lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

  Sakralarchitektur Einzelthemen

Mittelalterliche Gewölbe - Teil 1

Wenn Gläubige ihr Antlitz erheben, erwarten sie Pracht und Schönheit der symbolischen Himmel. In mittelalterlichen Kirchen gaben Baumeister, Zimmerleute und Maler für die Gestaltung von Holzdecken und Gewölben das Beste ihrer Kunst.

 

Erinnerungen an das Bauen in Stein blieben nach Abzug der Römer im Norden erhalten, und so finden sich heute vereinzelt frühe Steinbauten vom 4. bis 7. Jh.. Meist reichte das Können nur für kleine Gebäude oder für den Weiterbau römischer Anlagen, wie bei der Taufkapelle St. Jean in Poitiers, die im Kern aus dem 4. Jahrhundert stammt. Weitergebaut wurde nach rund 200 Jahren.

 

Die späteren karolingischen Großbauten aber verlangten nach Spezialisten aus dem Süden. In Byzanz, im byzantinischen Süden Italiens und in Norditalien hatten sich die Fertigkeiten des Steinbaus erhalten. Nach zunächst vereinzeltem Auftreten sind diese Comaciner und Byzantiner seit dem 11. Jh. in größerem Umfang nachgewiesen.

 

Santa Maria del Naranco (E),
 
Untergeschoß, mit Gurtbogen, Mitte 9. Jh.

 

Die Weiterentwicklung der Gewölbe von der schon in Ägypten bekannten Tonne, über das Kreuzgratgewölbe zum Kreuzgrippengewölbe war bestimmt von statischen Erfordernissen, Prestigedenken und dem Bedürfnis nach Dekoration.

 

Tonnengewölbe

Sie haben ein zähes Leben in der Architekturgeschichte gehabt. Von den Römern übernommen, verloren sie erst im 12. Jahrhundert nach der Entwicklung des Kreuzgratgewölbes an Bedeutung. In der deutschen Gotik tauchen Tonnen mit Stichkappen gelegentlich noch auf.

 

Sainte-André-de-Sorède, Pyrénées-Orientales (F),
 
Mittelschiff, Rundtonne und Gurtbogen
 
 
Schon im 9. und 10. Jahrhundert erinnerten sich asturische Baumeister des Tonnengewölbes und setzten es in den Weltkulturerbe-Bauten bei Oviedo ein. Interessant ist, daß die Tonnen in Santa María del Naranco und San Miguel de Lillo (beide Mitte 9. Jh.) schon durch Gurtbogen gegliedert waren, die gelegentlich als Merkmal der Romanik bezeichnet werden.
 

Quer zur Längsachse angebracht, verstärken Gurtbogen das Gewölbe, gliedern durch ihre Stützen auch die Wand und unterteilen das Schiff in Joche - ein Schritt nach vorn in der Architekturgeschichte.

 

Die Baumeister setzten Tonnen, oft unsichtbar, auch in Seitenschiffen oder Umgängen zur Abstützung des Hauptgewölbes ein, so in der karolingischen Pfalzkapelle Aachen und in der romanischen Zisterzienser Abteikirche von Fontenay. Das Hauptschiff wird dort von einer Spitztonne überwölbt.

 

Aber die Tonnen hatten ein Problem. Wegen des hohen Eigengewichts und starken seitlichen Schubs konnten keine breiten Räume gewölbt werden, und so konzentrierte sich in karolingischer Zeit ihr Einsatz auf kleine Kirchen, Krypten und Seitenschiffe.

 

Einhardbasilika, Michelstadt-Steinbach (D)
 
Tonnengewölbte Stollenkrypta, ohne Gurtbogen, karolingisch, um 825
 

Auch in der Stilepoche der Ottonik war das Tonnengewölbe präsent, überall dort wo Holz nicht erwünscht und keine große Weite zu überbrücken war.

 

St. Wiperti, Quedlinburg, (D),

Krypta, Tonne mit Gurtbogen und Stützenwechsel, ottonisch, um 1000 

 

  Saint-Michel-de-Cuxa, Pyrénees Orientales (F)

Krypta, Ringtonne, premier art roman méridional, um 1000

 

Später entwickelte sich für größere Gebäude aus der allgemein üblichen Rundtonne die Spitztonne, deren Schub nun nicht nur seitlich auf die Mauern, sondern auch nach unten geführt wurde - ein Schritt in Richtung Gotik.

 

Sainte Marie, Coustouges, Pyrénees Orientales (F)
 
Mittelschiff mit Spitztonne, 1. Hälfte 12. Jh.

 

Auch die Romanik konnte auf Tonnengewölbe nicht verzichten. Hier setzten sich endgültig Gurtbogen durch.

Neue Ideen wurden geboren. So im burgundischen Tournus, wo ein kreativer Baumeister in Saint Philibert Quertonnen über Schwibbögen zur Überwölbung eines Mittelschiffes von etwa 7 m Breite einsetzte, weil die Längstonne der Aufgabe nicht gewachsen war. Das war ein genial einfacher Versuch, um vor dem Aufkommen der Kreuzgratgewölbe für breite Schiffe (erstmals im Dom zu Speyer) eine Lösung zu finden. Die Experten rätseln noch heute darüber, warum dies ein Einzelfall blieb.

 

Saint Philibert, Tournus (F)
 
Quertonnen des Mittelschiffs, ab 1070 (Foto Dr. Herbert Krahé, Siegburg).

 

Wenn zwei einander gegenüber liegende Tonnen quer auf das Hauptgewölbe treffen und es anschneiden, entstehen Stichkappen, in die häufig Fenster eingesetzt werden.

 

Klosterkirche Abdinghof, Paderborn (D)
 
Krypta mit Stichkappen, 1023 geweiht

 

Damit sind wir auf dem Wege zum Kreuzgratgewölbe in der nächsten Folge.

 

Überarbeitung und Änderung 2011