lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

 Karolingisch

Torhalle Lorsch

Nicht einmal Ruinen blieben von den meisten der über vierhundert im karolingischen Reich gegründeten Klöster. Ein Juwel unter den wenigen erhaltenen Repräsentationsbauten steht im Odenwald.

 

Tor-Halle Lorsch
Festsaal über offener Halle...

 

Von den wenigen erhaltenen karolingischen Bauten befinden sich allein drei in Südhessen, im Umkreis von ca. 50 km, davon zwei wichtige.

 

Neben der Basilika in Steinbach/Michelstadt ist der zweite Bau die sogenannte Torhalle des ehemaligen Klosters Lorsch. Es ist, zusammen mit Kloster Altenmünster Weltkulturerbe der UNESCO.

 

 

Geschichte, Funktion

Die Quellen geben wenig her zu diesem Bau. Die Bezeichnung "Torhalle", allgemeine Funktion und Datierung werden kontrovers diskutiert.

 

Tor-Halle Lorsch
...reich dekoriert, mit zwei schlichten Treppentürmen.

 

In den mir vorliegenden Texten rücken die meisten Autoren vom Begriff "Torhalle" ab, denn der Bau stand hinter der Klostermauer im Atrium der Kirche. Damit stellt sich wieder die Frage der Funktion. Darüber schweigen die Fachleute entweder oder sie spekulieren in Richtung "Königliche Triumphpforte" oder "Triumphbogen" als Symbol des Sieges über die Sachsen. Dehio vermutet u.a. eine Gerichtsstätte.

 

Einig sind fast alle in der Datierung (um 800). Nur Wolfgang Kaiser sieht 774 als Baujahr.

 

Das um 760 gegründete Kloster war bedeutend und durch Schenkungen reich geworden. Ludwig der Deutsche, dessen Sohn und Enkel fanden hier ihre letzte Ruhestätte. Heute steht von der ehemals großen Anlage fast nur noch die Halle, einsam und prächtig.

 

Das Bauwerk ist in der karolingischen und romanischen Architektur einzigartig, jedenfalls nördlich der Alpen. Beim ersten Anblick ist man versucht, es als "antik" abzuhaken. Es erinnert schon sehr an römische Triumpharchitektur, obwohl dort der mittlere Bogen größer und der Durchgang gewölbt war. Manche Experten sehen auch andere Einflüsse.

 

Architektur, Dekoration

Der Bau als solcher ist schnell erfaßt. Eine rechteckige offene Durchgangshalle wird von 2 Arkaden mit je 3 großen Rundbogen-Öffnungen zwischen kräftigen Pfeilern mit vorgesetzten Halbsäulen begrenzt.

 

Tor-Halle Lorsch
Offene Halle mit Balkendecke

 

Darüber liegt ein niedriger Saal, mit einer Halbtonne geschlossen, die eine frühere Flachdecke bzw. einen offenen Dachstuhl ersetzte. Das heutige gotische Steildach stammt vom Ende des 14. Jh.. Der Zugang zum Saal ist durch 2 Treppentürme möglich, von denen der nördliche 1935 erneuert wurde.

 

Leider war bei meinem Besuch keine Besichtigung möglich. Die Wände des 10 x 7 m großen Raumes sind neben Fresken aus dem 14. Jh. mit Resten von Scheinarchitektur geschmückt, die wahrscheinlich karolingisch sind. Damit ist der Saal eines der ganz wenigen erhaltenen Beispiele von "Innenarchitektur" damaliger Repräsentationsräume. Jean Hubert schlägt eine Funktion als Empfangsraum des Kaisers oder als Audienzhalle des Abtes vor. Dethard von Winterfeld kommt auch eine germanische Königshalle, wie im asturischen Oviedo in den Sinn.

 

Der Raum diente auch als Kapelle. Ob sie dem Erzengel Michael geweiht war, oder der Muttergottes, wie Dehio berichtet, sei dahingestellt.

 

Zur Außen-Dekoration fiel mir zuerst die Farbigkeit auf. Hier hat sie sich, im Gegensatz zu anderen mittelalterlichen Gebäuden erhalten, weil die Steine der Verkleidung nicht bemalt sondern "durchgefärbt" sind. Der schon zitierte Wolfgang Kaiser fühlt sich an Byzanz erinnert.

 

Ich besuchte später die merowingischen Krypten in Jouarre (Champagne) und fand eine ähnliche Mauer, wenn auch längst nicht so gut erhalten.

 

Tor-Halle Lorsch
Dreiecksgiebel, kannelierte Pilaster.

 

Die intensive Beschäftigung mit diesem Bau zeigte mir wieder einmal, wie oberflächlich ich sehe. Obwohl auf Fotos oft und auch im Original betrachtet, fiel mir erst spät auf, daß die bunten Zierplatten in systematischer Folge angebracht sind: Quadrat, Raute, Sechseck (von unten nach oben).

 

Die reiche Dekoration beginnt im Untergeschoß u.a. mit Kapitellen, deren Qualität sehr gelobt wird und die jedenfalls keine Spolien sind.

 

Tor-Halle Lorsch
Akanthus-Kapitell auf Pilaster.

 

Auffällig am oberen Bau sind die vorgeblendeten spitzen Dreiecksgiebel auf kannelierten Pilastern mit flachen Kapitellen - eine ungewöhnliche Kombination. Normalerweise würde man Rundbögen oder Architrave erwarten. Einige Autoren sehen altchristliche Sarkophage als Vorlage. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß hier eine Gliederung des damals noch vorherrschenden Holzbaus übernommen wurde (Spitzgiebel). Kubach weist auf Earl's Barton hin. Der dortige Turm zeigt außen ähnliche Spitzgiebel-Ornamente. Für Albrecht Haupt sind sie, wie könnte es anders sein, germanischen Ursprungs. Überhaupt wird in der Literatur zu frühmittelalterlichen Steinbauten den Zierformen des Holzbaus zu wenig Beachtung geschenkt ist.

 

Die Halle ist alles in allem ein ungewöhnliches Beispiel karolingischer Architektur, originell und fremdartig in dieser Region.

 

Unesco Weltkulturerbe

 

 

Literatur:

Barral i Altet, Xavier, Von der Spätantike bis zum Jahr 1000, in: Frühes Mittelalter, Stierlin, Heinri (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1997

Dehio, Georg, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Hessen, Bearbeitung: Backes, Magnus, Deutscher Kunstverlag, München, 1982,

Fillitz, Hermann, Das Mittelalter I, in: Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990,

Grodecki, Louis/Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst - Monumente des Abendlandes, Busch, Harald/Lohse Bernhard (Hrsg.), Umschau-Verlag, Frankfurt am Main, 1967

Haupt, Albrecht, Kunst und Baukunst der Germanen, Leipzig, Reprint-Verlag, Reprint der Originalausgabe von 1909

Hubert, Jean/Porcker, J./Volbach, W.F., in: Universum der Kunst – Die Kunst der Karolinger, Malraux, André/Parrot, Andrè (Hrsg.), Verlag C. Beck, München, 1969  

Kaiser, Wolfgang, Romanische Architektur in Deutschland, in: Romanik, Die Kunst der Romanik, Hrsg. Toman, Rolf, Könemann-Verlagsgesellschaft mbH, Köln, 1996

Kiesow, Gottfried, Romanik in Hessen, Konrad Theiss Verlag GmbH., Stuttgart 1998,

Kiesow, Gottfried, MONUMENTE – Magazin für Denkmalkultur in Deutschland, 13. Jahrgang, Nr. 9/10,

Kubach, Hans Erich, Architektur der Romanik, in: Weltgeschichte der Architektur, Nervi, Pier Luigi (Hrsg.), Belser Verlag, Stuttgart, 1974

Winterfeld, von, Dethard, Romanik am Rhein, Stuttgart, Konrad Theiss Verlag, 2001

 

Eigene Beobachtungen