lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
 

sakralarchitektur

Ottonische Kirchen

 

In dieser mir besonders am Herzen liegenden Epoche entstanden im Herrschaftsgebiet der sächsischen Kaiser wunderbare Bauten, die auch durch ihre Ausstattung erstaunen. In einer politischen und künstlerischeren Aufbruchstimmung wurden entscheidende Neuerungen geschaffen, wie das gebundene System oder die ausgeschiedene Vierung, ohne die man sich romanische Basiliken und gotische Kathedralen nicht vorstellen kann...

 

 

 

 

Stiftskirche Sankt Cyriakus, Gernrode

Stiftskirche Sankt Cyriakus, Gernrode

 

Die berechtigte Sorge eines mittelalterlichen Schlagetots um sein Seelenheil bescherte uns eines der schönsten Beispiele ottonischer Architektur. Sankt Cyriakus ist in vieler Hinsicht ein Bau der Superlative, den der Laie im Harzstädtchen nicht erwartet. Die reiche Ausstattung der Emporenbasilika mit Arkaden, Kapitellen und einem Heiligen Grab kontrastiert mit den dunklen, weihevollen Krypten. weiter >>


Sankt Pantaleon, Köln

St. Pantaleon, Köln

 

Im monumentalen Westbau zwischen alten Bäumen ruht seit über tausend Jahren eine jung gestorbene deutsche Kaiserin, deren Wiege in Byzanz stand. Hier in Sankt Pantaleon zu Köln wartet Theophanu im weißen Marmorsarkophag auf Auferstehung und Jüngstes Gericht. weiter >>


St. Michael, Hildesheim

 

Man sieht es dem mächtigen, so ganz irdischen Bau nicht an, aber Engel spielen eine große Rolle in Konzeption und Architektur. Nicht nur der Anführer der Himmlischen Heerscharen breitet als Patron seine mächtigen Flügel aus, auch Seraphim, Cherubim und ihre Helfer werden hier zitiert - in einer Architektur, die ihresgleichen sucht. weiter >>

 

 

 

 

Ottonische Kirchen (Fortsetzung)

...Bei dem Versuch, über ottonische Architektur zu schreiben, stockt der Laie schon bei der Frage, ob der Begriff "Ottonik" wirklich eine Stilepoche mittelalterlicher Sakralarchitektur deutlich abgrenzt, oder ob diese der karolingischen Architektur folgende Entwicklung noch der Vorromanik oder schon der Frühromanik zuzurechnen ist.

 

Was sagen also die Experten? Die Antworten sind – eigentlich erwartet – unterschiedlich.

 

Ich will das nicht vertiefen, sondern habe mich entschlossen, die "Ottonik" separat abzuhandeln. Sie ist eine klar definierte Form des Übergangs zwischen karolingischer Architektur und Romanik, die sich regional, mit Ausnahmen, auf den unmittelbaren Herrschaftsbereich der sächsischen Könige und Kaiser beschränkt - den Norden des ehemaligen ostfränkischen Reiches. Darüber hinaus hat sie eine Vielzahl schon in karolingischer Zeit vorhandener Stilelemente zu großartiger Einheit auf hohem Niveau zusammengefasst und durch Weiterentwicklungen ergänzt.

 

Die zeitlichen Grenzen sind nicht genau definiert. Es erscheint mir zu einfach, die Epoche 919 mit dem ersten sächsischen König, Heinrich I., beginnen zu lassen. Die Dynastie begann inmitten der "dunklen hundert Jahre", die ab etwa 860 mit den Wikinger- und Ungarnüberfällen begannen. Der Dynastie-Gründer legte mit Befestigungen, Heeresreform und ersten militärischen Erfolgen die entscheidenden Grundlagen für den Sieg seines Sohnes Otto I. über die Ungarn 955 auf dem Lechfeld bei Augsburg. Damit war die Geißel der Ungarnüberfälle, die Mittel-, Süd- und Westeuropa verwüstet hatten, unwiderruflich beendet. Erst jetzt hatten Kaiser, Adel und Klerus Geld und Kraft für große Kirchenbauten und die Entwicklung eines neuen Architekturstiles. Hier zeigt sich einmal mehr, wie sehr Geschichte und große Kunst mit einander verwoben sind.

 

So denke ich, dass man den Anfang dieses Stils auf die Mitte des 10. Jh. festlegen sollte. Das deckt sich mit dem Beginn des ersten Großbaues dieser Epoche, des romanischen Doms zu Magdeburg (955).

 

Nach dem Tode des letzten Kaisers aus sächsischem Geschlecht, Heinrichs II. (1024), klingt die Ottonik aus und geht im Deutschen Reich in die Romanik der Salierzeit über.

 

Beispiele einer so klar umgrenzten Gruppe von Kirchenbauten in anderen Ländern sind aus der besprochenen Zeit nicht erhalten.

Die asturische Präromanik endete Anfang des 10. Jahrhunderts.

 

In Frankreich entwickelten sich regionale Stile, u.a. in Burgund, im Roussillon und in der Normandie, dort wegweisend für die romanische Architektur Englands nach der normannischen Eroberung. Auf der iberischen Halbinsel blühten im Süden islamische Baukunst und der Mischstil der Mozaraber, im christlich beherrschten Norden gab es französische Einflüsse. Italienische Architektur dieser Epoche war im Süden von islamischer und normannischer Architektur, im Osten von byzantinischen Formen beeinflusst.

 

Die ottonische Architektur schöpft aus den Leistungen der vorhergehenden karolingischen. Sie übernimmt Doppelchor, Westwerk (>Corvey) und Krypta und entwickelt sie weiter.

 

Daneben gibt es in geringerem Umfang byzantinische Einflüsse vor allem durch die Heirat Ottos II. mit Theophanu.

 

Aber die Ottonik schafft auch wegweisend Eigenes. Der Innenraum wird von Emporen belebt, ebenso vom Stützenwechsel, bei dem sich in den Arkaden der Basiliken Säulen und Pfeiler ablösen. Dem genialen Bischof Bernward von Hildesheim verdanken wir die Weiterentwicklung des Würfel-Kapitells.

 

Die wichtigste Neuerung ist aus meiner Sicht die Entwicklung der Vierung. Die Grundrisse aller Bauglieder der Kirchen entsprechen nun in der Regel dem Maß des Vierungs-Quadrats. Alle Joche des Mittelschiffes und die der Querhäuser haben dieses Maß, ebenso das Chorquadrat. Die Breite der Seitenschiffe entspricht der Hälfte des Grundrißbausteins. Die Kunsthistoriker bezeichnen das strenge Schema als "gebundenes System". Es ist wegweisend und vorherrschend für die romanischen Basiliken in Europa. Bögen gleicher Höhe und Breite zwischen verstärkten Pfeilern unterstreichen die Bedeutung der Vierung. Sie hebt sich nun als "ausgeschiedene" Vierung deutlich von den umgebenden Baukörpern ab. St. Michael in Hildesheim ist dafür das älteste Beispiel.

 

Auch aus dieser Epoche sind viele Bauten untergegangen, wie der schon erwähnte Magdeburger Dom, der Vorgänger des heutigen gotischen. Aber Bemerkenswertes ist geblieben, z.B. St. Cyriakus in Gernrode, der älteste erhaltene Bau (ab ~960) und St. Michael in Hildesheim, (1010-1031) den Koch den Prototy einer ottonischen Basilika nennt. Hier ist alles zu sehen, was ottonische Kirchen sehenswert macht.

 

Die Wölbung wurde noch nicht weiter entwickelt. Die Baumeister begnügten sich weiterhin mit der Einwölbung kleinerer Räume, wie Krypten und Seitenschiffe mit Ausnahme der Bartholomäus-Kapelle.

 

Auch die Bauplastik spielte in der Ottonik keine große Rolle.

 

Nicht vorbeigehen dürfen wir an den Bronzegüssen. In Hildesheim begegnen wir mit Bernwardsäule und den in einem Stück gegossenen bronzenen Türflügeln unübertroffenen Meisterwerken.