, die er durch merkwürdige Vorhänge verschwinden ließ. Peinlich nur, daß Spuren der Vergangenheit erhalten blieben, z.B. Hände auf den Säulen. Wahrscheinlich gab es eine ähnliche "Säuberung" auch auf der gegenüberliegenden Seite beim Bild des Hafens von Classe.

 

Die späteren Mosaike unterscheiden sich im Stil von den früheren: Goldgrund, typisierte Figuren und Gesichter (große Augen), frontale Darstellung. Sie wurden östlich inspiriert, aber wahrscheinlich von ravennatischen Meistern ausgeführt.

 

UNESCO-Welterbe.

 

 

Literatur:

 

Barral i Altet, Xavier, Spätantike bis Mittelalter, in: Skulptur, Duby, Georges/Daval, Jean-Luc (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1999

 

Brenk, Beat, Spätantike und frühes Christentum, in: Propyläen Kunstgeschichte, Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt, 1985

 

Chadzidakis, Manolis, Vollbach, Wolfgang Fritz/Lafontaine-Dosogne, Jaqueline, Hrsg.,Byzanz und der Christliche Osten, in: Propyläen-Kunstgeschicht, Propyläen,Verlag Berlin, 1990
 

Grabar, André, Die Kunst im Zeitalter Justinians, in: Universum der Kunst, Malraux, André/Salles, George, Hrsg.Verlag C. Beck, München, 1967

 

Grodecki, Louis/Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst - Monumente des Abendlandes, Umschau-Verlag, Frankfurt am Main, 1967

 

Haupt, Albrecht, Kunst und Baukunst der Germanen, Reprint-Verlag-Leipzig, Reprint der Originalausgabe von 1909

 

Koch, Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993

 

Mango, Cyril, Nervi, Pier Luici, Hrsg.,Weltgeschichte der Architektur, Byzantinische Architektur, Belser Verlag, Stuttgart, 1975

 

Mehling, Franz N., (Hrsg.), Knaurs Kulturführer Italien, Verlag Droemer Th. Knaur Nachfolger, München, 1998, Lizenzausgabe

 

Eigene Beobachtungen