lipprose Werner Nolte über mittelalterliche Architektur und Geschichte

Sakralarchitektur: Einzelthemen

Himmelszelte aus Holz und Stein:
Mittelalterliche Gewölbe - Teil 3

 

Wenn Gläubige ihr Antlitz erheben, erwarten sie Pracht und Schönheit der symbolischen Himmel. In mittelalterlichen Kirchen gaben Baumeister, Zimmerleute und Maler für die Gestaltung von Holzdecken und Gewölben das Beste ihrer Kunst.

 

Kreuzrippengewölbe

Die Entwicklung in der Wölbungstechnik blieb nicht stehen.

 

Etwa 400 Jahre hatten mittelalterliche Baumeister gebraucht, bis sie die Tonnenwölbung der Mittelschiffe durch Kreuzgratgewölbe ablösen konnten.

 

Nach nur wenigen Jahrzehnten kam der nächste Schritt, die Weiterentwicklung zum Kreuzrippengewölbe. Die Grate wurden durch Rippen ersetzt. Druck und Schub konzentrierten sich auf Pfeiler und Säulen, die Wand wurde entlastet und später als Stütze überflüssig.

 

Das war ein entscheidender Schritt hin zum gotischen Bauen, wichtiger noch als der zum Kreuzgratgewölbe. Zunächst aber setzten die Baumeister die neuen Gewölbe in der Hochromanik ein.

 

Die ersten Kreuzrippengewölbe

Doch welche Meister durften sich mit dem Ruhm schmücken, das neue Gewölbe als erste eingesetzt zu haben, normannische oder englische?

 

Das scheint strittig.

 

Der Zeitrahmen in Caen (oft werden Saint-Étienne, das Männerkloster und la Trinité, das Frauenkloster, in einem Atemzug genannt) reicht von 1120-1140.

 

Die von mir gefundenen Datierungsunterschiede für Durham sind größer und reichen von 1096 (Wolff) bis 1133. (http://www.durhamcathedral.co.uk).

 

Es gibt noch andere Differenzen. Einige Experten sprechen von "falschen" Rippengewölben in der Normandie, während niemand die "Echtheit" des Gewölbes in Durham bezweifelt.

 

Saint-Étienne, Caen (F)
 
Mittelschiff, Kreuzrippengewölbe, 1130-40
 
 
 
Kathedrale von Durham (GB)
 
 Mittelschiff, Kreuzrippengewölbe, nach 1110 (Bild: Wikipedia)

 

 

Zwei Aussagen aber gehen ins Detail und scheinen mir bemerkenswert.

 

Lucien Musset, ein Spezialist für normannische Kunst, setzt in "Romanische Normandie" für das Gewölbe in St. Étienne "1130-1140" an, für das der Klosterkirche von La Trinité "um 1130". Nach ihm hat nur Letztere ein "falsches" Gewölbe.

 

Für Durham lasse ich einen englischen Autor sprechen, Alex Clifton Taylor, in "The Cathedrals of England". Er gilt als einer der bedeutendsten Experten für englischen Kirchenbau. Nach ihm ist das Rippengewölbe im Querhaus um 1100 das erste hohe Gewölbe dieser Art in Europa, ehe anschließend das Mittelschiff gewölbt wurde. Damit würde Durham die Krone gebühren.

 

Wenn diese Daten stimmen, wären vom ersten Kreuzgratgewölbe in Speyer (ab 1080) bis zum ersten Kreuzrippengewölbe in Durham 30/40 Jahre vergangen, eine sehr kurze Zeit für mittelalterliche Verhältnisse. Andererseits – es lag nahe, die Grate durch Rippen zu ersetzen.

 

St. Marien in Barth (D)
 
 Backsteingotik, Kreuzrippengewölbe von oben. Ein eher seltener Anblick für den Kirchenbesucher

 

Die Bedeutung des neuen Gewölbes ist kaum zu überschätzen. Gotisches Bauen wäre ohne Kreuzrippengewölbe und Spitzbogen nicht möglich gewesen. Erst durch den Skelettbau konnten die Meister Wände durch riesige Fenster ersetzen und der Sehnsucht nach mehr Licht entgegenkommen.

 

Weiterentwicklung des Kreuzrippengewölbes

Während der späten Gotik übernahmen die Rippen mehr und mehr Schmuckfunktionen. Ihre Profile veränderten sich, aber auch Anzahl und Anordnung. Die Verwandtschaft der wuchtigen Bandrippen der frühen Gewölbe mit den Netz-, Stern-, Schling-, und Fächergewölben der Spätgotik ist kaum noch zu erkennen. Spätgotische Baumeister verfügten über viel Phantasie. Die Entwicklung ging bis zu sich überstabenden Rippen und letztlich zu hängenden Schlußsteinen. (Ab 13. Jh.)

 

Kloster Maulbronn (D)
 
 Gewölbe des Vorratskellers, Bandrippen, 13. Jh.
 
 
 
Saint Pierre, Caen (F)
 
 Hängegewölbe, spätgotisch, frühes 16. Jh.
 
 
 
Kloster Maubronn (D)
 
 Parlatorium, Netzgewölbe, spätgotisch, frühes 14. Jh.
 
 
 
Schlosskirche Wittenberg (D)
 
Netzgewölbe, mit hängendem Schlußstein,
Rippen mit Birnstabprofil, neugotisch nach alten Vorlagen.
(Foto: Pfr. Martin Kutzschbach, Siegburg)
 
 
 
Kloster Bebenhausen (D),
 
Schleifsterngewölbe im Brunnenhaus, spätgotisch, spätes 15. Jh.
 
 

Die Gewölbe der Backsteingotik im deutschen Raum waren bescheidener, und folgten dezenter dem Zeitgeist, oft mit schlichter Farbfassung.

 

Schweriner Dom (D) 
 
Backsteingotik, Sterngewölbe, 14. Jh.
 
 
 
St. Marien, Stralsund (D)
 
 Backsteingotik, 4-teiliges Kreuzrippengewölbe, 15. Jh.
 
 

Schlußsteine, oft plastisch gestaltet, symbolisieren Christus. Ihnen galt die besondere Aufmerksamkeit der Künstler. Ich zeige einige wenige aus reicher Vielfalt.

 

In England häuften sie sich an manchen Gewölben, wie in Winchester, der Kathedrale mit dem längsten einheitlich gewölbten Mittelschiff Englands. In der deutschen Sondergotik verloren sie ihre Bedeutung.

 

St. Nikolai, Stralsund (D)
 
 Backsteingotik, 14. Jh.
 
 
 
Kathedrale von Winchester (GB)
 
 Mittelschiff, Perpendicular, 15. Jh.
 
 
 
St. Lorenz, Nürnberg (D)
 
 Schlußstein Vorhalle
 
 
 
St. Lorenz, Nürnberg (D)
 
 

Bei aller Bewunderung für das Können der kontinentalen Meister, es waren Steinmetze von der Insel, die uns die schönsten Kleinodien schenkten: Fächergewölbe und Kapitelhäuser.

 

Beide blieben auf England beschränkt. Das Fächergewölbe erschien zuerst im Kreuzgang von Gloucester in der Mitte des 14. Jh. und verbreitete sich rasch.

 

 

Kathedrale von Gloucester (GB)
 
 Kreuzgang, Fächergewölbe, Perpendicular, Mitte 14. Jh.
 
 
 
Kathedrale von Bath (GB)
 
Fächergewölbe, 19. Jh., nach mittelalterlichem Vorbild
 

 

Die oktogonalen Kapitelhäuser mit Gewölben, die sich auf nur eine Säule stützen, sind ein weiterer Höhepunkt beim Besuch gotischer Kathedralen in England.

 

Der schönste Kapitelsaal soll sich in Wells befinden, während der in York mit 18 Metern Durchmesser der größte ist.

 

 

Kathedrale von Wells (GB)

Kapitelsaal, 104 Rippen,reifes Decorated, Anfg. 14. Jh.

 

Damit beende ich den Streifzug durch die Welt der Gewölbe. Die Reihe endet mit einem Blick auf die >Kuppeln, einer Sonderform der Gewölbe.

 

Änderung: 02.2015