lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

Karolingisch

St. Johann, Müstair

In einem einsamen Tal Graubündens hat eine der wenigen erhaltenen karolingischen Saalkirchen Bergwintern und Abriß getrotzt. Und: In ihren Mauern schlummerten, jahrhunderte lang unentdeckt, Fresken unter altersschwarzem Putz. Sie sind, trotz der Zerstörungen durch spätmittelalterliche Bauwut, einzigartig.

 St. Johann, Müstair (Graubünden)

Apsiden und Langhausgiebel

 

Bei der geringen Zahl der erhaltenen Bauten in Europa überrascht es schon, wenn man in entlegenen Alpentälern auf, wenn auch umgebaute, karolingischen Kirchen trifft.

 

Neben dem hier besprochenen Bau gibt es in der Nähe Kirchlein in Mals und Naturns mit bedeutenden Fresken. Der obere Vinschgau ist überhaupt eine Region, in der Natur und Kunst in schöner Harmonie leben.

 

Das ursprüngliche Benediktiner Herbergskloster Müstair, auf 1250 m ü. M. gelegen, 805 erstmals erwähnt, soll auf Karl den Großen zurückgehen. Der Legende nach wurde es nach glücklicher Überquerung der Alpenpässe im letzten Viertel des 8. Jh. gegründet. Nach einer anderen Version soll die Anlage durch den mit der Sicherung der Alpenpässe betrauten Bischof von Chur gegründet worden sein. Ist das Patrozinium des Wüstenheiligen ein dezenter Hinweis auf die weltferne Lage?

 

Architektur

Die Saalkirche wurde aus Bruchsteinen errichtet und innen und außen verputzt. Sie liegt heute unauffällig inmitten eines großen Kloster-Areals mit einer Reihe weiterer – u.a. auch mittelalterlicher - Bauten.

 

Bauhistorisch ist St. Johann - interessant, weil sie neben den bekannten Basiliken (z.B. Steinbach/Michelstadt) und Zentralbauten (z.B. Aachen, Fulda) den dritten Bautypus karolingischer Architektur zeigt – die einschiffige Saalkirche.

 

Anders als bei den bescheidenen Saalkirchen im Vinschgau wird die mittlere Apside von 2 kleineren flankiert. Alle sind mit hohen Blendbögen und je einem Rundbogenfenster geschmückt. Blendbögen und Traufengesimse sind farbig gefaßt.

 St. Johann, Müstair (Graubünden)Spätgotisches Rippengewölbe.

 

Im Gegensatz zum Südannex ist der Nordannex mit Apsidiole erhalten. Vor der Südwand ragt ein rechteckiger spätgotischer Turm auf.

 

Im Norden wird die Kirche bedrängt durch den "Planta-Turm," einen Bau aus dem Jahre 957/58, den die Äbtissin Angelina Planta um 1500 als Wohnturm einrichtete und mit Zinnen versehen ließ.

 

Sie war es auch, die 1492 die flach gedeckte Saalkirche durch den Einbau zweier Säulenreihen zur gotischen Hallenkirche umbaute. Die unter der alten Holzdecke angebrachten Rippengewölbe verringern die Höhe des Raumes und verdunkeln ihn durch teilweise zugemauerte Fenster. Zusätzlich wurde vor der Westwand eine Nonnenempore errichtet, denn aus dem Männerkloster war im 12. Jh. ein Benediktiner Nonnenkloster geworden und ist es noch heute.

 

Der Raumeindruck des karolingischen Baus, ohne störende Säulen und Nonnenempore, ist verloren gegangen. Die architektonischen "Zutaten" aus der Spätgotik stören. Wieviel besser hätte man sich auf die überwältigenden Wandmalereien in einem schlichten, höheren und besser beleuchteten Raum einstellen können?

 St. Johann, Müstair (Graubünden)Teil der Bildtafeln Seitenwand (karolingisch).

 

Wandmalereien

Wie auch immer, die karolingischen und romanischen Wandmalereien lohnen den Besuch dieser 1200 Jahre alten Kirche. Der karolingische ist nach Ehrenfried Kluckert der am besten erhaltene Freskenzyklus dieser Zeit.

 Außer an diesem Ort hat man heute das Erlebnis einer fast gänzlich ausgemalten mittelalterlichen Kirche nur selten, z.B. in Oberzell auf der Reichenau oder in der Basilika in Assisi. Dort sah ich erstmals eine "bunte" Kirche und war irritiert, obwohl der Verstand wußte, daß sich früher praktisch alle mittelalterlichen Kirchen dem Besucher so darstellten. Mein Sehen war geprägt durch die vielen heute steinsichtigen, "nackten" Kirchenräume, in denen nichts von der Architektur ablenkt.

 

St. Johann, Müstair (Graubünden)
Mittelapsis: Christus in der Glorie (karolingisch).

 

In Müstair waren ursprünglich alle Wände bemalt, dazu die Apsiden. Warme rot-braun Töne sind das gemeinsame Merkmal der früher mehr als 80 Bilder.

Leider sind die Bilderfolgen an der Südwand durch Umbauten fast alle zerstört, an der Nordwand teilweise erhalten. Sie berichten vom Leben Jesus Christus.

 St. Johann, Müstair (Graubünden)Fresken in der...

 

Auch an der Westwand ist durch Einbau der Empore und gotischer Fenster viel verloren gegangen, doch ist das Jüngste Gericht noch zu erkennen, nach Hermann Fillitz die älteste Darstellung dieses Themas in der abendländischen Kunst.

 

Gegenüber finden wir u.a. den Thronenden Christus in der Mittelapsis, die Apostel Petrus und Paulus in der Nordapsis. Die hier gezeigte Südapsis ist dem Hl. Stephanus geweiht.

 

St. Johann, Müstair (Graubünden)
...Südapsis.

 

Es ist erschreckend zu sehen, mit welcher Rücksichtslosigkeit im 15. Jh. – aber auch zu anderen Zeiten – umgebaut wurde. Die Wandmalereien waren beim Umbau der Kirche immerhin rund 700 Jahre alt. Gut möglich, daß das der Abtissin Planta unbekannt bzw. gleichgültig war. Wahrscheinlicher, daß sie den alten Bau – zum eigenen Ruhme - "modernisieren" wollte.

 St. Johann, Müstair (Graubünden)Stuckplastik Karls des Großen

 

Die meisten Fachleute sind sich einig, daß die karolingischen Fresken von oberitalienischen Wandermalern geschaffen wurden. Sie sehen vor allem Einflüsse der byzantinischen Kunst und der römischen Antike.

 

Die spätromanischen Malereien des 12. Jh. in den unteren Zonen der Apsiden heben sich bei teilweise gleicher Thematik, höfisch geprägt, deutlich von den karolingischen ab. Es ist interessant, im direkten Vergleich zu sehen, wie sich der Stil nach 400 Jahren verändert hat, entsprechend dem nun "moderneren" Zeitgefühl. Verdeckt von den romanischen Fresken vermutet man noch solche aus der karolingischen Epoche.

 

Im Osten, zwischen Mittel- und Südapsis, betrachtet ein lebensgroßer Karl aus Stuck seit etwa 1165 das Treiben in der von ihm angeregten oder gestifteten Kirche.

 

WELTKULTURERBE DER UNESCO

 

Literatur

Barral i Altet, Xavier, Von der Spätantike bis zum Jahr 1000, in: Frühes Mittelalter, Stierlin, Heinri (Hrsg.), Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1997

Fillitz, Hermann, Propyläen Kunstgeschichte, Das Mittelalter I, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990,

Grodecki, Louis/Wagner, Eva-Maria, Vorromanische Kunst - Monumente des Abendlandes, Busch, Harald/Lohse Bernhard (Hrsg.), Umschau-Verlag, Frankfurt am Main, 1967 Müller,

Kluckert, Ehrenfried, Baustilkunde des romanischen Sakralbaus. In: Die Kunst der Romanik, Toman, Rolf (Hrsg.), Könemann-Verlagsgesellschaft mbH, Köln, 1996

Müller, Iso, Pater, Dr., Weltkulturgut Kloster St. Johann Müstair, Verlag Schnell & Steiner GmbH, Regensburg, 1997

Pintarelli, Silvia Spada, Fresken in Südtirol, Hirma Verlag GmbH, München, 1997

Sennhauser-Girard, M./Sennhauser H.R./Rutishauser, H../Gubelmann, B., Das Benediktinerkloster St. Johann in Müstair, Graubünden,Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern, 1986

 

Eigene Beobachtungen