lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte
 

Sakralarchitektur: Einzelthemen

 

Himmelszelte aus Holz und Stein:
Mittelalterliche Gewölbe - Teil 4

 

Wenn Gläubige ihr Antlitz erheben, erwarten sie Pracht und Schönheit der symbolischen Himmel. In mittelalterlichen Kirchen gaben Baumeister, Zimmerleute und Maler für die Gestaltung von Holzdecken und Gewölben das Beste ihrer Kunst.

 

Kuppeln

Im Gegensatz zu den oben besprochenen Gewölben zeigen sich manche Kuppeln schon dem außen stehenden Besucher. Ganze Stadtlandschaften werden von ihnen geprägt.

 

 

Rom (I),
Blick von der Engelsburg
 
 
 
Pantheon Rom (I)
  Kuppel, Antike, 2. Jh

 

Den Durchmesser des Pantheon aus dem 2. Jahrhundert haben, soweit ich das sehe, Bauten des Mittelalters nicht erreicht. Allerdings wurde diese Kuppel in Gußtechnik aus „römischem Beton“ errichtet. Trotzdem, bei einem Durchmesser von 43,3 und gleicher Scheitelhöhe ist sie ein Meisterwerk römischer Ingenieurkunst.

 

Da nimmt sich selbst die Hagia Sophia aus dem 6. Jahrhundert, der bedeutendste Kuppelbau des Mittelalters, mit ca. 33 m Durchmessser auf den ersten Blick bescheidener aus. Doch baute man ihn mit Ziegeln, und er ist in dieser „Klasse“ bei einer Scheitelhöhe von 55 m eine absolute Meisterleistung christlicher Baukunst.

 

San Vitale in Ravenna aus dem gleichen Jahrhundert (16 m Durchmesser), die Palastkapelle in Aachen aus dem 8. Jahrhundert (14.5 m Durchmesser) und der Dom von San Marco in Venedig aus dem 11. Jahrhundert (ca. 10 m) müssen sich an der Hagia Sophia messen lassen.

 

Der Einsatz von Kuppeln

Die meisten mittelalterlichen Kirchen sind Längsbauten (Basiliken, Hallenkirchen, Saalkirchen). Sie schließen mit den schon beschriebenen Gewölben ab.

 

Eine Ausnahme sind etwa 60 Längsbauten in Aquitanien, meist einschiffig mit mehreren Kuppeln hintereinander anstelle der Gewölbe. Sonst finden sich Kuppeln vor allem in Vierungstürmen von Längsbauten und sind von außen als solche nicht zu erkennen. In der Regel aber sind es Zentralbauten, die mit Kuppeln gekrönt sind, häufig Tauf- und Grabkirchen.

 

Im Bereich des ehemaligen oströmischen Reiches sind Kuppeln häufiger als im Westen. Byzantinische Baumeister entwickelten auch das System der Kreuzkuppelkirche, deren Frühform das Grabmal der Galla Placidia in Ravenna sein soll. Auch diese Kuppel ist in einem Turm „versteckt“.

 

Einflüsse und Kuppelformen

Der Einfluß byzantinischer Vorbilder ist nicht zu leugnen, wie die „Paarung“ San Vitale, Ravenna und Palastkapelle, Aachen zeigt. Auch bei den aquitanischen Kirchen ist byzantinischer Einfluß, vielleicht über den Markusdom in Venedig, möglich.

 

In Spanien ist islamischer Einfluß manchmal unverkennbar.

 Vera Cruz, Segovia (E)

Zentralbau, Kuppel mit
islamischem Einfluß, um 1200

 

Jetzt etwas Technisches zum besseren Verständnis der wichtigsten der vielen verschiedenen Formen.

Da ist einmal die Trompenkuppel, die man recht häufig sieht. In die rechten Winkel der tragenden Wände gemauerte trichterähnliche Elemente ermöglichen den Übergang vom quadratischen Grundriß auf einen runden oder polygonalen zur Aufnahme der Kuppel - oft in Vierungstürmen.

 

Dom zu Worms
 
Trompenkuppel

 

Pendentifs (Eckzwickel) werden in der Regel bei aufstehenden, d. h. von außen sichtbaren Kuppeln angewendet. Auch hier geht es um den Übergang vom quadratischen auf runden Querschnitt. Ehe ich Unverständliches von mir gebe, zitiere ich aus der ausgezeichneten Seite www.elkage.de: "Aus den 4 Ecken des Raumes wachsen die Pendentifs nach oben zu einem geschlossenen Kreis, über dem sich die Kuppel erheben kann." Das Bild der Hagia Sophia möge die Aussage verdeutlichen.

 

Hagia Sophia, Istanbul (TR)
6. Jh.  (Foto Wikipedia)

 

Im Domikalgewölbe mischen sich Elemente des Kreuzrippengewölbes und der Kuppel. Es kam im 12. Jh. aus Südwestfrankreich, ein Merkmal angevinischer Gotik. Es verbreitete sich im 13. Jh. in Norddeutschland. Der Schlußstein ist stark nach oben gezogen und liegt deutlich über den Scheiteln von Gurt- und Schildbogen. Es wird auch treffend als Rippenkuppel bezeichnet.

 

Dom zu Münster (D)
Mittelschiff mit Domikalgewölbe,
13. Jh.

 

Ein interessantes Konstruktionsdetail manch alter Kuppeln ist leider unsichtbar. Im holzarmen Nordafrika soll die Idee entstanden sein, Tonröhren oder Amphoren ineinander zu schieben und diese Gebilde zur Abstützung zu verwenden. Neben wertvollem Holz sparte man durch die Hohlkörper Gewicht und gewann trotzdem Stabilität. Antike Bauten bedienten sich dieses Systems und auch die Baumeister von San Vitale in Ravenna, um nur ein Beispiel zu nennen.

 

Kuppel San Vitale, Ravenna
 
(Foto Wikipedia/Gunther Hissler)

 

 

Literatur

 

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Clifton-Taylor, Alec, The Cathedrals of England, Thames & Hudson, London, 1967 and 1968
 
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Fillitz, Hermann, Das Mittelalter I, in: Propyläen Kunstgeschichte, Propyläen-Verlag, Berlin, 1990
 
Kiesow,Gottfried, Kulturgeschichte sehen lernen, Band 2, 1. Auflage, Verlag MONUMENTE Publikationen, Bonn 2001
 
Koch,Wilfried, Baustilkunde, Sakralbau, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon-Verlag, 1993
 
Lobbedey, Uwe, Kirchenbau im sächsischen Missionsgebiet, in:  Kunst und Kultur der Karolingerzeit, Karl der Große und Papst Leo III., Paderborn. Beiträge zum Katalog der Ausstellung, Paderborn 1999, Hrsg. Stiegemann, Christoph/Wemhoff, Mathias, Verlag Philipp von Zabern, Mainz
 
Musset, Lucien, Romanische Normandie (West) (Basse-Normandie), Echter Verlag, Würzburg (französische Ausgabe 1975
 
Oursel, Raymond, Romanisches Burgund, Zodiaque Echter Verlag, Würzburg 1981
 
Pintarelli, Silvia Spada, Fresken in Südtirol, Hirma Verlag GmbH, München, 1997
 
Spicker-Beck, Monika/Keller, Theo, Klosterinsel Reichenau, Jan Thorbecke Verlag, Stuttgart, 2001
 
 
Netz
 
 
 
Verschiedene Wikipedia-Dateien
 
 
Vorträge
 
Wolff, Arnold, Der mittelalterliche Kirchenbau in England, Vorlesungsreihe Karl-Rahner-Akademie, Köln, Januar/Februar 2000
 
Wolff, Arnold, Romanische Kunstlandschaften, Karl-Rahner-Akademie, Köln, 2003
 
Wolff, Arnold, Gotische Kunstlandschaften, Karl-Rahner-Akademie, Köln, 2004
 
 
Wolff, Arnold, Die Gotischen Kathedralen, Karl-Rahner-Akademie, Köln, 2010