lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
 

romanisch

Die Rundkirchen Bornholms

 

Auf der Granitinsel Bornholm zeugen vier schneeweiße Rundbauten seit acht Jahrhunderten von Religiosität und Verteidigungsbereitschaft. Heute sind sie, weil schön und legendenumwoben, ein Anziehungspunkt für die Besucher.

 

Auch ich wollte sie unbedingt sehen. Mich hat das geographisch und stilistisch etwas Abgelegene schon immer fasziniert.

 

Zunächst grundsätzlich: Romanische Architektur ist vielseitig, auch im Bautypus. Sie hat uns neben vielen Längsbauten auch Zentralbauten hinterlassen, rund oder polygonal, sowie die Kombination von beiden, wie >St. Maria im Kapitol in Köln.

 

Zentralbauten finden sich in allen Gegenden und zu allen Zeiten. In der Regel sind sie zweckgebunden, sei es als Taufkirche, Krypta, Grabkirche (Grabmal Theoderichs des Großen) oder Herrscherkirche (Pfalzkapelle Karls des Großen).

 

Über die Gründe für den kreisförmigen Grundriß der Bornholmer Bauten ist viel diskutiert worden. Hier mein Beitrag:

 

Zunächst ist der Kreis mit viel Symbolik behaftet. Er steht für das Ewige, Absolute und für das Himmlische. Mittelalterlichen Menschen war das sehr bewußt. Auch ist ein runder Bau verteidigungstechnisch optimal. Die stärksten Teile einer Stadtmauer waren die Rundtürme. Dann fallen mir in diesem Zusammenhang die runden Kirchtürme in Irland ein (ab 10. Jh.) und die frühen Campanile in Italien (San Apollinare Nuovo). Gründe genug also für den kreisförmigen Grundriß.

 

 

Baustil

Drei der vier Rundkirchen sind Wehrbauten. Das macht sie so interessant. Der Stil ist eindeutig romanisch, mit starken Mauern, vielen Rundfenstern und –portalen, Ringtonnen, großen Rundbogen innen. Kein Spitzbogen, kein Rippengewölbe erinnerte mich an die Gotik bei meinem Besuch. Ich erwähne das deshalb, weil Haagensen von gotisch/romanischer Architektur spricht. Nur die Fresken sind wohl frühgotisch.

 

Einige Merkmale haben alle vier Kirchen gemeinsam: Getrennte Eingänge für Frauen und Männer, kräftige Mittelpfeiler stützen alle Stockwerke und tragen im Erdgeschoß eine Ringtonne, für den Bau wurden heimischer Granit und Feldsteine verwendet, die Mauern werden jährlich geweißt. Alle Kirchen sind umgeben von schönen und außerordentlich gepflegten Friedhöfen.

 

Im Gegensatz zu den Kirchen haben die frei stehenden Glockentürme quadratischen oder rechteckigen Grundriß.

 

Entsprechend ihrer Funktion bestand bei den Wehrbauten das oberste Stockwerk aus einer Plattform evtl. mit Wehrgang und flachem Dach. Die heutigen Dächer sind neuzeitlich.

 

Funktion und Ursprung

Der Ursprung scheint im Dunklen zu liegen. Nicht einmal alle Baudaten sind eindeutig. Man spricht von einer Zeitspanne zwischen 1150 und 1250. Wer waren die Erbauer?

 

In ihrem bemerkenswerten Buch bringen Haagensen und Lincoln Templer und baltische Kreuzzüge mit den Rundkirchen in Verbindung.

 

Laon, (F) Templerkapelle

 

Die Kirchen auf die Templer zurückzuführen, finde ich verführerisch, aber sehr problematisch. Es war der Schwertbrüderorden, auf den die Autoren offensichtlich anspielen. Der wurde 1202 in Riga gegründet. Er hatte zwar den Templerorden zum Vorbild und auch dessen Ordensregeln, die aber galten auch für den Deutschen Ritterorden.

 

Die Schwertbrüder waren keine Templer, und schon im Mittelalter wurde Vorsorge gegen Verwechslungen getroffen. In einer Bulle des Papstes Innozenz II. wird bestimmt, daß die Schwertbrüder das Abbild eines Schwertes auf dem weißen Mantel tragen sollten, um sich dadurch von den Templern abzuheben. Die ersten Schwertbrüder waren Deutsche, während der Templerorden von Franzosen gegründet wurde. Eine Verbindung der Schwertbrüder nach Frankreich ist nicht festzustellen. Anderseits hat es für den Templerorden nach Sippel keine Aktion im Ostseeraum gegeben.

 

Crypta de la Crèche, Saint Michel de Cuxa (F)

 

Das Architekturargument ist angreifbar. Nicht alle den Templern zugeschriebene Kapellen haben einen runden Grundriß oder waren Zentralbauten. Nach Demurger – der Historiker hat lange wissenschaftlich über die Templer gearbeitet – sind Kirchen mit zentralem Grundriß, egal ob rund oder polygonal, in der Sakralarchitektur der Templer die Ausnahme und keine Spezialität dieses Ordens. In Laon ist die Templerkapelle jedoch achteckig.

 

Rundkirchen mit Mittelpfeiler und Ringtonne wurden schon früh gebaut, z.B. im Kloster Saint Michel de Cuxa, in den Pyrenäen, etwa 100 Jahre vor Gründung des Templerordens.

 

Doch selbst wenn die Templer keine Rolle spielen, ist nicht ausgeschlossen, daß während des Kreuzzuges ins Baltikum (etwa von 1170 – 1225) diese Bauten von anderen Kreuzfahrern als Vorratshäuser und Stützpunkte genutzt und vielleicht sogar errichtet wurden. Vom Zeitfenster her würde das passen. Und da Steinbauten teuer waren, nutzte man die Gebäude gleichzeitig als Kirchen für Bewohner Bornholms und Reisende.

 

Auch die Abwehr wendischer Piraten könnte ein Grund für die Errichtung der Kirchen in dieser Form gewesen sein. Nicht ausgeschlossen, daß mehrere Gründe zusammen kommen.

 

Die einzelnen Kirchen

Ny Kirche in Nyker

Sie liegt nordöstlich der Inselhauptstadt Rönne und ist die Kleinste und Jüngste. Hinz sieht sie als einzige nicht als Wehrkirche an, weil ohne Wehrgeschoß. Sie wurde im 13. Jh. erbaut.

 

Der Eingang liegt zur Straße hin. Eine kleine rechteckige Vorhalle mit Staffelgiebel und Satteldach empfängt den Besucher.

 

Um etwa 90° versetzt ein kleiner Rechteck-Chor mit Satteldach und halbrunder Apsis. Durch 3 schmale, schräg in die dicke Mauer geschnittene Rundbogenfenster fällt Licht auf den Altar.

 

Nyker Kirche
 
Nyker, Turm mit Anbau

 

Der Unterbau des abseits stehenden rechteckigen Turmes ist massiv gemauert. Die erhöht liegende Eingangspforte diente besserer Verteidigung. Das obere Stockwerk wurde in Fachwerk ausgeführt.

 

Die Mittelsäule zeigt als Kapitellersatz sehr schöne Fresken aus der Leidensgeschichte Christi. Weitere Malereien schmücken zum Beispiel den großen Rundbogen, der zum Chor führt.

 

Malerei an der Mittelsäule, 13. Jh.

 

Olsker Kirche – St. Olskirche

Sie liegt im Norden der Insel. Olav der Heilige von Norwegen ist der Namenspatron. Vielleicht war er die christliche Entsprechung des germanischen Thor. Der ist jedenfalls an einer der Zugangsbauten vertreten.

 

Diese Kirche soll um 1150 erbaut worden sein. Sie ist mit 26 Metern die höchste der vier Bauten. Weil auch auf einer 100 m hohen Erhebung errichtet, hatten die Verteidiger gute Sicht. Schießscharten unter der Traufe zeugen von Verteidigungsbereitschaft im 12. Jh.

 

Thor-Symbol mit Axt, eine Schlange zertretend
 
 
Rundkirche Olsker mit Vorhalle und „Turm“ am Giebel der Eingangspforte

 

Die roten Ziegel des Satteldaches der rechteckigen Vorhalle setzen einen freundlichen Farbfleck inmitten der Weiß-, Schwarz -und Grautöne der übrigen Gebäude.

 

Wie auch bei der Nykirche ist der Chor, auch hier mit halbrunder Apsis, um etwa 90° vom Eingang versetzt angebaut.

 

Die beiden Stützpfeiler waren im 19. Jh. wegen des unsicheren Untergrundes erforderlich.

 

Der rechteckige Glocken“turm“, auch hier mit gemauertem Untergeschoß, liegt direkt an der Straße.

 

Beim typischen Mittelpfeiler dehnt sich die Malerei auf die Ringtonne aus. Die nachgebaute enge Treppe mit versetzten Stufen unterstreicht die Funktion als Wehrbau.

 

Olsker Kirche, Mittelpfeiler
 
 
Treppe (nicht original) zu oberen Stockwerken

 

Nach einem Aufstieg in das obere Stockwerk können sich die Besucher in etwa einen Eindruck von der Situation im Verteidigungsfall machen. Die Schießscharten lassen Dämmerlicht in den urigen Raum. Auf dem Mittelpfeiler ruht eine phantasievolle Sparrenkonstruktion, mittelalterlich aussehend, obwohl erst später eingebaut.

 

Olsker, Obergeschoß
 
 
Olsker, Sparrenwerk Dachgeschoß

 

Rundkirche in Nylars, dem Hl. Nikolaus geweiht

Sie liegt im Südosten von Rönne, soll die schönste der vier Kirchen sein und wurde relativ früh, in der Mitte des 12. Jh., erbaut. Ein roter Farbtupfer auch hier - das Satteldach des Turmes.

 

Kirche in Nylars mit Turm und Friedhofsmauer

 

Gemeinsam hat sie mit den drei bisher besprochenen Kirchen einen Durchmesser von 11 m und natürlich auch die Mittelsäule, die besonders reich bemalt ist und unten mit einem Rundbogenfries abschließt.

 

Mittelpfeiler, unten Rundbogenfries, Erschaffung Adams und Evas, Sündenfall
 
 
Vertreibung

 

Im Vorraum befinden sich einige Runensteine. Der größte ist fast 3 m hoch. Die Runen sind im christlichen Symbol des Kreuzes angeordnet, an dessen Fuß sich eine Schlange bewegt.

 

Runenstein, am Fuß des Kreuzes eine Schlange, 11. Jh

 

Die Rundkiche von Österlars

Im Norden der Insel liegend ist sie ist die Größte und gleichzeitig Älteste. Sie wird jährlich von über 100.000 Interessierten besucht. Ihr Patron ist der Hl. Laurentius.

 

Von außen fallen die mächtigen Stützen auf, die wohl neuzeitlich sind, ebenso wie das heutige Dach aus dem 18. Jh.. Der Chor ähnelt den anderen, ist aber unverputzt und weist mit unbeholfen gearbeiteten Lisenen und Rundbogenfries typisch romanische Merkmale auf.

 

Rundkirche Österlars

 

Innen hat der übliche Mittelpfeiler einen viel größeren Durchmesser als der der anderen Kirchen und kann durch eine Rundarkade betreten werden. Dadurch entsteht, verglichen mit den übrigen Kirchen, ein völlig anderes Raumgefühl.

 

Begehbarer Mittelpfeiler
 
 
Detail Mittelpfeiler - Kreuzabnahme

 

Auch in dieser Kirche haben Runensteine überlebt, wohl aus der Mitte des 11. Jh.

 

Runenstein mit Kreuzsymbol

 

Ein Besuch der Rundkirchen lohnt sich für jeden. Für mich haben sie eine ganz besondere Ausstrahlung.

 

 

 

 

Literatur

Binding Günther: Architektonische Formenlehre, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998 – S.13ff.

Biedermann, Hans: Knaurs Lexikon der Symbole, München, Droemer/Knaur, 1989  - S. 246f.

Demurger, Alain, Die Templer, Aufstieg und Untergang, Verlag C.H. Beck, München, 1991, S. 159ff.

Haagensen, Erling und Lincoln, Henry, The Templars’ Secret Island, The Windrush Press, Gloucestershire, 2000, S. 15ff.

Jaspert, Nikolaus, Die Kreuzzüge, Hrsg. Martin Kintzinger, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2003

Pistohlkors, Gert von, Deutsche Geschichte im Osten Europas, Baltische Länder, Siedler Verlag, Berlin, 1992

Sippel, Hartwig, Die Templer, F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, Wien, München, 1996

 

Netz

http://books.google.de/books?id=m7gjpGIdeAIC&pg=PA96&lpg=PA96&dq=Rundkirchen+bornholm&source
Neumann, Sabine, Schwarz, Horst, Bornholm, S. 96f.

http://books.google.de/books?id=wt2OmJaGuIYC&lpg=PA166&dq=bornholm%20rundkirchen
Hinz, Hermann, Die ostskandinavischen Wehrkirchen, S. 166,
Château Gaillard, Etude de Catellogie, 1982, Actes du Colloque International tenu à Karrebaeksminde (Danmark)

http://www.festsange-cordua.dk
Homepage Jean Cordua

http://www.schwertbrueder.at/cms/website.php?id=/de/index/prinzipien_und_regeln.htm
Orden der Schwertbrüder Christi

http://www.bernievancastle.de/index.php?option=com_content&view=article&id=780
Burgen und Stadtmauern in Europa

http://www.bornholm-ferien.de
Bornholm, Dänemark

http://www.ny-kirke.dk

http://www.ferienhaus-bornholm.com/bornholm-rundkirchen.html
Rundkirchen auf Bornholm

http://graildiary.blog.de/2006/10/19/bornholm_rundkirchen_templer_und_der_gra~1239944/
Der „Heilige Gral“ – Neuigkeiten und Notizen

 

 

Eigene Beobachtungen