lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
 

sakralarchitektur

 

Gotische Kirchen

 

Die abfällige Bezeichnung italienischer Kunsthistoriker aus dem 16. Jh. wurde zum Inbegriff großer Baukunst, mit der das Mittelalter ausklang. Die Gotik löste die Romanik ab. Aus Bodenhaftung wurde Aufwärtsstreben, aus dämmrigem Geheimnis farbiges Licht, aus wuchtigen Mauern gläserne Wände...

 

 

 

 

 

 gotik start

 

 

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,

und bauen dich, du hohes Mittelschiff.

Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,

geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister

und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

 

Wir steigen in die wiegenden Gerüste,

in unsern Händen hängt der Hammer schwer,

bis eine Stunde uns die Stirnen küßte,

die strahlend und als ob sie alles wüßte

von dir kommt, wie der Wind vom Meer.

 

 

Dann ist ein Hallen von den vielen Hämmern

und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.

Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:

Und deine kommenden Konturen dämmern.

 

Gott, du bist groß.

 

Rainer Maria Rilke – Aus dem Stundenbuch

 

 

 

 

Gotische Kirchen (Teil 2))

 

Entstehung, Stil und Konstruktionsmerkmale

Die Abteikirche St. Denis, in einem Vorort von Paris, bzw. ihr Umbau etwa ab 1140, wird als der Ursprungsbau bezeichnet.

 

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Fensterrose Notre Dame de Paris

 

"Die Gotik war plötzlich da", liest man. Doch die wichtigsten Konstruktionselemente gotischen Bauens (Spitzbogen, Kreuzrippengewölbe und Strebewerk) waren bekannt und wurden individuell schon eingesetzt. (Decken und Gewölbe). Die Bemühungen um die Auflösung der Wand – ein wichtiges Ziel gotischer Baumeister - läßt schon die Romanik erkennen, zum Beispiel in den Klosterkirchen Wilhelm des Eroberers in Caen (2. Hälfte 11. Jh.). Es bedurfte anschließend nur eines genialen Baumeisters, die Konstruktionselemente zusammenzuführen.

 

Über den verfügte anscheinend Suger, einflußreicher Politiker und reicher Abt des Klosters Saint-Denis, Paris, das als Grablege der französischen Könige großes Prestige verlieh.

Die schriftlichen Aufzeichnungen Sugers über den Umbau der karolingischen Kirche sind erhalten. Er rühmt vor allem das Licht, Licht als Symbol des Göttlichen, als Verbindung zwischen himmlischer und irdischer Welt. Licht aber auch, um den Prunk der Ausstattung - gegen den sein Freund Bernhard von Clairvaux polemisierte - besser zur Geltung zu bringen...

 

 

 

 

 

 

St. Denis Paris

Stiftskirche Sankt Cyriakus, Gernrode

 

Während Saint-Denis, ein nördlicher Vorort, heute gelegentlich durch wenig erfreuliche Schlagzeilen von sich reden macht, war es im 12. Jh. ein befestigtes Städtchen, dem das Kloster, Grablege der französischen Könige seit dem 10. Jh., große Bedeutung verlieh. Die Herrscher des seit diesem Zeitpunkt regierenden Kapetinger-Geschlechts stützten sich um 1100 im wesentlichen auf das kleine Gebiet der Île-de-France rund um Paris.

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Notre Dame, Laon

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Hundert Meter hoch ragt der Kalksteinfelsen aus der Ebene der Picardie. Er trägt mit der Altstadt das größte Areal denkmalgeschützer Bauten Frankreichs und eine der schönsten frühgotischen Kathedralen, deren fünf Türme die alten Häuser überragen. Aus den beiden Westtürmen schauen 16 Ochsen ins Land.

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Kathedrale von Wells

 

Inmitten großer Rasenflächen bezeugt The Cathedral Church of St Andrew den Willen englischer Baumeister der in Frankreich gewachsenen Gotik mit Ideenreichtum und virtuosem Können ein eigenes Gepräge zu geben. Sie bieten dem Besucher einige ihrer charakteristischen Entwicklungen, wie Chapter House, Lady Chapel und - einmalig in der Architekturgeschichte - die berühmten Scherenbögen.

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Dom St. Mauritius und St. Katharina in Magdeburg

Ernst und altersgrau begrenzt der erste gotische Großbau Deutschlands den riesigen Magdeburger Domplatz im Süden, ein Kontrast zum hellen Barockensemble des Landtages auf der gegenüber liegenden Seite. Der Dom soll, wie schon sein Vorgänger, an die erste Kaiserdynastie des Reiches erinnern, die Ottonen.

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 Gotische Kirchen (Teil 3)

...Das Licht spielt in allen gotischen Kathedralen eine große Rolle. Riesige Fenster sind gefragt. Sie sind möglich durch den Einsatz von Kreuzrippenbogen, die den Seitenschub der Gewölbe punktuell auf die Wände bringen, was wiederum an diesen Stellen den Einsatz von Strebebogen über den Seitenschiffen verlangt. Sie geben den Druck weiter an um Schiff und Chor - mit Abstand zu den Mauern - herumgeführte Strebepfeiler.

 

Diese Strebewerke sind neben spitzbogigen hohen Gewölben, reich mit Statuen geschmückten Portalen und dem Maßwerk leicht erkennbarer typischer Bestandteil gotischen Kathedralen.

 

Suger konnte den Umbau der karolingischen Kirche nicht beenden, doch es war ein Startsignal. Innerhalb von 15 Jahren wurde in Nordfrankreich mit dem Bau von vier frühgotischen Kathedralen begonnen: Sens, Noyon, Senlis, Laon. Weitere, z.B. Notre Dame de Paris, folgten, ehe gotisches Bauen auf andere französische Regionen und auf andere Länder übergriff.

 

Ich stütze mich oben auf die eher konventionellen und konservativen Darstellungen in der den Laien interessierenden Literatur.

 

Es soll aber nicht verschwiegen werden, daß nicht nur der Zeitpunkt der Entstehung der Gotik, sondern auch andere grundsätzliche Fragen von Wissenschaftlern seit über 200 Jahren kontrovers diskutiert werden. Es geht zum Beispiel sehr vereinfacht darum, ob gotische Architektur ein reines Ergebnis der technischen Entwicklung war oder ob und in welchem Umfang philosophisch/theologische Forderungen, z.B. eine Lichtmystik, mehr Einfluß hatten.

 

An der wissenschaftlichen Diskussion sollte sich der Laie nicht beteiligen. Aber eine Meinung darf er haben. Für mich liegt der Schwerpunkt auf der technischen Entwicklung, basierend auf dem Erfindergeist und dem Ideenreichtum der Baumeister. Fraglos ist aber die Zunahme geistiger Aktivität in der Zeit ab Mitte des 12. Jh. nicht ohne Einfluß geblieben. Bauherren und Meister waren Kinder ihrer Zeit.

 

Im Norden Frankreichs waren auch die unabdingbaren politischen und ökonomischen Voraussetzungen für die in jeder Hinsicht gewaltigen Werke günstig.

 

Über die Frage nach dem „Warum?“ der schnellen Expansion darf auch der Laie nachdenken: Nach einer gewaltigen Anstrengung und 40-jähriger Bauzeit war 1130 die dritte riesige Klosterkirche in Cluny (Burgund), die größte romanische Kirche ihrer Zeit, geweiht worden. Hatte sich damit in Frankreich romanisches Bauen erschöpft?

 

In einzelnen Bereichen gab die Theologie Einfluß ab. Mit dem Aufkommen der Scholastik verlagerte sich Wissenschaft von den Klöstern auf die Universitäten. Aus mönchischen Baumeistern wurden bürgerliche.

 

Das französische Königtum erstarkte und schuf Sicherheit. Neue landwirtschaftliche Methoden und eine Klimaänderung schufen Wohlstand. Die Städte im Königreich (Île-de-France) wuchsen und mit ihnen der Bedarf an Kirchen.

 

In vieler Hinsicht bedeutete der Beginn gotischen Bauens einen Bruch mit der Vergangenheit. Die Antike und ihre Formen waren fern.

 

Es änderte sich die Organisation der Bauhütten. Ab etwa 1180 wurden Quader im Winter in beheizten Räumen „vorgefertigt“ und in der warmen Jahreszeit verbaut. Ganzjähriges Bauen verlangte vorausschauende Planung und neues Denken.

 

Ausbreitung

Die Gotik zog von der Mitte des 12. Jh. bis zum Ende des 16. Jh. ihre Bahn durch europäische Baustellen, beginnend in Frankreich und sich schrittweise ausbreitend in fast ganz Europa.

 

Zunächst kam sie mit dem Bau der Kathedrale von Canterbury, ab 1175, nach England.

 

Die Kunsthistoriker unterscheiden zwischen Frühgotik, Hochgotik und Spätgotik.

 

Im Geburtsland Frankreich wird etwa 500 Jahre gotisch gebaut. Man teilt die Epochen ein in Gothique primitif (Mitte 12. Jh.), ~classique bzw. ~rayonnant und Gothique flamboyant.

 

Erstes Maßwerk schmückte die Kirchen etwa ab 1200.

 

Die Engländer sprechen von Early English (2. Hälfte 12. Jh.), Decorated und Perpendicular, mit dem in der Mitte des 16. Jh. gotisches Bauen endet. In der Neuzeit jedoch entstanden teilweise spektakuläre Bauten im neo-gotischen Stil.

 

In Deutschland wurden die letzten romanischen Großbauten noch in der 1. Hälfte des 13. Jh. errichtet. Obwohl erste gotische Bauten mit dem Dom von Magdeburg, der Elisabethkirche in Marburg und der Liebfrauenkirche in Trier vorher entstanden waren, etablierte sich die Gotik endgültig erst 1248 mit der Grundsteinlegung des hochgotischen Kölner Domes.

 

In Italien faßte die Gotik nie richtig Fuß.

 

Entwicklungen

Fast alle gotischen Großkirchen sind von ihrer architektonischen Grundform her drei- oder fünfschiffige Basiliken.

 

Das Querhaus verliert nach und nach an Bedeutung und entfällt teilweise ganz, insbesondere in der oft einschiffigen Bettelordensarchitektur, zum Beispiel der Franziskaner, ab Mitte des 13. Jh. Der Verpflichtung zur Enthaltsamkeit fielen auch die Türme zum Opfer und wurden durch Dachreiter ersetzt.

 

In Regionen, denen es an Naturstein mangelte, wurden gotische Kirchen aus Backsteinen gebaut. Es entstand mit beachtlichen Bauten die deutsche Backsteingotik.

 

Große Hallenkirchen kamen auf, die in der Regel kein Strebewerk benötigten.

 

Der Drang, dem Himmel immer näher zu kommen, führte zu gewaltigen Leistungen, aber auch zu Katastrophen.

 

Die Kathedrale in Beauvais stürzte mehrfach ein. Sie rühmt sich aber immer noch mit einer Höhe von 48,5 m im Chor des höchsten Gewölbes der Welt und übertrifft Köln um ca. 3 m. Mit etwas über 161 m stellt auch der Westturm des Ulmer Münsters den höchsten Kirchturm und verweist Köln, wenn auch nur mit 4 Metern, auf den zweiten Rang.