lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

SPÄTANTIKE

Das Grabmal der Galla Placidia, Ravenna

Der gut erhaltene schlichte Zentralbau ist seit über 1500 Jahren so gut wie unverändert. Im Inneren weihevolle Dämmerung und die Pracht des Mosaikschmucks, der seinen Höhepunkt in der Kuppel mit dem blau-goldenen Sternenhimmel hat. Der Erhalt der Mosaike über eineinhalb Jahrtausende ist ein kleines Wunder, das auch mittelalterlicher Denkmalpflege zu danken ist.

 

Grabmal der Galla Placidia in Italien
Backsteinbau in Kreuzform mit Blendarkaden.

 

Beim Besuch und bei nachträglicher Wertung liegen Vergleiche mit dem Grabmal Theoderichs, das 70 bis 90 Jahre später (um 520) entstand, sehr nahe. Hier schlichter traditioneller Backsteinbau, dort anspruchsvoller Quaderbau. Hier im Inneren prächtiger Mosaikschmuck, dort nüchterne Schmucklosigkeit.

 

In keinem der beiden Bauwerke ruhen die Leichname der Namensgeber. Galla Placidia starb 450 in Rom. Die Historiker sind so gut wie sicher, daß sie dort ruht, obwohl das Mausoleum für sie und ihre Angehörigen in Ravenna errichtet wurde. Barral i Altet sieht in diesem Bau ursprünglich eine Kapelle.

 

Mein Interesse an diesem Unesco-Welterbe nahe der berühmten Kirche S. Vitale gründet auf dem Mosaikschmuck, wohl der älteste in Ravenna erhaltene, und der Lebensgeschichte der Galla Placidia, ereignisreich wie wenige in jener an interessanten Biographien nicht armen Zeit.

 

Architektur
 
Aber auch baugeschichtlich ist das Grabmal wichtig wegen der gemeinsamen Verwendung von Kuppel und Gewölben. Beide waren schon vor der Zeitenwende bekannt, doch es war die Kombination, die zu den berühmten Kreuzkuppelkirchen in Konstantinopel und anderen Regionen im Osten führte. Die Entscheidung darüber, ob es sich in Ravenna um ein Vorbild dieses Architekturtyps handelt, wie, Koch meint, oder schon um das frühe Beispiel einer Kreuzkuppelkirche, nach Grodecki/Wagner, mögen die Experten treffen.

 

Die Herkunft von Mausoleen mit kreuzförmigem Grundriß sieht u.a. Bandmann in Kleinasien. Er verweist bei den auf sie zurückgehenden christlichen Grabkirchen auch auf die Symbolik dieses Schemas. Es ist möglich, daß das hier besprochene Bauwerk, wie auch andere, über Ravenna, - "Einfalltor" für byzantinische Kunst im Westen - weitere Verbreitung fand.

 

Der gut erhaltene Zentralbau war früher mit der Kirche S. Croce verbunden. Er ist nach mehr als 1500 Jahren nahezu unverändert. Das Baumaterial "Backstein" zeigt hier, wie bei noch älteren römischen Bauten, seine große Beständigkeit gegenüber dem Zahn der Zeit. Allerdings stimmen auch hier die Proportionen für den heutigen Betrachter nicht mehr, weil der Bau um ca. 1.5 m in den sumpfigen Boden Ravennas eingesunken ist (aus verteidigungstechnischen Gründen verlegte Kaiser Honorius Anfang des fünften Jahrhunderts die Hauptstadt Westroms nach Ravenna).

 

Grabmal der Galla Placidia in Italien
Sternenhimmel

 

Die Ausführung ist typisch für die ravennatische Architektur jener Zeit. Über den Satteldächern der 4 niedrigen Arme des griechischen Kreuzes erhebt sich in der Mitte ein quadratischer gedrungener "Turm" mit Pyramidendach und 4 Fensteröffnungen. Er beherbergt die Hängekuppel und läßt an die Vierungstürme romanischer Kirchen denken. In Traufenhöhe ziehen sich Gesimse um den Bau.

 

Die Außenwände der Arme sind, wie beim Grabmal Theoderichs, durch Blendarkaden aufgelockert, einige mit schlitzförmigen Fensteröffnungen. Im Inneren weihevolle Dämmerung und die Pracht des Mosaikschmucks über dem hohen Marmorsockel. Christliche Symbolik ist reich vertreten.

 

Mosaike

  

Grabmal der Galla Placidia in Italien
Der gute Hirte

 

Im Mittelpunkt die Kuppel - die kein Tageslicht erhält - mit blau-goldenem Sternenhimmel, dem Kreuz und den Symbolen der 4 Evangelisten. Es fehlen nicht der gute Hirte, Symbol der Geborgenheit, und die vom Wasser des Glaubens und des Ewigen Lebens trinkenden Hirsche und Tauben. Der Künstler zeigt uns die (nur 8) Apostel und den Hl. Laurentius mit seinem Marterwerkzeug, dem glühenden Rost.

 

Bei der Einordnung dieser Mosaike gehen die meisten Experten, wie Brenk, von weströmischen und ravennatischen und noch nicht von byzantinischen Traditionen aus..

 

Beim nachdenklichen Verlassen des kleinen Bauwerkes stimmt man denen zu, die den Erhalt des gesamten Mosaikschmuckes über mehr als 1500 Jahre hinweg für ein kleines Wunder halten. Allerdings hat nach Braunfels auch der Mensch im Mittelalter tatkräftig mitgeholfen. Schon im 13. Jh. gab es in Ravenna Verordnungen zur Denkmalspflege, wohl die ältesten im Europa.

 

UNESCO-WELTERBE

 

Literatur:

Bandmann, Günter, Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger,Gebr. Mann-Verlag, Berlin, 1994

 

Braunfels, Wolfgang, Kleine Italienische Kunstgeschichte, Dumont Buchverlag, Köln 1984,

 

Brenk, Beat, Spätantike und frühes Christentum, in Propyläen Kunstgeschichte,
Propyläen-Verlag Frankfurt, 1990

 

Barral i Altet, Frühes Mittelalter, von der Spätantike bis zum Jahr 1000, Hrsg. Henri Stierlin, Benedikt Taschen Verlag, Köln, 1997

 

Grodecki, Louis/Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst - Monumente des Abendlandes, Umschau-Verlag, Frankfurt am Main, 1967

 

Koch, Wilfried, Baustilkunde Sakralbau, Bertelsmann Lexikon-Verlag GmbH, Gütersloh, 1993

 

Kraus, Theodor, Das römische Weltreich, in Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990

 

Mehling, Franz N., Hrsg., Knaurs Kulturführer Italien, Verlag Droemer Th.  Knaur Nachfolger, München, 1998, Lizenzausgabe

 

Palol de, Pedro/Ripoll, Gisela, Die Goten, Geschichte und Kunst in Westeuropa, Belser Verlag, Stuttgart, Bechtermünz-Verlag, 1999

 

Schug-Wille, Christa, Byzanz und seine Welt, Naturalis-Verlag München

 

 

 

Eigene Beobachtungen